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Marburg Kollegin spricht von Mobbing gegenüber Elena W.
Marburg Kollegin spricht von Mobbing gegenüber Elena W.
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00:18 18.05.2019
Elena W. sitzt auf der Anklagebank zwischen ihren Verteidigern. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Nach 21 Verhandlungstagen sind die Zeugenvernehmungen der Ärzteschaft abgeschlossen. Am Mittwoch traten nun erstmals unmittelbare Kolleginnen von Elena W. in den Zeugenstand. Die ersten sechs Krankenschwestern wurden vor allem zu den Abläufen auf der neonatologischen Intensivstation befragt.

Auch die Zusammenarbeit mit der Angeklagten sowie deren Charakter waren Thema der Vernehmungen. Eine 32 Jahre alte ­Kinderkrankenschwester der Intensivstation sprach am Mittwochnachmittag erstmals explizit von Mobbing gegenüber der Angeklagten.

Ein Begriff, der von der Ärzteschaft noch ausdrücklich dementiert worden war. Im Rahmen einer Konkurrenzsituation mit einer anderen Schwester sei es mehrfach zu Bevorzugungen gekommen. Unter anderem seien von einer älteren Schwester Fotos von vermeintlichen Fehlern gemacht worden. Diese habe die Schwester dann zunächst auf der Station herumgezeigt, bevor sie zusammen mit einem Brief an Elena W. überstellt wurden.

Insgesamt bekräftigte die 32-Jährige, „dass junge Kolleginnen es eher schwierig haben“. Es sei nicht immer so direkt verlaufen, aber unterschwelliges Mobbing habe es „etwa zwei- bis dreimal pro Woche“ gegeben. Auch in diesem Zusammenhang sei es zu sehen, dass die Angeklagte immer wieder „schwierigere Kinder“ übernommen habe.

So seien Reanimationssituationen, die in der Neonatologie eher selten vorkommen, für die Angeklagte auch ein Mittel zum Zweck der Außendarstellung gewesen, so ihre ehemalige Kollegin. Sie habe sich „in ein besseres Licht“ rücken wollen „als in jenes, in welches sie gerückt wurde“.

Ein mögliches absichtliches Herbeiführen derartiger Situationen war nicht Teil der Zeugenbefragungen, da dies in den Bereich der Spekulation fallen würde. Auf die Frage des vorsitzenden Richters Dr. Frank Oehm, ob die Angeklagte „auf Extremsituationen fixiert“ sei, nickte die 32-Jährige jedoch entschlossen.

Auf Seiten der Nebenklage ist man unzufrieden mit dem vergleichsweise positiven Bild, das sich von der Angeklagten gemacht wird: „Mobbing kann ein Motiv aus Sicht der Nebenklage darstellen, würde aber die Tat in keinster Weise rechtfertigen“, sagt Nebenklageanwältin ­Silke Heissenberger. Die Medizinrechtlerin vertritt die Eltern des verstorbenen Mädchens Leni.

Aussage dauert mehrere Stunden

Auf Nachfrage der Verteidigung gab die 32 Jahre alte Zeugin nach anfänglichem Zögern auch die Namen dreier Krankenschwestern preis, die hauptsächlich an dem Mobbing gegenüber der Angeklagten beteiligt waren.
Ihre Aussage, die mehrere Stunden dauerte, wurde durch mehrere emotionale Momente geprägt, die sowohl bei ihr als auch bei der Angeklagten zu Tränen führten.

Auf die Frage, ob sie die drei Schwestern auf ihr Verhalten angesprochen habe, antwortete die 32-Jährige stockend: „Leider nicht. Für mich gab es aus damaliger Sicht keinen Anlass.“ Sie habe geglaubt, die Situation sei bei ihrer Chefin gut aufge­hoben gewesen.

Diese hingegen hat in ihrer Aussage Anfang März den von den „Mobberinnen“ mutmaßlich geäußerten Vorwürfen gegenüber der Angeklagten teilweise beigepflichtet.

von Melchior Bonacker