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Marburg Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.
Marburg Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.
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17:05 03.04.2019
Die Angeklagte Elena W. mit ihrem Anwalt. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die Nebenklage war erleichtert. Die polizeiliche Aussage der Angeklagten Elena W. darf bei einer Urteilsfindung berücksichtigt werden. Dass dies überhaupt infrage stand, war durch den unklaren Vorhalt des Tatvorwurfs der Beschuldigten gegenüber bedingt. Es war nicht abschließend zu klären, ob die Polizei bei der Festnahme der damaligen Kinderkrankenschwester den Vorwurf vollständig eröffnet hatte.

Aus rechtlichen Gründen darf die Aussage nun nach Auffassung des Gerichts verwertet werden. Elena W. muss sich wegen der Vergiftung dreier Frühgeborener im Uniklinikum verantworten. Ihr wird vorgeworfen, den drei kleinen Mädchen ohne ärztliche Anordnung die Narkotika Midazolam und Ketamin gegeben zu haben.

Gestern waren drei Zeugenvernehmungen anberaumt. Die drei Kinderärzte lieferten kaum neue Erkenntnisse zu den Tathergängen. Auf Nachfrage beschrieb einer der Ärzte das Verhältnis der Angeklagten zu ihren Kollegen als „besonders“. Es habe „Gerede im Hintergrund“ gegeben, so der 34-Jährige. Elena W. habe „vielleicht nicht im Zentrum aller Aktivitäten und Sympathien“ gestanden.

"Unterdurchschnittliche Hemmschwelle"

Von Mobbing wollte der Arzt jedoch nicht sprechen. Er hob ihre besondere Art der Kommunikation hervor: Bezüglich Gesprächen mit Eltern habe sie eine „unterdurchschnittliche Hemmschwelle“ gehabt. Man könne dies aber auch als Ausdruck großer Empathie sehen, relativierte der vorsichtig auftretende Mediziner jedoch sofort. Bei der Arbeit sei die Angeklagte unkompliziert und professionell gewesen. Sie sei nicht besonders erfahren gewesen und habe daher „andere Fragen gestellt als Schwestern, die schon 20 Jahre dort arbeiten“.

Bei der Applikation von Medikamenten habe sie sich stets pflichtbewusst verhalten und Ärzte hinzugerufen. Nur Pflege­personal, das eine Intensivfortbildung absolviert hat, dürfe­ selbst Medikamente geben. Elena W. habe sogar „eher mal nachgefragt, weil sie die Wirkungen und Nebenwirkungen von der Selbsteinschätzung her nicht so einschätzen konnte“, beschrieb der Arzt die ehemalige Krankenschwester.

Bei der Vernehmung weiterer Ärzte will sich das Gericht ab sofort kürzer fassen. Auch die Verteidigung bestätigte, es gehe nur noch um die Fragen „Wie ist da behandelt worden?“ und „Wie war wer eingebunden?“.

von Melchior Bonacker

Bisherige Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?