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Marburg Kooperativ gegenüber Kripo
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00:18 16.03.2019
Die Angeklagte im Frühchen-Prozess, Elena W., mit ihren Anwälten Dr. Andreas Bentsch (rechts) und Dietmar Kleiner. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die ehemalige Krankenschwester wurde am 6. Februar 2016 in der Wohnung ihres Freundes in Friedberg festgenommen. Das hatte ein ­Ermittlungsrichter angeordnet. Als die Beamten um 21.30 Uhr des Samstags an der Tür klingelten, hatten die Angeklagte und ihr heutiger Verlobter bereits geschlafen.

Dennoch bat Elena W. die Polizei herein und zeigte sich kooperativ. Die Beamten konfrontierten sie umgehend mit dem Tatvorwurf: versuchter Totschlag zum Nachteil eines Kindes.
Zwar war sie „bestürzt über den Vorwurf“, sagten die Beamten, die sie festnahmen.

Jedoch habe sie geahnt, um welchen Vorfall es sich drehte: „Es geht bestimmt um die Johanna“, habe sie gesagt. Zu diesem Zeitpunkt soll die Angeklagte bereits gewusst haben, dass Narkosemittel im Blut des Frühgeborenen gefunden worden waren – welche genau, war jedoch nur einem kleinen Personenkreis bekannt.

Nachdem man sie aufgefordert hatte, ihre Sachen zu packen, brachten die Kriminaloberkommissarin und ein Kollege die Kinderkrankenschwester nach Marburg. Dort wurde zunächst ihr Spind auf der Station im Universitätsklinikum, anschließend ihre Wohnung durchsucht.

Die Angeklagte stellte der Beamtin gegenüber keine der Ermittlungshandlungen infrage: „Ich hab damit nichts zu tun, aber sie können gerne alles durchsuchen“, soll sie gesagt haben.
Zu diesem Zeitpunkt war die heute 29-Jährige noch sehr gesprächig – ganz anders als vor Gericht. Sie rede viel, wenn sie aufgeregt sei, habe sie auf der Fahrt erklärt.

Zwischenzeitlich weinte die Kinderkrankenschwester während des Gesprächs, berichteten die Zeugen. Tatsächlich machte Elena W. während der kurzen Autofahrt aber einige Angaben zur Sache. So kam sie unter anderem auch auf die kleine Leni zu sprechen.

Auch bei ihr habe es Komplikationen gegeben. Die Beamten selbst hatten den Namen des im Dezember 2015 verstorbenen Mädchens gar nicht erwähnt. Die Krankenschwester selbst stellte den Bezug her, gab aber zu bedenken, dass Leni im Gegensatz zu Johanna ein sehr krankes Frühchen gewesen sei.

In ihrer Vernehmung gab die Beschuldigte ebenfalls bereitwillig Auskunft. Auf Nachfrage,­ ob sie den Wirkstoff Ketamin kenne, gab sie beispielsweise an, sie kenne es nicht genau, sie habe es aber zweimal gegoogelt.

Zuletzt etwa zwei Wochen vor der Vernehmung, zuvor bereits während der Behandlung von Leni. Die Aussage deckt sich insofern mit der Auswertung ihres Mobiltelefons. Während sie jedoch für die jüngste Recherche keinen Grund mehr wusste, meinte sie sich in Bezug auf Leni zu erinnern: „Die hatte das, glaube ich, laufen.“

Bisher ergaben sich keine Hinweise, dass Leni tatsächlich regulär Ketamin verabreicht wurde. Alle Ärzte bestritten dies.

Dass die Vorfälle bei den Frühchen sich immer ausgerechnet in ihrer Schicht ereigneten, kam auch Elena W. seltsam vor: „Warum geht es Leni immer schlecht, wenn ich dabei bin?“, sagte sie bereits zuvor zu einem Oberarzt.

In ihrer Vernehmung gab sie etwas mehr von ihren Gefühlen preis: „Ich war verzweifelt, ich habe an mir selbst gezweifelt“, teilte sie den Vernehmungsbeamten mit. Sie habe sich nicht vorstellen können, dass jemand von der Station den Kindern die Medikamente gegeben habe – weder absichtlich, noch aus Versehen.

  • Prozess-Fortsetzung: Am Donnerstag ab 9 Uhr.

von Melchior Bonacker

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"