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Marburg Gutachter weist extreme Gift-Dosis nach
Marburg Gutachter weist extreme Gift-Dosis nach
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18:33 24.10.2019
Die Angeklagte Elena W. nimmt neben einem ihrer beiden Verteidiger im Landgerichtssaal Platz. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Erst Leni, dann Mia, nun Johanna: Seit Mittwoch sind alle medizinischen Gutachten als Beweismittel vorgelegt worden. Bei seinem neuerlichen Abgleich der jüngst errechneten toxikologischen Befunde mit den real gezeigten Symptomen am Uni-Klinikum kommt der Neonatologe Professor Bernd Roth zu klaren Befunden: Dem wenige Wochen alten Marburger Mädchen sei im Februar 2016 „eine exorbitante Dosis“ des Anästhetikums verabreicht worden.

Sowohl er als auch der Toxikologe Professor Stefan Tönnes hielten es bei ihren Fach-Einschätzungen eigentlich für „unrealistisch“, dass dem Frühchen tatsächlich bis zu vier Arznei-Ampullen gegeben wurden. Doch mit der Annahme, dass jemand das Frühchen habe töten wollen, sei eine orale Verabreichung gepaart mit der vorhandenen Magensonde oder Infusion „sehr wohl möglich“.

Hintergrund: In einem Arzneimittel-Päckchen am Klinikum fehlten mehrere Ampullen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Ex-Krankenschwester Elena W. unter anderem versuchten Mord vor. Roths Einschätzungen, wie auch die von Tönnes fußen vor allem auf den schriftlichen Unterlagen der Klinik. Dort ist jeder Handgriff von den auf Station Diensthabenden aufgelistet.

Aber: Was, wenn die Dokumentation ebenso falsch ist wie die Medikamentengabe? Der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm dazu: „Wenn jemand vergiften wollte, wird diese Person auch kein Interesse an einer richtigen Dokumentation haben.“ Zeit genug hätte es in der Schicht jedenfalls gegeben, „um Maßnahmen durchzuführen, die nicht vorgesehen sind.

Keine Vergiftungsfälle von Frühchen bekannt

Abgesehen davon, dass man sowas vorbereiten kann“, sagt Roth. Die Ketamin-Verabreichung stellt die Wissenschaftler indes vor Rätsel. Denn in der Fachliteratur gibt es keine annähernd vergleichbaren Fälle, keine Daten und somit Berechnungen von Wirkweisen, da Frühgeborenen wegen gefährlicher Nebenwirkungen dieses Mittel nicht gegeben wird.

„Wir kennen keine Vergiftungsfälle bei Frühchen.“ Klar ist laut Roth nur: Noch höhere Medikamenten-Mengen als die vier Ampullen hätte der kindliche Körper von Johanna wohl nicht aufnehmen können; und selbst wenn, wäre bei einer nochmal doppelt so hohen Menge eine Wiederbelebung nicht mehr möglich ­
gewesen.

Mediziner wertet Menge
 als „lebensgefährlich“

Für den Neonatologen ist es trotz der „derartig hohen Menge“ schwer möglich zu rekonstruieren, wie das Ketamin genau im Körper wirkte, was es auslöste, welche Folgen es hatte. Nur die aufgetretenen Herzprobleme seien „am ehesten“ durch Ketamin hervorgerufen worden und „lebensbedrohlich“.

Das Problem: Die Arznei wurde zu einem Zeitpunkt verabreicht, als in Johanna bereits eine hohe Menge des ebenfalls zu Unrecht verabreichten Midazolams – „in sehr hoher Konzentration“ – arbeitete.

Dessen Folgen sind für Roth hingegen leichter nachzuvollziehen, die in Simulationen errechnete Dosis „passt genau zu dem, was das Mädchen an Symptomen zeigte“ – bis hin zu den mehrfach nötigen Wiederbelebungen.

Das im Dezember 2015 bei Leni, dem verstorbenen Frühchen, aufgetretene Kammerflimmern im Herzen könnte „theoretisch auch auf eine hohe Ketamin-Dosis zurückgehen“. Zumal ­
Leni schwer herzkrank war. Aber: Einen Ketamin-Nachweis im Blut hat es damals im Gegensatz zu den Fällen Johanna und Mia nicht gegeben.

Die Landgerichts-Strafkammer hat gestern das mögliche Strafmaß verschärft. Der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm erteilte rechtliche Hinweise, wonach die in den Fällen der vergifteten Frühchen Johanna und Mia angeklagten Misshandlungen von Schutzbefohlenen erweitert werden, es auch auf ­„rohe Misshandlung“ hinauslaufen könnte.

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“

30. August: Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel

5. September: Experte nennt Daten zu Gift-Dosis

6. September: LKA-Experte findet neue DNA-Spur

19. September: "Ohne ärztliches Eingreifen wäre sie gestorben"