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Marburg Freunde in der Zwangsnachbarschaft
Marburg Freunde in der Zwangsnachbarschaft
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00:15 07.12.2012
Helmut Heck (vorne) und Wolfgang Lixfeld (hinten) teilen sich ein Zimmer im Dialysezentrum in Cappel. Die beiden Männer schätzen den familiären Umgang auf der Station. Nicht zuletzt wegen Mitarbeitern wie Edmund Nau, der schon seit 30 Jahren im Dialysezentrum arbeitet. Quelle: Marie Lisa Schulz
Marburg

Freunde wären Helmut Heck und Wolfgang Lixfeld normalerweise sicher nicht geworden. Zu unterschiedlich die Leben der beiden Männer, zu verschieden die Charaktere. Aber im Leben von Helmut Heck und Wolfgang Lixfeld ist „normal“ eher unnormal. Die beiden Männer müssen dreimal wöchentlich zur Dialyse. Immer zur gleichen Zeit, immer im gleichen Zimmer. Mal vier, mal fünf, mal sechs Stunden liegen sie nebeneinander. Krankenbett neben Krankenbett. Zwangsnachbarschaft eben. Eine, in der sie sich gut arrangiert haben. Eine, in der sie sich schätzen gelernt haben. In der sie sich gegenseitig aufbauen, unterhalten, anhören. „Wenn man manchmal mutlos ist, gibt man sich gegenseitig Ratschläge“, erklärt Wolfgang Lixfeld.

Der 62-Jährige hat schon viele Bettnachbarn kommen und gehen sehen. Manche haben nach einiger Zeit eine Spenderniere erhalten. Führen mittlerweile ein halbwegs normales Leben, in dem das Dialysezentrum mit all seinen Patienten nur noch eine blasse Erinnerung ist. Andere sind verstorben. Haben den Kampf gegen ihre Krankheit verloren. Immer aber war das Nachbarbett von einem auf den anderen Tag leer. Immer musste Lixfeld Abschied nehmen. Immer musste er sich auf neue Bettnachbarn einstellen.

Seit 27 Jahren schon geht er dreimal wöchentlich zur Dialyse. Kraftzehrende, belastende Jahre. Eine Spenderniere wurde ihm vor einiger Zeit transplantiert. Damals hoffte er auf eine Rückkehr in ein „normales“ Leben. Eines, das nicht durch die Dialysetermine und die ständige Ermüdung geprägt ist. Sein Körper stieß die Niere ab. Das normale Leben - es sollte ein Traum bleiben. „Meine Frau gibt mir Kraft. Da ist ein fester Zusammenhalt entstanden. Dass sie das alles mit mir trägt, ist sehr wichtig.“

Die Situation mit ihm (er)tragen, das tut auch der 61-jährige Helmut Heck. Seit knapp einem Jahr hat er das Bett neben Wolfgang Lixfeld bezogen. Tag für Tag kämpft er sich in sein Leben zurück. Schlaganfall, Nierenversagen. Die Maschinen müssen die Arbeit der kranken Nieren übernehmen. Heck hat die Hoffnung auf ein Spenderorgan noch lange nicht aufgegeben. Hat sich extra ein Handy angeschafft, um rund um die Uhr erreichbar zu sein. Die Hoffnung auf den erlösenden Anruf ist zu einem stillen Begleiter geworden. Bis dahin muss sein Blut dreimal pro Woche im Dialysezentrum in Cappel von Giftstoffen gereinigt werden.

Seit sich die beiden Männer kennen, schweigt der Fernseher an der Zimmerdecke. Zu viel haben sie sich zu erzählen, zu viel zu bereden. Immer dann, wenn sie an die Maschinen angeschlossen werden, beginnt ihre Zeit als Bettnachbarn. Werden die Maschinen abgeschlossen, falten sie ihre Wolldecken fein säuberlich zusammen, ziehen sich ihre Schuhe an und gehen wieder für ein paar Tage in ihren Alltag, ihr eigenes Leben, zurück.

Irgendwann nächsten Sommer wollen sie zusammen grillen. Wollen sich gegenseitig ihre Familien vorstellen. All die Menschen, die der Bettnachbar nur aus den Erzählungen kennt. Bis dahin aber werden noch Wochen, Monate ins Land gehen. Zahlreiche Vormittage, zahlreiche Stunden, die sie nebeneinander liegen und nichts anderes tun können, als zu reden. Mit der Situation hadern? Lixfeld hat das aufgegeben. „Wenn man eine begrenzte Lebenszeit hat, geht man anders in den Tag hinein. Man ist dankbarer.“

Dankbar auch für die Begegnung mit Helmut Heck. Den Mann, mit dem er ein Zimmer und ein Schicksal teilt. Die Frage, ob die Zwangsnachbarschaft sie auch zwangsläufig zu Freunden werden ließ, stimmt den 62-Jährigen für einen kurzen Moment nachdenklich: „Ja, hier kann man so etwas werden.“

von Marie Lisa Schulz