Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ein paar Euro für ein reines Gewissen
Marburg Ein paar Euro für ein reines Gewissen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:30 23.04.2019
Für Flugreisen, die unverhältnismäßig mehr CO2-Ausstoß produzieren als Reisen mit anderen Verkehrsmitteln, sollen freiwillige Klimaabgaben für einen Ausgleich sorgen. Foto: Daniel Reinhardt Quelle: Daniel Reinhardt
Marburg

Falls Greta Thunberg irgendwann doch einmal der Einladung von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) folgt und die Universitätsstadt an der Lahn besucht, kann sie das reinen Gewissens tun. Sollte die Reise als Dienstreise für die Stadt Marburg abgerechnet werden, und sollte die Klima-Ikone den Flieger benutzen, erstattet die Stadt eine Klimaabgabe.

Der Magistrat beschloss nämlich Anfang des Monats, dass den Mitarbeitenden der Stadtverwaltung die tatsächlichen Kosten einer freiwilligen Klimaabgabe als Bestandteil der Reisekosten bis zu einem Betrag von 45 Euro pro Tonne Kohlendioxid erstattet wird. Das geht aus einer Mitteilung des Oberbürgermeisters an die Stadtverwaltung hervor.

„Selbstverständlich“, sagt Pressesprecherin Birgit Heimrich, „kommt das Flugzeug für Dienstreisen ausschließlich bei Zielen infrage, die per Bahn nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand zu erreichen sind – zum Beispiel bei Reisen in die Marburger Partnerstädte Sfax oder Sibiu.“ Die Vorstellung, dass Mitarbeiter der Stadtverwaltung, Amtsleiter oder Magistratsmitglieder, permanent mit Ryanair oder Lufthansa von Frankfurt nach Berlin düsen, trifft so nicht zu: Auf insgesamt „maximal ein Dutzend“ in den vergangenen fünf Jahren schätzt die Pressesprecherin die Anzahl der Dienstreisen per Flieger. Jede einzelne Flugreise hinterlässt einen sogenannten „ökologischen Fußabdruck“, wie das die Experten nennen. Ein Flug von Marburg in die Partnerstadt Sfax in Tunesien etwa sorgt für einen CO2-Ausstoß von umgerechnet 969 Kilogramm pro Person. Das geht aus Berechnungen der Klimaschutzorganisation Atmosfair hervor.

Die Organisation (www.atmosfair.de) beschäftigt sich vor allem mit den ökologischen Auswirkungen des Reisens und bietet auf ihrer Webseite einen CO2-Rechner für Flugreisen an. Mit einem einzigen Flug nach Sfax ist nach diesen Angaben das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen (2 300 Kilogramm) also schon fast zur Hälfte aufgebraucht. Die Stadt kommt in ihrer Berechnung auf „nur“ 814“ Kilogramm, entscheidend ist aber, dass die Klimabelastung durch Klimaprojekte „kompensiert“ werden kann – durch Spenden für Klimaschutzprojekte, durch die die entsprechende Menge CO2 gebunden wird.
Faustregel: Pro Tonne CO2-Ausstoß braucht es 25 Euro für Klimaschutzprojekte.

Ein eigenes Budget gibt es für die Erstattung der Klimaabgabe im Haushalt nach Angaben von Heimrich nicht; „sie wird aus dem Budget für Reisekosten mitfinanziert“. Die Stadt schätzt, dass pro Jahr nicht mehr als 1 000 Euro an Mehrkosten anfallen.

Und noch eine Zahl: Käme Greta Thunberg auf Kosten der Stadt von Stockholm nach Marburg, fielen 16 Euro an Klimaabgabe an.

von Till Conrad