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Marburg Freigehaltene Betten – leere Kassen?
Marburg Freigehaltene Betten – leere Kassen?
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07:58 26.11.2020
Um auf die Aufnahme von Covid-19-Patienten vorbereitet zu sein – wie hier auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Leipzig – halten Krankenhäuser Betten frei, verschieben Operationen. Nicht alle werden dafür auch bezahlt.
Um auf die Aufnahme von Covid-19-Patienten vorbereitet zu sein – wie hier auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Leipzig – halten Krankenhäuser Betten frei, verschieben Operationen. Nicht alle werden dafür auch bezahlt. Quelle: Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa
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Marburg

Es bestehe die Gefahr, dass damit am Ende sogar weniger Betten für Covid-Patienten zur Verfügung stehen, sagte der Geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Professor Steffen Gramminger.

Schon im Frühjahr hatten die Kliniken viele Betten für Covid-Patienten freigehalten. Der Bund hatte den Krankenhäusern die Kosten dafür ersetzt. Mit dem dritten Bevölkerungsschutzgesetz wurden die Freihaltepauschalen wieder eingeführt. „Das ist an sich absolut sinnvoll“, sagte Gramminger. Nur: Die Bundes-Regelung sei nicht kompatibel mit dem hessischen Versorgungskonzept.

Die Freihaltepauschalen gibt es nämlich nur unter bestimmten Voraussetzungen. So muss es in der Region viele Covid-Fälle geben und wenig freie Intensivbetten. „Das macht ja Sinn“, sagt Gramminger, kritisiert aber eine dritte Bedingung: Die Freihaltepauschale bekommen Kliniken nur, wenn sie in den beiden höchsten Notfallstufen eingruppiert sind. „Das gestufte System der Notfallversorgung wurde mit der Versorgung der Patienten in der zweiten Covid-Welle verknüpft. Damit fallen 50 bis 60 Prozent der Häuser in Hessen aus dieser Regelung raus.“

Nun könne es sogar schneller zu Engpässen kommen, „weil die hohe Flexibilität des hessischen Modells mit der strukturierten Zusammenarbeit aller Krankenhäuser konterkariert wird“. Die Hessische Krankenhausgesellschaft, das Sozialministerium und der Planungsstab arbeiteten an Lösungen, um möglichst viele Krankenhäuser eingebunden zu lassen. Der Bund müsse das Gesetz nachbessern und den Ländern mehr Spielraum geben. „Aktuell fühlen sich die Krankenhäuser vor den Kopf gestoßen“, sagte Gramminger.

Auch die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund fordert eine Finanzierungssicherheit der Hessischen Krankenhäuser. Viele Kliniken in Hessen kämen durch die steigende Zahl an Covid-19-Patienten an ihre Belastungsgrenze. Bei stetig weiter steigenden Zahlen würden in den nächsten zwei bis drei Wochen vielerorts bestehende intensivmedizinische Kapazitäten weitgehend ausgeschöpft sein. Hinzu kämen erhebliche Personalengpässe – auch wegen erkrankten Personals. „Eine Regelversorgung im üblichen Umfang lässt sich bei weiter steigenden Einweisungen von Covid-19-Patienten nicht aufrechterhalten“, so die Ärzte-Vertretung.

Deshalb müsse es jetzt das klare politische Signal an die Krankenhäuser geben, planbare operative Eingriffe zurückzustellen, soweit sie nach individueller ärztlicher Beurteilung keine Dringlichkeit haben. So werde es möglich, kurzfristig weiteres Personal für die Versorgung akut und kritisch erkrankter Patienten einzusetzen. „Wir wollen in Hessen weiter alle akut erkrankten Patienten gut versorgen können. Das geht aber nur, wenn wir jetzt die richtigen Prioritäten setzen“, sagt Dr. Susanne Johna, Landesverbandsvorsitzende des Marburger Bundes Hessen.

„Die Landespolitik muss nun reagieren und verordnen, verschiebbare stationäre Eingriffe je nach Belastungssituation zu reduzieren beziehungsweise zurückzustellen und den hessischen Krankenhäusern eine Finanzierungssicherheit zu geben“, so Johna. Man befände sich seit vielen Monaten in einer pandemischen Situation und könne die Belastung der Krankenhäuser einige Wochen vorher extrapolieren. „In dieser Zeit nicht zu handeln ist gegenüber dem Personal und den Patienten nicht zu rechtfertigen“, so die Vorsitzende.

Das Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) gehört mit beiden Häusern zu den Schwerpunktkliniken in Hessen und ist auch in die „jeweils entsprechende Notfallstufe eingruppiert“, erläutert UKGM-Pressesprecher Frank Steibli auf Anfrage der OP. Wie stark und mit welchen Summen profitieren die beiden Häuser von den Freihaltepauschalen? „Diese Frage können wir seriös erst am Quartalsende beziehungsweise Anfang nächsten Jahres beantworten“, so Steibli.

Und wie schaut es mit der Flexibilität aus? Dazu erläutert der Pressesprecher, dass die beiden Unikliniken in Marburg und Gießen im sogenannten „Versorgungsgebiet 3“ vom hessischen Sozialminister als koordinierende Kliniken ausgewählt worden seien. „Wir können seit Beginn der Pandemie auf eine gute, erfolgreiche Zusammenarbeit mit allen Kliniken der Region zurückblicken. Dies ermöglicht uns eine sehr flexible Reaktion auf die jeweilige Infektionslage und die Anzahl der Patientinnen und Patienten, die es mit und ohne Covid-19 hier in Mittelhessen zu versorgen gilt“, teilt Steibli mit.

Auch am DGD-Diakoniekrankenhaus Wehrda habe man „leider Wahleingriffe, die nicht dringlich sind, aufgrund der Pandemie und zulasten der Patienten verschieben müssen. Von anderen Häusern haben wir keine Patienten übernommen“, erläutert der Ärztliche Direktor Volker Neumann auf Anfrage der OP. Die Klinik nehme als Akutkrankenhaus „rund um die Uhr an der Notfallversorgung für den Landkreis Marburg-Biedenkopf teil und ist als Basis-Notfallversorger eingestuft“.

Für Covid-19-Patienten stehe eine Isolierstation zur Verfügung. Darüber hinaus „halten wir die Vorgaben zur Eindämmung des Infektionsgeschehens strengstens ein und können deshalb etwa 15 Prozent unserer Betten, wie zum Beispiel in Dreibett-Zimmern, nicht belegen“, erläutert Krankenhausdirektor Volker Röhrig. Kann denn das Diakoniekrankenhaus von den Freihaltepauschalen profitieren? „Zu dieser Frage können wir derzeit keine seriöse Auskunft geben, da dies noch nicht durch die Landesregierung abschließend geregelt wurde“, so Röhrig. Allerdings kritisiere er an der Wiedereinführung der Freihaltepauschalen, „dass für Krankenhäuser der Basis-Notfallversorgung eine finanzielle Unterstützung an aus unserer Sicht unrealistische und der Versorgungsrealität widersprechende Vorgaben geknüpft werden soll. Diese Bundes-Regelung ist nicht kompatibel mit dem aus unserer Sicht sinnvollen und wirksamen hessischen Versorgungskonzept.“ Gemäß dieses Konzepts leiste man seit Monaten in enger Abstimmung mit dem UKGM „einen nennenswerten Beitrag zur täglichen Versorgung von Covid-19-Patienten. Jedoch laufen wir als Basis-Notfallversorger Gefahr, von den Entlastungen nicht zu profitieren“, erläutert Röhrig.

Von Andreas Schmidt und unserer Agentur

Forderung: Operationen verschieben

Einen Stopp verschiebbarer Eingriffe in den Krankenhäusern der Bundesländer mit vielen Corona-Fällen haben Deutschlands Klinikärzte bereits vor einer guten Woche gefordert. In einer Erklärung kritisieren die Ärzteorganisation Marburger Bund und die intensivmedizinischen Fachgesellschaften, dass Krankenhäuser aus Umsatzgründen ihre Kapazitäten nicht auf Covid-19-Patienten konzentrierten.
„Die Krankenhäuser in stark belasteten Regionen müssen unverzüglich von der Politik aufgefordert werden, plan- und verschiebbare stationäre Eingriffe je nach Belastungssituation zu reduzieren beziehungsweise einzustellen“, fordern die Ärzte. „Nur dann ist es möglich, kurzfristig weiteres Personal für die Versorgung akut und kritisch erkrankter Patienten einzusetzen“, heißt es in der Forderung weiter.
„Ohne diese zusätzliche Unterstützung ist die Belastungsgrenze insbesondere auf vielen Intensivstationen schon bald überschritten.“
Derzeit seien die Verantwortlichen für die Finanzen in den Kliniken nicht bereit verschiebbare Eingriffe zurückzustellen, kritisierten die Mediziner. Deshalb müsse die Politik für eine Gegenfinanzierung der Erlösausfälle sorgen, die entstünden, wenn verschiebbare Behandlungen zurückgefahren werden.
Zu den Unterzeichnern gehören die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), die Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) und die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). dpa

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