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Marburg „Starke Hände mit Nagellack“
Marburg „Starke Hände mit Nagellack“
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17:00 19.12.2021
Johanna Bacher leitet im Marburger Frauenhaus ein Projekt für geflüchtete Frauen.
Johanna Bacher leitet im Marburger Frauenhaus ein Projekt für geflüchtete Frauen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Schwarz auf weiß. Grün auf Gelb und in vielen anderen Farben. Auf einer großen, bunten Tafel haben ehemalige Bewohnerinnen des Marburger Frauenhauses Worte der Dankbarkeit, des Mutmachens und der Stärke niedergeschrieben. So unterschiedlich die Farben, so unterschiedlich sind auch die Sprachen, in denen die Frauen ihren Neustart in ein Leben ohne ihren gewalttätigen Partner beschreiben.

Denn häusliche Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es betrifft Frauen jeden Alters, jeder sozialer Herkunft und Ethnizität. So haben rund 40 Prozent der 106 Personen (Frauen mit ihren Kindern), die 2019 im Marburger Frauenhaus gelebt haben, einen Fluchthintergrund.

„Geflüchtete Frauen sind nicht mehr von häuslicher Gewalt betroffen als andere, haben aber eine besondere Vulnerabilität“, erklärt Johanna Bacher. Sie ist im Frauenhaus zuständig für das EU-Projekt „Marburg ohne Partnergewalt“, das sich zwei Jahre lang ganz gezielt mit der Lebenssituation und den Bedarfen geflüchteter Frauen und ihrer Kinder auseinandergesetzt hat. Hintergrund dieses Projektes war unter anderem die Istanbul-Konvention, mit der sich die Bundesrepublik seit 2018 verbindlich dazu verpflichtet, Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen, einen Beitrag zur Beseitigung ihrer Diskriminierung zu leisten sowie ihre Gleichstellung und ihre Rechte zu fördern. „Die Istanbul Konvention gilt ausdrücklich für alle Frauen unabhängig von deren aufenthaltsrechtlichem Status und ist diskriminierungsfrei umzusetzen“, wie es wörtlich heißt.

Suche nach sozialem Netz

Auch in Marburg seien geflüchtete Frauen, die Schutz im Frauenhaus suchen, nicht nur von „Mehrfachdiskriminierung“ betroffen, sie haben auch einen besonderen Bedarf an Unterstützung, sagt Johanna Bacher. „Sie haben hier oft noch kein soziales Netz, das sie auffängt, verstehen die Sprache noch nicht so gut und wissen manchmal gar nicht, dass es so eine Unterstützungseinrichtung wie das Frauenhaus gibt“, weiß Bacher und berichtet von Frauen, die zum Beispiel die Vorstellung hatten, das Frauenhaus sei ein „dunkler Raum“, aus dem man nicht mehr herauskomme. Ein fatales Vorurteil, denn gerade für geflüchtete Frauen, die noch kein soziales Netz haben, sei das Frauenhaus oftmals die einzige Möglichkeit, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen, so Bacher.

Dass die Unterstützung des Frauenhauses für Migrantinnen aber noch weitaus bedeutsamer ist, wird in den Interviews deutlich, die mit geflüchteten Frauenhausbewohnerinnen im Rahmen des Projektes geführt wurden. „Ich habe im Frauenhaus direkt eine Freundin gefunden. Und man kann Deutsch lernen, weil so viele Frauen aus unterschiedlichen Ländern kommen und man deutsch sprechen muss miteinander“, erklärt zum Beispiel eine 58-Jährige.

Hilfe für geflüchtete Frauen

Eine aus Syrien geflohene Frau bringt den Erfolg der Unterstützung noch eindrücklicher auf den Punkt: „Bei uns in einigen Regionen haben wir das Sprichwort, dass Frauen wie eine verkürzte Hand sind, die nicht richtig arbeiten kann. Aber jetzt hat sich das bei mir geändert. Ich habe eine große Hand! Zwei große Hände! Stark und mit Nagellack“, betont die 33-Jährige lachend.

Um die Unterstützung geflüchteter Frauen weiter zu verbessern, wurde im Rahmen des EU-Projektes erforscht, wie das Frauenhaus die Öffentlichkeitsarbeit und die sozialpädagogische Arbeit weiterentwickeln kann, um geflüchtete Frauen besser zu erreichen und sie bedarfsgerecht zu unterstützen. „In der Forschung war uns ganz wichtig, die Frauen als Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt zu adressieren. Mit ihnen und nicht über sie zu sprechen“ betont Bacher.

Als Ergebnis dessen ist beispielsweise eine externe Ombudsstelle eingerichtet worden, die als Anlaufstelle dient für geflüchtete Frauen, die bereits im Frauenhaus leben. So können sich die Frauen verstärkt Gehör verschaffen und ihre Position im Frauenhaus stärken. Mit Hatice Kaya und Shaima Ghafury wurden damit Ansprechpartnerinnen gefunden, die sich seit Jahren für geflüchtete Menschen einsetzen und über Marburg hinaus bekannt sind.

Des weiteren gab es Dolmetscherschulungen und es seien Flyer und Plakate in acht verschiedenen Sprachen erstellt worden, die bereits genutzt worden seien. Zudem soll es im Portal Mauerstraße – dem Integrations- und Nachbarschaftsort für geflüchtete Menschen in Marburg – in regelmäßigen Abständen zu offenen Sprechstunden von Frauenhausmitarbeiterinnen kommen. Auf diese Weise sollen geflüchtete Frauen an den Orten, die ihnen vertraut sind, besser erreicht werden. Damit sie erkennen, dass sie in Marburg nicht allein sind. Dass sie nicht in einer gewalttätigen Beziehung ausharren müssen. Damit sie den Mut finden, in ein neues, selbstbestimmtes Leben zu starten.

Von Nadine Weigel

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