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Marburg Sie machen Kleinen großen Mut
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17:00 12.12.2021
Franziska Heinemann (links) und Jasmin Worseg kümmern sich im Frauenhaus um die Kinder.
Franziska Heinemann (links) und Jasmin Worseg kümmern sich im Frauenhaus um die Kinder. Quelle: Foto: Weigel
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Marburg

Wenn Frauen häusliche Gewalt erfahren, werden nicht nur sie zum Opfer. Oftmals sind auch Kinder involviert. Und das bedeutet: Jede Form von Gewalt gegen die Mutter ist auch für das Kind Gewalt. Manche Kinder müssen jahrelang mit ansehen, wie ihre Mütter körperlich oder psychisch misshandelt werden. Oftmals werden sie Zeuge von Demütigungen oder geraten nicht selten selbst zwischen die Fronten. Das hinterlässt Narben auf kleinen Seelen.

Im Marburger Frauenhaus, das seit 40 Jahren existiert, wird auch diesen Kindern geholfen. Franziska Heinemann (24) und Jasmin Worseg (38) kümmern sich mit jeweils einer halben Stelle um die Kinder von Müttern, die im Frauenhaus Schutz suchen. „Wenn die Kinder und Jugendlichen zu uns kommen, sind sie meist sehr aufgewühlt“, erklärt Jasmin Worseg. Trauer, Wut, Angst – mit dem Erlebten zurechtzukommen äußere sich bei jedem Kind ganz unterschiedlich. Manche reagierten erst einmal mit Rückzug, andere seien sehr laut und emotional. Deshalb sei es nach dem Einzug ins Frauenhaus das wichtigste, dass die Kleinen erst einmal zur Ruhe kommen könnten. „Was bedeutet das Erlebte für die Kinder? Und was brauchen sie jetzt?“ seien zentrale Fragen, die beantwortet werden müssten, damit der Hilfsbedarf danach ausgerichtet werden könne. Dies reiche von der Suche nach Kindergartenplätzen bis hin zu Freizeitangeboten – und gegebenenfalls psychotherapeutischer oder anderer Hilfe.

Die beiden Mitarbeiterinnen bringen aber auch in Erfahrung, wie die Kinder in der Schule waren, welche Hobbys sie haben und vor allem, was den Kindern Spaß macht. Denn während des Aufenthaltes im Frauenhaus werden die Kleinen dabei unterstützt, das Erlebte zu verarbeiten. Sie sollen erfahren, dass das Frauenhaus ein geschützter Raum ist. Ein Zufluchtsort, an dem sie sicher sind und einfach Kind sein dürfen.

Psychologin Heinemann empfindet es als bewundernswert, wie stark diese Kinder sind. „Sie haben ihre eigenen Bewältigungsstrategien, mit dem Erlebten umzugehen“, erklärt sie. Es brauche zwar meist eine gewisse Zeit, bis sie im Frauenhaus auftauten, aber dann sei es jedes Mal für die Mitarbeiterinnen ein bewegender Moment. „Wenn Kinder, die lange sehr verschlossen waren, plötzlich freudestrahlend einem auf dem Flur entgegenhüpfen. Das ist einfach schön zu erleben“, sagt Franziska Heinemann lächelnd.

Kindergruppen helfen, Erlebtes zu verarbeiten

Ein wichtiges Mittel, dieses Ziel zu erreichen, seien die Kindergruppen. „Was dort gemacht wird, richtet sich ganz nach den Bedürfnissen der Kinder“, so Worseg. Es reiche von Musizieren und Basteln bis hin zu – wenn es denn die Coronalage zulässt – Schwimmbadbesuchen und Ausflügen. Die emotionale Unterstützung sei ganz individuell, aber es helfe den Kindern, in Gruppen zu spielen und neue Freunde zu finden, die ähnliches wie sie erlebt haben.

Jährlich leben im Schnitt rund 50 Kinder im Marburger Frauenhaus. Das Spielzimmer steht den Jungen und Mädchen jederzeit zur Verfügung, auch einen Bastel- und Musizierraum gibt es. „Viele Kinder haben gelernt, dass sie nicht über Gewalt sprechen dürfen“, erklärt Franziska Heinemann. Es sei wichtig, dass diese Barriere durchbrochen werde, um das Erlebte zu verarbeiten. Gemeinsam spielen, lachen, weinen – das alles hilft, das Trauma der Gewalterfahrung zu verarbeiten.

Worseg, die studierte Musiktherapeutin ist, nennt als Beispiel das Frauenhaus-Lied, das eine Gruppe von kleinen Frauenhaus-Bewohnerinnen und -Bewohnern gedichtet hat (siehe Kasten). „Es ist schön zu sehen, wie die Kinder spielerisch das, was sie erlebt haben, in ein Lied verpackt haben. Das zeigt mir, dass sie einen guten Bezug haben zum Haus, angekommen sind und sich wohlfühlen“, sagt Worseg. Dass ihre Arbeit einen bleibenden, Mut machenden und stärkenden Effekt auf die Kinder hat, merke sie auch immer wieder an den Reaktionen beim Auszug aus dem Frauenhaus. Als Abschiedsgeschenk bekommen die Kinder stets einen persönlichen Brief sowie ein kleines, selbstgenähtes Kuschelkissen. „In dem Brief schreiben wir dem Kind Erinnerungen auf, Dinge, die es stärken, oder eben persönliche Beobachtungen und Wünsche“, erläutert die 38-Jährige, die auch Fotos aus den Kindergruppen dazulegt. „Für die Kinder hat dieser Brief, das beobachten wir immer wieder, eine enorme Wichtigkeit, sie freuen sich sehr darüber“, sagt die Frauenhaus-Mitarbeiterin und erinnert sich an einen Jungen im Grundschulalter, der davon „gar zu Tränen gerührt war“. Auch das Kissen könne mit guten, stärkenden Erinnerungen verknüpft werden.

Wenn die Kinder mit ihren Müttern ausziehen, teilen ihnen Worseg und Heinemann mit, dass sie weiterhin im Frauenhaus besucht oder angerufen werden können. Das Angebot werde von Schulkindern in der Anfangszeit nach dem Auszug gern in Anspruch genommen.

Doch nicht nur für die Kinder ist die Seelenarbeit von Worseg und Heinemann wichtig. Auch für die Mütter, die in ihrem temporären Zufluchtsort ihr gesamtes Leben von Grund auf neu organisieren müssen, ist die Unterstützung eine enorme Entlastung. Eine Entlastung, die sicherlich noch ausgebaut werden könne, sind sich die beiden Therapeutinnen einig.

Von Nadine Weigel

Hier finden Sie Hilfe

Der Verein Frauen helfen Frauen bietet Beratung, Unterstützung und Unterkunft für Frauen, die von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen sind, und deren Kinder: 0 64 21 / 1 48 30 (Frauenhaus) oder 0 64 21 / 16 15 16 (Beratungsstelle). In Notfällen die Polizei (Telefon 110) rufen! www. frauenhaus-marburg.de

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (www.h ilfetelefon.de) bietet 365 Tage im Jahr rund um die Uhr Hilfe, anonym und kostenlos, Telefon 08 00 / 011 60 16.

Frauenhauslied der Kinder

Frauenhaus, du bist toll,
und hier mag dich jeder voll.
Es gibt ein Spielzimmer in diesem Haus,
und da will kein Kind mehr raus.
Hast ein weiches Kuschelbett,
und die Leute hier sind nett.
Wie Ihr wisst, ist das Haus geheim,
also darf hier keiner rein.