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Marburg „Ich dachte, ich sterbe langsam“
Marburg „Ich dachte, ich sterbe langsam“
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14:00 03.12.2021
Wie auf diesem gestellten Symbolfoto dargestellt, werden Frauen immer häufiger Opfer von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt.
Wie auf diesem gestellten Symbolfoto dargestellt, werden Frauen immer häufiger Opfer von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt. Quelle: Archivfoto
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Marburg

Tränen rinnen ihr über die Wangen. Wenn Karla Müller (Name geändert) an ihre Ehe zurückdenkt, kann sie ihre Emotionen nicht verbergen. Jahrelang war sie dem Psychoterror ihres Mannes ausgeliefert, erzählt sie. Es fängt bereits während ihrer ersten Schwangerschaft an. Er engt sie ein, kontrolliert, beleidigt und demütigt sie. „Ich durfte nicht mal mit meinen Freundinnen Kaffee trinken gehen. Das wollte er einfach nicht“, erinnert sie sich. Mit den Jahren sei es immer schlimmer geworden. „Ich konnte mich nicht wehren gegen ihn. Ich habe mich so klein gefühlt.“

Das Frauenhaus ist ihre letzte Rettung. Vor zirka zwei Jahren sucht sie das erste Mal Zuflucht in der Marburger Einrichtung. Doch sie hält es nicht lange aus, denn die beiden Kinder zwischen 12 und 16 Jahren sind beim Vater geblieben. Die Kinder sind in der Pubertät, verstehen nicht, warum die Mutter das große, schöne Haus verlässt, um in einem Zimmer im Frauenhaus zu leben. „Sie haben immer gesagt, Mama komm zurück, Papa ändert sich.“

Sie geht zurück. Doch der Ehemann ändert sich nicht. Im Gegenteil. Der Psychoterror wird massiv, die Demütigungen nehmen zu. Karla Müller ist ein seelisches Wrack. Sie isst nichts mehr. Schläft nicht mehr. „Ich habe nur noch geweint, nichts mehr gefühlt, ich dachte, ich sterbe langsam“, erinnert sich die Frau mit den traurigen blauen Augen.

Karla Müller ist kein Einzelfall. Laut der neuen Statistik des Bundeskriminalamtes zur Partnergewalt harren verheiratete Frauen tendenziell länger in einer gewalttätigen Beziehung aus als unverheiratete. Fast die Hälfte aller Frauen, die im vergangenen Jahr Opfer von Mord und Totschlag in der Partnerschaft wurden, waren mit dem Täter verheiratet. Karla Müller aber schafft den Absprung, als er beginnt, ihr auch körperliche Gewalt anzutun.

Sie flieht erneut ins Marburger Frauenhaus. Und diesmal ist es anders. Sie bleibt. Es hilft ihr, in der Gemeinschaft mit den anderen Frauen zu leben, die sich Küche und Gemeinschaftsräume teilen, jeweils ihr eigenes Zimmer haben. Sie alle waren von Gewalt betroffen, verstehen sich. Sie weinen und lachen gemeinsam, unterstützen und stärken sich.

Mittlerweile hat sich der emotionale Zustand der zweifachen Mutter so stabilisiert, dass sie nicht mehr im Frauenhaus leben muss, keinen akuten Schutzbedarf hat. Seit fast sechs Monaten wohnt Karla Müller in einer der zwei sogenannten Second-Stage-Wohnungen – einem neuen Projekt des Marburger Frauenhauses.

Unterstützung von Stadt Marburg und dem Landkreis

„Durch diese Übergangswohnungen kann die Verweildauer im Frauenhaus verkürzt werden und ein Platz frei werden für eine Frau, die einen akuten Schutzbedarf hat“, erklärt Yasemin Şaşmaz, die das Modellprojekt betreut. Finanziert werden die Übergangswohnungen aus dem Bundesinvestitionsprogramm „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“, das bis 2023 bundesweit 120 Millionen Euro für investive Maßnahmen zur Verfügung stellt.

Durch die Übernahme einer halben Personalstelle durch die Stadt Marburg konnte das Projekt Anfang des Jahres starten. Als erster hessischer Landkreis erhält Marburg-Biedenkopf Gelder aus dem Bundesprogramm. „Leider werden nur bauliche Maßnahmen aus diesem Programm gefördert.

Die Finanzierungsregelungen für die notwendige psychosoziale Betreuung und Unterstützung kommen nicht schnell genug bei den Trägern der Schutzeinrichtungen an. Hier fehlen noch die Ausführungsgesetze und die finanziellen Mittel, die nur über Bund und Land an die Landkreise weitergegeben werden können“, sagt jüngst der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, der verspricht, die Finanzierung der Second-Stage-Wohnungen, „langfristig auf sichere Beine zu stellen“.

Wie wichtig das neue Projekt ist, weiß Monika Galuschka vom Vorstand von „Frauen helfen Frauen“. „Es gibt viele Frauen, die schon einige Monate im Frauenhaus verbracht haben, keinen akuten Schutzbedarf mehr haben, aber noch einen hohen Unterstützungsbedarf“, erklärt Galuschka, die sich seit mehr als 30 Jahren im Frauenhaus engagiert.

„Mit dem neuen Projekt möchten wir verhindern, dass diese Frauen wieder in die alte gewaltgeprägte Beziehung zurückkehren oder neue eingehen, weil sie sich noch nicht in der Lage fühlen, ein eigenständiges Leben zu meistern“, so Monika Galuschka.

In den Übergangswohnungen werden die Frauen durch ein gezieltes Übergangsmanagement in Form von Hilfe bei der Wohnraumbeschaffung sowie einer umfassenden Nachsorge auf dem Weg zu einer eigenständigen Lebensgestaltung gestärkt. Und dies sei auch angesichts der prekären Lage am Marburger Wohnungsmarkt wichtig.

Karla Müller ist glücklich, nach einem Jahr im Frauenhaus in ihre vorübergehend eigenen vier Wände gezogen zu sein. „Die Wohnung ist so schön, ich fühle mich unheimlich wohl hier“, sagt sie – und lächelt zum ersten Mal während des Gesprächs. „Als ich herkam, war ich innerlich so kaputt: Ich bin unendlich dankbar, dass ich hier mein altes Leben hinter mir lassen konnte“, sagt Klara Müller. Es hat lange gedauert, aber jetzt geht es ihr gut.

Ein Vorteil der Übergangswohnung: Hier dürfen auch ihre Kinder sie besuchen. Denn im Frauenhaus haben Jungen, die älter sind als 14 Jahre, keinen Zutritt. Die Second-Stage-Wohnungen hingegen sind sowohl für die Frauen als auch die Kinder ein Ort des Übergangs in ein neues Leben. Ein starkes, selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt.

Lesen Sie nächste Woche in unserer vierteiligen Serie: Wie Kinder im Frauenhaus lernen, den Schrecken zu vergessen.

Hier finden Sie Hilfe

Der Verein Frauen helfen Frauen bietet seit 40 Jahren Beratung, Unterstützung und Unterkunft für Frauen, die von Häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen sind, und deren Kinder. Die Angebote sind kostenlos und auf Wunsch anonym. Frauen, die in ihrer Ehe, Partnerschaft oder Familie körperlich oder seelisch misshandelt werden oder sich bedroht fühlen, finden hier Hilfe: 0 64 21 / 14 83 0 (Frauenhaus) oder 0 64 21 / 16 15 16 (Beratungsstelle) In Notfällen die Polizei (Telefon 110) rufen! Mehr Infos im Netz unter: www.frauenhaus-marburg.de

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (www.hilfetelefon.de) bietet 365 Tage im Jahr rund um die Uhr Hilfe, anonym und kostenfrei, Telefon 08 00 / 01 16 01 6.

Infos zu freien Frauenhausplätzen in Hessen gibt es unter www.frauenhaeuser-hessen.de im Internet.

Von Nadine Weigel