Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Weniger Frauen bleiben länger in Obhut
Marburg Weniger Frauen bleiben länger in Obhut
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:58 04.01.2020
Eine Mutter hat einen Flyer aufgehängt: Sie sucht eine Wohnung, denn sie will das Frauenhaus wieder verlassen. Quelle: Thorsten Richter/Themenfoto
Marburg

Im Jahr 2018 lebten 33 Frauen mit insgesamt 36 Kindern im Marburger Frauenhaus. Seit einigen Jahren ist die Anzahl der Personen stabil, die Hilfe in der Einrichtung des Vereins „Frauen helfen Frauen“ suchen.

„Wir hatten sonst immer um die 100 Personen“, weiß Monika Galuschka, eine der Psychologinnen vom Verein. Es hat sich also etwas Gravierendes verändert: „Es gibt nicht weniger Gewalt an Frauen, aber weniger Frauen bleiben länger im Frauenhaus“, erklärt sie und nennt drei Gründe:

  • Es fehlt bezahlbarer Wohnraum, vor allem im sozialen Wohnungsbau.

  • Flüchtlingsfrauen mit Kindern, die Gewalt erfahren haben, haben einen sehr hohen Unterstützungsbedarf.

  • Frauen mit Gewalterfahrung trauen sich oft nicht zu, alleine zu leben.

Hintergrund

Mit dem Bundesinvestitionsprogramm „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ will der Bund in den Jahren 2020 bis 2023 mit jährlich 30 Millionen Euro den Aus-, Um- und Neubau sowie die Sanierung von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen fördern. Ziel ist, Hilfseinrichtungen besser zugänglich zu machen, sprich barrierefrei auszubauen.

Außerdem sollen neue räumliche Kapazitäten und ­innovative Wohnformen für Frauen geschaffen werden. Die Bauförderung soll in enger Kooperation mit den Ländern und Kommunen durchgeführt werden.

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet unter der Telefonnummer 0800-116-016 rund um die Uhr, anonym und in 18 Sprachen Beratung und Vermittlung in das örtliche Hilfesystem an.     

Und sie betont: „Wenn Frauen zu früh das Frauenhaus verlassen müssen, dann ist die Gefahr, wieder Gewalt zu erfahren, sehr groß.“ Dennoch soll das Frauenhaus ein Übergangsort bleiben und keine Dauerbleibe werden.

Aufgrund des fehlenden Wohnraums bleiben Frauen mit ihren Kindern sozusagen notgedrungen in der Schutzeinrichtung und blockieren dadurch Plätze für Hilfesuchende.

Ein weiteres Problem ist, dass das Frauenhaus in Marburg nicht behindertengerecht ausgebaut ist. Ebenso können Mütter mit pubertierenden Jungen nicht aufgenommen werden. „Alles Fakten, an denen wir arbeiten müssen“, sagt Claudia Bergelt, ebenfalls vom Verein „Frauen helfen Frauen“, der nun Tatsachen schaffen will – mit zwei Übergangs- und zwei Schutzwohnungen.

Langsam ins normale Leben zurück

In der Übergangswohnung sind die Frauen nicht mehr anonym, aber immer noch unter besonderer Betreuung. „Sie lernen langsam, wieder ins normale Leben zurückzukehren. Die Kinder können beispielsweise wieder Besuch empfangen, was im Frauenhaus nicht möglich ist“, erklärt Monika Galuschka. Weiterhin wird bei der Wohnungssuche und auch bei Behördengängen unterstützt, eine Verselbstständigung forciert.

In den Schutzwohnungen, die sozusagen als Wohngemeinschaften fungieren, sollen vor allem Frauen mit pubertierenden Jungen anonymen Schutz finden. „Sie wären sozusagen ausgelagert, bekämen aber den gleichen Schutz und die gleiche Fürsorge wie im Frauenhaus“, beschreibt Monika ­Galuschka.

Hoffen auf Förderung durch den Bund

Nur noch Einzelwohnungen, wie es die Stadt Hofheim praktiziert, sind für die Marburger keine Option. „Das bedeutet noch mehr Isolation und weniger Austausch. Dabei hilft den Frauen gerade die gemeinsame Betroffenheit“, weiß Claudia Bergelt.

Mithilfe des 2. Aktionsplanes der Stadt Marburg sind die Ideen auf den Weg gebracht und der Verein erfährt eine große Unterstützung seitens der städtischen Verwaltung, und das schon über Jahre. So hofft die Einrichtung auch, dass sie etwas von den Millionen, die der Bund ab diesem Jahr zur Verfügung stellt, abbekommt, für mehr Beratung und die Wohnungen.

von Katja Peters