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Marburg Endlich! Frau eines Marburger Arztes ist gestern aus Afghanistan ausgereist
Marburg Endlich! Frau eines Marburger Arztes ist gestern aus Afghanistan ausgereist
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08:00 19.01.2022
Ein Mitglied der Taliban geht am Kabuler Flughafen an beschädigten Fahrzeugen vorbei. Der Flughafen Kabul wurde während des Abzugs der letzten US-geführten Truppen und der US-geführten Evakuierungsflüge Ende August 2021 beschädigt und viele seiner Einrichtungen wurden zerstört.
Ein Mitglied der Taliban geht am Kabuler Flughafen an beschädigten Fahrzeugen vorbei. Der Flughafen Kabul wurde während des Abzugs der letzten US-geführten Truppen und der US-geführten Evakuierungsflüge Ende August 2021 beschädigt und viele seiner Einrichtungen wurden zerstört. Quelle: Saifurahman Safi
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Marburg

Sarah Hashemi ist frei. Die junge Frau, verheiratet mit dem Marburger Augenarzt Habibi Naqibullah, durfte gestern aus Afghanistan ausreisen und landete am Nachmittag in Dubai, wo sie von ihrem Ehemann in die Arme geschlossen wurde. Monate der Todesangst, des Zitterns und Bangens sind nun erst einmal vorbei. Morgen haben die jungen Leute einen Termin bei der deutschen Botschaft in Dubai. Habibi Naqibullah erwartet, dass seine Frau nun schnell ein Einreisevisum für Deutschland bekommt. Auch Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies hatte sich noch einmal an die Botschaft gewandt und mitgeteilt, dass die Stadt Marburg die junge Frau aufnehmen werde.

Viele Marburgerinnen und Marburger hatten Anteil genommen an dem Schicksal von Sarah und Habibi. Habibi Naqibullah, eines von acht Geschwistern, lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland. Er ist Deutscher. Seit Monaten hat Naqibullah so gut wie nicht geschlafen, die Sorge um seine Frau treibt ihn um, die in Kabul beim Vormarsch der Taliban hängengeblieben ist. 2017 haben sich die beiden in Afghanistan kennengelernt, 2019 feiern sie in Kabul ihre Verlobung, kurz darauf die Hochzeit.

Eine Odyssee

Was folgt, ist eine Odyssee, das Warten auf Ausreisepapiere für Deutschland, das Warten auf die Sprachprüfung für den Nachweis deutscher Sprachkenntnisse. Das hat nicht nur mit der Art und Weise zu tun, wie Ex-Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) die Ausreise aus Afghanistan hat organisieren lassen. Sondern es ist zum Teil schlicht Pech. Im Juni platzt ein Termin für die Einreichung der Unterlagen im indischen Neu Delhi wegen Corona.

Dann kommen die Taliban, überrennen das Land und übernehmen die Kontrolle über Afghanistan, auch über Kabul und über den Flughafen. Das Versprechen der deutschen Soldaten, die sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, dass auch besonders gefährdete Familienangehörige von Deutschen und die zivilen Ortskräfte in Afghanistan in Sicherheit gebracht werden, zählt auf einmal nichts mehr.

In den chaotischen Tagen der Machtübernahme der Taliban in Kabul und den noch chaotischeren Vorgängen um den Internationalen Flughafen gelingt es nicht, der Frau das Visum zuzustellen, das Habibi mit Unterstützung von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies organisiert hat.

Sie hätte es am Flughafen bei einer deutschen Regierungsorganisation abholen müssen. Das misslingt auch deshalb, weil die Frau sich vor den Taliban versteckt halten muss. Sie lebt in ständiger Todesangst. Die Frau von Habibi ist quasi eine Geisel der Taliban. Monatelang versteckt sie sich in irgendwelchen Kellerlöchern bei Verwandten, immer in der Angst, von Taliban-Soldaten entdeckt und verhaftet zu werden. Seine Frau habe Todesangst, berichtet Habibi in Marburg mehrfach unter Tränen.

Nach Wochen zeigt sich, welch ein bürokratischer Moloch die Auslandsvertretungen des Auswärtigen Amts sind. Habibi, der in all diesen Monaten mit seiner Frau nur telefonieren kann, wird von Pontius zu Pilatus geschickt.

In Neu Delhi liegt ein Visum für Sarah, die sich aber nicht traut, Afghanistan allein auf dem Landweg zu verlassen. „Die Risikoabwägung, sich bereits vor Bekanntgabe eines Visumtermins über den Landweg in einen Nachbarstaat zu begeben, muss jede Betroffene, jeder Betroffene in Abhängigkeit von der aktuellen Sicherheitslage und den persönlichen Umständen individuell vornehmen“, heißt es vom Auswärtigen Amt in einem Brief an Habibi, frei nach dem Motto: „Wir können euch nicht helfen.“

Spies hat in Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt mehrfach versichert, dass Habibis Frau in Marburg willkommen ist. Und auch der Kliniksleiter des UKGM, Dr. Gunther Weiß, hat sich eingeschaltet, nachdem Habibis Schwiegervater in Kabul einen Herzinfarkt erlitten hat. Er soll in den kommenden Tagen in Afghanistan operiert werden; Weiß hatte angeboten, dass die OP in Marburg stattfinden kann. Vergeblich.

Doch dann ging es auf einmal schnell. Vergangene Woche erhielt Sarah ein Visum für Dubai. Gestern ist sie aus Kabul abgeflogen, sicher in Dubai bei ihrem Mann gelandet. Morgen haben die beiden einen Termin bei der deutschen Botschaft. Habibi hofft, dass es dort nicht wieder ewig dauert, bis die Formalia erledigt sind. Denn die beiden wollen jetzt nur eins: nach Marburg, nach Hause.

Von Till Conrad

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