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Marburg Frank Sinatra und die sechs backwilligen Frauen
Marburg Frank Sinatra und die sechs backwilligen Frauen
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00:15 07.12.2012
Nataliya Joss bereitet das Rezept für ihre Vanillekipferln vor. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Mit ihrem taillenhoch geschnittenen Rock aus dunkelgrünem Walkloden, den feinen Schnürschuhen und der rot-weiß karierten Schürze sieht Yuly Rodriguez aus als sei sie einem Dr.-Oetker-Backbuch der 50er-Jahre entsprungen. „Bitte eintreten“, heißt es auch heute wieder in der OP-Adventsserie. Der Tisch ist bereits mit altem Porzellan gedeckt. Eine muntere Sammlung aus geblümten und goldverzierten Tässchen, Tellerchen und Kannen aus einer Zeit, in der man einen Bohnenkaffee genoss und von Latte Macchiato oder Moccachino noch nichts wusste.

Bei der 40-jährigen Marburgerin steht heute alles unter dem Motto Vintage - dafür hat sie sich auf diese Interpretation des Begriffs festgelegt: „Alles, was mehr als 50 Jahre alt ist.“ Oder was so aussieht als sei es alt. Oder einfach, was dazu passt. Was die Tischdeko angeht,so sind die in Pink, Grün und Cremeweiß glitzernden Hirschfiguren eine höchst neue Erscheinung, die aber bestens das Geschirr aus Mutters Jugendjahren, die alten Weißblechdosen und die weißen Spitzenunterlagen fürs Gebäck ergänzt.

Fünf Frauen hat die party- und dekorationsbegeisterte Gastgeberin zu ihrer Vintage-Plätzchen-Party geladen. Ich darf heute für die OP-Adventsserie mitbacken. Dem Vintage-Gedanken folgend haben alle alte Rezepte mit Familientradition mitgebracht: In der Küche sollen heute zwei Varianten von Makronen, deutsche und amerikanische Interpretationen von Buttergebäck, Vanillekipferln und italienische Kaffeeplätzchen entstehen.

In weiser Voraussicht hat Nataliya Joss den fertig vorbereiteten Teig für ihre Vanillekipferln mitgebracht. Perfekt geschminkt, mit einer weißen Schürze über ihrem schwarzen Kleid formt die 38-Jährige entspannt ihre Plätzchen, setzt sie eins nach dem anderen mit geübten Händen aufs Backblech. So sehen elegante und souveräne Frauen also in der Küche aus. Meine Finger kleben gerade vor lauter Teig. Ich halte Ausschau nach jemandem, der kurz die Ärmel meiner Bluse hochschieben und etwas Mehl für mich nachlegen könnte. „Danke, Nataliya!“

Yuly ist vollauf damit beschäftigt, das Eiweiß für ihre Makronen zu schlagen. Zehn Minuten soll man durchhalten, damit das Gebäck schön luftig wird. Frank Sinatra muss ein bisschen lauter gestellt werden, damit sein Gesang den Handmixer übertönt. Und ich schwöre mir, dass ich bei der nächsten Gelegenheit ebenfalls meinen Teig vorbereitet mitbringen werde.

Nataliyas traumhaft gleichmäßig aussehende Vanillekipferln wandern jetzt als erstes Gebäck in den Backofen. Auch bei Sara Cavallari geht’s fix. Aus der vorbereiteten Masse für ihre italienischen Weihnachtsplätzchen formt die 26-jährige Halbitalienerin mehrere Rollen, schneidet davon Taler ab und drückt sie platt. Ab aufs Blech und in den Ofen - und jetzt nur noch wenige Minuten warten. Mein viel zu weicher Teig für die besten Butterplätzchen wandert vorerst in den Kühlschrank. Das Handrührgerät schlägt indes weiterhin munter Eiweiß - jetzt geführt von Nadine Bernshausen, die ebenfalls Makronen backen will. „Mit Mandeln und Schokolade“, erklärt die 33-Jährige, die dieses Rezept schon von Kindheitstagen kennt und liebt. Zur Feier des Tages gibt’s jetzt ein Gläschen Sekt.

Duftend auf dem Präsentierteller

Immerhin: Nataliyas und Saras Plätzchen sind schon fertig, sehen köstlich aus und wandern als erste auf die Präsentierteller mit der weißen Spitzenunterlage. Yuly setzt ihren Makronenteig mit Löffeln aufs Backblech, Nadine ist auch gleich so weit und mein Teig wartet im Kühlschrank auf bessere Zeiten.

Buttergebäck jeder Art gehört zu den absoluten Plätzchenlieblingen der Deutschen. Mit einem guten Standardrezept lässt sich viel machen - zahllose Varianten des Verzierens, Verfeinerns und Füllens sind möglich: ob mit Schokolade als Guss und mit Puderzucker bestäubt, ob mit Weihnachtsgewürzen oder als Doppeldecker-Plätzchen mit feinen Cremes und Marmeladen gefüllt. Ich habe mich heute für eine schlichte Variante mit Zitronen- und Orangenabrieb entschieden, füllen werde ich die doppellagigen Plätzchen mit Lemon Curd, einer britischen Zitronencreme, die man im Feinkostladen oder auch in vielen Lebensmittelmärkten bekommt.

Doch erst einmal muss das Ausrollen und Ausstechen klappen. Viele Hobbybäcker schwören darauf, den Teig schon am Vortag fertig zu machen und über Nacht im Kühlschrank gut durchkühlen zu lassen. Die weiche Butter ist dann wieder fest und der Teig lässt sich besser weiterverarbeiten. „Als ob ich dazu Zeit hätte“, sagt meine Freundin Eva, eine begeisterte Butterplätzchen-Bäckerin, die ich nach ein paar Tipps frage. Den Teig zwischen zwei Frischhaltefolien ausrollen und dann für eine halbe Stunde in den Kühlschrank geben, lautet ihr Rat. „Dann kühlt er schneller durch.“ Und aufs Mehlen kommt’s an. Wenn der Teig gar zu klebrig ist, kann man direkt schon ein wenig zusätzliches Mehl hinzugeben, vor allem aber müssen die Arbeitsfläche und auch das Nudelholz ordentlich bemehlt werden. Dann sollte sich der Teig problemlos dünn ausrollen lassen, die ausgestochenen Plätzchen sollten sich gut von der Arbeitsfläche ablösen und aufs Backblech legen lassen.

Funktioniert nicht? Hier der Notfallplan:

Kleine Kugeln aus dem Teig formen und plattdrücken. Wer eine kleine Mulde mit den Fingern formt, kann anschließend auch noch mit Marmelade füllen.

Dilyana Toneva gibt nicht auf. Sie will den Teig für die Butter-Cookies bezwingen. Das Rezept stammt von Grandma Alma aus Amerika, ist ein altes Hausrezept der Großmutter ihres Freundes. Weil’s mit dem Ausrollen aufgrund von Klebrigkeit nicht so richtig klappt, drückt sie schließlich kleinere Mengen von Teig mit den Händen platt und sticht dann Plätzchen aus. „Funktioniert“, sagt Dilyana und setzt Herzchen und Sternchen zufrieden aufs Backblech. Von Yulys Makronen geht erst die zweite Ladung richtig schön auf. Die empfohlenen 120 Grad waren ein bisschen wenig, bei höherer Backtemperatur gelingen die Mandelmakronen dann doch noch.

Und jetzt darf geschlemmt werden. Kaffee- und Teeklatsch nach getaner Arbeit, dazu frisch gebackene Plätzchen. Alle Sorten schmecken, das stellen die Bäckerinnen fest. Bei allen Sorten gibt’s aber auch noch Verbesserungspotenzial. Die Übungmacht’s eben. Und für den Anfang empfiehlt es sich, ein bisschen mehr Zeit einzuplanen - und notfalls noch ein paar Zutaten für einen zweiten Durchlauf vorzuhalten. Wer gleich nach dem Backen kostet, sollte nicht enttäuscht sein: Die meisten Plätzchen brauchen ein paar Tage in der Blechdose, dann erst sind sie durchgezogen und richtig lecker.

Einige Tage später. Meine Butterplätzchen sind inzwischen durchgezogen. Meine größte Kritikerinnen kommt zum Probieren vorbei. „Die hätte man aber schöner machen können“, frotzelt Eva und kaut. „Schmecken aber fast so gut wie meine eigenen“, meint sie. Was für ein großes und wunderbares Lob!

Das Butterplätzchen-Rezept:

Butter Cookies (from Grandma Alma)

  • 225 g weiche Butter
  • 150 g Zucker
  • 2 Eier
  • 1/2 TL Vanille
  • 1/2 TL Mandelaroma
  • 275 g Mehl

Zubereitung:

  1. Ofen auf 200 C vorheizen.
  2. Butter, Zucker und Eier in einer Schüssel schaumig schlagen.
  3. Vanille und Mandelaroma hinzufügen.
  4. Mehl zugeben und zu einem groben Teig verarbeiten
  5. Mit der Hand kneten.
  6. Jeweils einen Teelöffel Teig zu einem 'S' formen oder ausrollen und ausstechen.
  7. Im vorgeheizten Ofen 10 Minuten backen, bis die Kekse leicht gebräunt und fest sind.

von Carina Becker