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Marburg Für weitere Lockerungen ist es zu früh
Marburg Für weitere Lockerungen ist es zu früh
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21:24 30.09.2020
Gesundheitspersonal führt in Vallecas, einem abgesperrten Viertel von Spaniens Hauptstadt Madrid, Corona-Schnelltests durch. In Spanien kann man von einer „zweiten Corona-Welle“ sprechen, in Deutschland kann momentan davon noch nicht die Rede sein, diagnostiziert Professor Harald Renz in einem aktuellen Beitrag zur Pandemie. Quelle: Bernat Armangue/AP/dpa
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Marburg

Sie haben Fragen rund um das Coronavirus? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an beratung@op-marburg.de. Diesmal beantwortet Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer am Uni-Klinikum Marburg, Fragen zur aktuellen Entwicklung der Pandemie.

Haben wir in Deutschland eine „zweite Welle“?

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Wir sehen gegenwärtig einen Anstieg an Corona-Infizierten, dies ist ein bundesweiter Trend.

Die aktuelle Zahl in unserem Landkreis: 69 (Stand 30.9.). Das bedeutet 21,9 Neuerkrankungen auf 100 000 Einwohner in den letzten 7 Tagen im Landkreis. Damit sind wir von der „ersten Warnstufe“ mit 25 nicht mehr weit entfernt. Die Zahlen nehmen stetig zu in den letzten Wochen, insbesondere seit Beginn der Schulzeit, seit der Welle der Urlauber-Rückkehrer, der Beginn der herbstlichen Sportsaison et cetera.

Hinzu kommt, dass viele Menschen die Corona-Maßnahmen „leid“ sind, wieder zurückkehren wollen zu einen Lebensstil wie vor Corona. Das ist alles sehr verständlich und nachvollziehbar. In Anbetracht der jetzt auch bei uns steigenden Infektionszahlen ist eine Lockerung der Maßnahmen noch zu früh.

Hinzu kommen ja auch noch steigende Risiken zum Herbst/Winter mit einer möglichen Grippe-Welle „on top“ auf die Corona-Welle, und viele Experten befürchten eine weitere Zunahme an Infektionen in der kälteren Jahreszeit. Deswegen: Bitte jetzt die Grippe-Impfung nicht vergessen!

Ob sich aus dieser aktuellen Situation jetzt eine echte „zweite Welle“ entwickeln wird, muss über die nächsten Wochen hinweg beobachtet werden.

Wie sieht es in den umliegenden Ländern aus?

Hier stechen vor allem Spanien, Italien und Frankreich hervor. In Spanien sind wir bei über 200 Fällen pro 100 000 Einwohner pro Woche, bei einer dramatischen Entwicklung. Hier kann man von einer „zweiten Welle“ sprechen. Das Epizentrum liegt in und um Madrid. Ein Drittel aller Spanier mit Covid-19 lebt in Madrid. Übereilte Lockerungen werden in Spanien dafür verantwortlich gemacht neben einem Versagen des Gesundheitssystems. Hieraus können wir lernen.

In Frankreich sehen wir ebenfalls steigende Zahlen, in knapp 20 Departements ist die Schwelle von 50 Fällen pro 100 000 Einwohnern überschritten und weitere Maßnahmen werden dort jetzt ergriffen. Als Ursachen in Frankreich werden der Schulbeginn vor wenigen Wochen und die Lockerung der Maßnahmen angeführt.

In Italien ist die Zahl der Neuinfektionen bei 30 angekommen, wobei regionale Cluster auffallen, in bestimmten Regionen eine „zweite Welle“.

Professor Harald Renz erklärt welche Menschen besonders von Corona betroffen sind und wie sich das Virus verändert. Quelle: Thorsten Richter

Wer ist besonders betroffen?

Was jetzt auffällt, ist, dass in Spanien und Frankreich die Hälfte der Infizierten keine Symptome aufweist und das Durchschnittsalter auf unter 40 Jahre gesunken ist. Die Infizierten werden immer jünger. 30 Prozent der Neuinfizierten sind zwischen 15 und 44 Jahre alt. Hier besteht die Sorge, dass diese jungen Menschen – die überwiegend gut mit dem Virus zurechtkommen – ungewollt ältere Menschen infizieren können. Ältere Menschen (insbesondere wenn sie dann noch weitere chronische Erkrankungen haben) leiden häufig besonders unter einer Corona-Virusinfektion und zeigen die schweren Verläufe. Diese neuen Entwicklungen müssen wir auch in Deutschland im Auge behalten.

Verändert sich das Virus?

Durch die Weiterreichung des Virus von Mensch zu Mensch kommt es zu Mutationen im Erbmaterial des Virus, die potentiell zu deutlich schwereren Infektionen führen können. Dies wurde jetzt in einer großen Studie untersucht, und es konnte gezeigt werden, dass das Sars-CoV2-Virus in seinem Erbmaterial relativ stabil ist. Es sind zwar Mutationen beschrieben, die auch relativ weit verbreitet sind, allerdings haben diese Mutationen offensichtlich wenig Einfluss in Bezug auf die Ausbildung und den Schweregrad der Infektion. Dies ist eine gute Nachricht auch für die Impfstoffentwickler.

Wie sieht es mit den Antikörpern im Blut von infizierten Menschen aus?

Hier besteht die Sorge, dass es zwar nach einer durchgemachten Infektion zu einer Antikörperbildung kommt, diese Antikörper aber nicht lange im Blut zirkulieren und so sich möglicherweise Menschen, die schon einmal Covid-19 gehabt haben, wieder infizieren könnten. Jetzt mehren sich allerdings Daten, die zeigen, dass es durchaus zu einer guten und relativ stabilen Immunantwort nach einer Covid-19-Infektion kommt. Antikörper finden sich in ausreichenden Mengen im Blut mindestens noch vier Monate nach Infektion, und auch die T-Zell-Antwort (der andere Arm der Immunantwort neben den Antikörpern) scheint gut ausgebildet zu sein nach Infektion.

Allerdings sind hier noch weitere Studien erforderlich, insbesondere Langzeituntersuchungen. Die Antikörperantwort beispielsweise ist sehr heterogen, bestimmte Antikörper fallen schneller ab als andere.

An diesen Untersuchungen sind auch Marburger Wissenschaftler beteiligt.

Wie steht es um die Corona-Warn-App der Bundesregierung?

Leider nicht so gut. Seit zirka zwei Monaten stagniert die Anzahl der Downloads der Corona-Warn-App bei etwa 17 Millionen. Damit ist ein Großteil der Bevölkerung immer noch ohne Corona-Warn-App ausgerüstet. Sehr viel schwerwiegender ist allerdings der Umstand, dass nur ein sehr geringer Teil der positiven täglichen Testergebnisse (zwischen 5 und 10 Prozent) auch an den zentralen Server weitergeleitet wird, das heißt 90 bis 95 Prozent der positiven Testergebnisse sind im zentralen Server der Corona-Warn-App gar nicht eingestellt, und somit werden diese Ergebnisse auch nicht den Nutzern mitgeteilt, falls ein solch positiv Getesteter in deren Umgebung sich zufälligerweise aufhält.

Es ist kein Grund zur Schadenfreude, ganz im Gegenteil, eine solche Warn-App wäre sehr hilfreich, um auch bei einer an Fahrt aufnehmenden Verbreitung des Virus im Rahmen der „zweiten Welle“ den Menschen entsprechende Hinweise zu geben. Damit könnte man in der Tat die Lockerungsmaßnahmen deutlich kontrollierter steuern und ein höheres Maß an Sicherheit denjenigen vermitteln, die sich zum Beispiel im Rahmen von Restaurant-, Kino- oder anderen Kulturbesuchen in größeren Menschenansammlungen aufhalten. Dies gilt insbesondere für die jetzt anlaufende neue Bundesligasaison.

Diese Chance ist in Deutschland verpasst worden; ein wesentlicher Grund dafür liegt auch darin, dass es nicht gelungen ist, alle Testlaboratorien an den zentralen Server anzubinden, so dass deren Ergebnisse bis heute auch nicht in den zentralen Server übertragen werden. Diese ganze Aktion ist kein digitales Ruhmesblatt, sondern Ausdruck der gravierenden Defizite im Bereich der digitalen Medizin in Deutschland.

Zwischenresümee

Die steigenden Corona-Zahlen sind beunruhigend, müssen im Auge behalten werden und lassen derzeit keine Lockerungen der derzeit geltenden Eindämmungsmaßnahmen zu.

Corona-Zahlen steigen in Deutschland an; allerdings moderat; von einer „zweiten Welle“ kann (noch) keine Rede sein.

In den umliegenden Ländern mit einer „zweiten Welle“ verhält sich diese anders als bei der ersten Welle: viel mehr jüngere Menschen; weniger intensivpflichtige Patienten; weniger Todesfälle; viel mehr niedrig- und asymptomatische Patienten.

Leider greift die Corona-Warn-App der Bundesregierung nicht; hier sollte schnellstmöglich nachgebessert werden; eine solche Warn-App wäre sehr hilfreich bei der Überdenkung der allgemeinen Eindämmungsmaßnahmen.

Obwohl an dem Dreiklang aus Mundschutz, Abstand halten und Händedesinfektion/Hände waschen nichts vorbeiführt, sollte in Anbetracht des neuen Infektionsverlaufs darüber nachgedacht werden, wie wir mit Corona insgesamt umgehen, was wir uns an weiteren Lockerungsmaßnahmen leisten können, Ausbrüche geschehen regional und müssen regional/lokal begrenzt werden. Der Rest der Gesellschaft muss zu einem regulären Leben sukzessive auch wieder zurückgeführt werden, immer in Abhängigkeit des weiteren Verlaufs der Infektionszahlen.