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Marburg Wirkt der Lockdown im Landkreis?
Marburg Wirkt der Lockdown im Landkreis?
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18:27 01.12.2020
Quelle: picture alliance / dpa
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Wirkt der Lockdown im Landkreis Marburg-Biedenkopf?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf die 7-Tage-Inzidenz. Am 2. November startete der Teil-Lockdown. An diesem Tag lag die Inzidenz im Landkreis bei 258,1. Seitdem sinkt der Wert. Am 1. Dezember beträgt die Inzidenz nur noch 130,2. Innerhalb eines Monats hat sich ihr Wert also halbiert. Das ist gut, aber nicht gut genug. Ziel des Teil-Lockdowns ist es, die Inzidenz auf 50 zu senken. 

Und was war nochmal die 7-Tage-Inzidenz?

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  • Die Inzidenz zeigt, wie viele Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen dazugekommen sind. 
  • Sie ist ein zuverlässiger Indikator, um das Infektionsgeschehen im zeitlichen Verlauf zu überblicken.
  • Da sie immer pro 100.000 Einwohner berechnet wird, macht sie Fallzahlen von Landkreisen mit unterschiedlichen Einwohnerzahlen vergleichbar. 
  • In Deutschland ist die 7-Tage-Inzidenz entscheidend bei der Frage, ob in einem Landkreis Corona-Maßnahmen gelockert oder verschärft werden. Übersteigt die 7-Tage-Inzidenz den Wert von 50, gilt eine Region als Corona-Risikogebiet.


Warum melden OP und RKI unterschiedliche Zahlen?

Anfang November war der Landkreis Marburg-Biedenkopf in den überregionalen Nachrichten: als Kreis mit der höchsten Inzidenz in ganz Deutschland. 300,2 Neuinfizierte sollen hier je 100.000 Einwohner binnen 7 Tagen dazugekommen sein. Diese Zahl jedenfalls nannte das Robert-Koch-Instituts (RKI).

Der Kreis kann bis heute nicht erklären, wie diese Zahl zustande gekommen sein könnte. Selbst meldete er am betreffenden Tag eine deutlich niedrigere Inzidenz von 250,7. Wie lässt sich der Unterschied erklären?

Um es kurz zu machen: Wir wissen es nicht. Und auch beim Landkreis herrscht in diesem Punkt nach wie vor Ratlosigkeit, wie die Pressestelle am 11. November durchgab. Und das nach Wochen der internen Fehlersuche und Rücksprachen mit dem RKI.

Die OP meldet täglich – außer samstags – die aktuellen Corona-Fallzahlen für den Kreis. Es handelt sich dabei jeweils um die Fälle, die das Gesundheitsamt des Kreises am Vortag zwischen 0 und 23.59 Uhr registriert hat. Wir erhalten die Daten direkt vom Gesundheitsamt. Denn: Niemand hat aktuellere Zahlen über unseren Kreis.

Beim RKI laufen die Zahlen aus Gesundheitsämtern ganz Deutschlands zusammen. Bei der Übermittlung kam es in der Vergangenenheit allerdings wiederholt zu Verzögerungen. Das Problem: Der Meldeverzug allein erklärt aus Sicht des Landkreises nicht alle Abweichungen. 

Und nun? Der Landkreis rät, sich im Zweifel an die Zahlen des Gesundheitsamts zu halten. Das RKI selbst habe schließlich Meldeverzüge und technische Schwierigkeiten eingeräumt – und zudem bestätigt, dass die Zahlen des Gesundheitsamts entscheidend seien, da es sie vor Ort erhebe.

Wie viele Menschen sind gerade in Quarantäne?

Das Gesundheitsamt veröffentlicht jeden Tag Zahlen zur Corona-Lage im Landkreis. Die Zahl der Menschen in Quarantäne ist in der Regel nicht darunter. Nur ab und an gibt es dazu einen Richtwert vom Gesundheitsamt. Warum? "Weil sich die Zahl angesichts andauernder neuer Anordnungen und Aufhebungen nahezu augenblicklich ändert", erklärt Kreissprecher Sascha Hörmann. Jede konkrete Aussage wäre also sofort überholt.

Ist Stadtallendorf ein Hotspot?

In Sachen "aktive Fälle" liegen Marburg (155) und Stadtallendorf (177) am 13. November weit vorn im Kreis. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist Stadtallendorf mit rund 8 Fällen pro 1.000 Einwohner gleichwohl einsame Spitze, während Marburg (2 Fälle pro 1.000 Einwohner) in die hintere Hälfte rutscht. Ist Stadtallendorf also ein Hotspot? 


Der Landkreis sagt: nein. Der Begriff "Hotspot" bezieht sich aus Sicht des Landkreises auf ein größeres Ausbruchsgeschehen mit einem konkreten Anlass, zum Beispiel eine Party. Die Fallermittlung sei jedoch in Stadtallendorf auf keinen solchen Anlass gestoßen. Lediglich in einer Alten-Pflegeeinrichtung seien mehrere Fälle aufgetreten.

Der Landkreis weist darauf hin, dass es momentan in Orten mit vergleichsweise höheren Einwohnerzahlen auch mehr Fälle gebe. Ausreißer würden genau beobachtet. Allerdings müsse auch klar sein, dass es in Pandemiezeiten Zusammenhänge gebe, die noch nicht abschließend erklärt werden können. 

Wie viele Menschen im Landkreis wurden schon auf das Coronavirus getestet?

Wir wissen es nicht. Denn das Gesundheitsamt zählt nur die bestätigten Infektionen. Wie viele Menschen darüber hinaus im Landkreis auf das Coronavirus getestet wurden, ist unklar. Negative Testergebnisse teile das Gesundheitsamt nur den Betroffenen mit, erklärt Kreissprecher Stephan Schienbein, und das auch nur, wenn dieser Test über das Gesundheitsamt veranlasst wurde. "Wenn sich jemand ohne Kenntnis des Gesundheitsamtes zum Beispiel direkt über das Test-Center der Kassenärztlichen Vereinigung oder den Hausarzt hat testen lassen, bekommt das Gesundheitsamt das Ergebnis nur bei einem positiven, also bestätigten Befund." 

Nach wie vielen Tagen gelten Infizierte als genesen?

Das Gesundheitsamt in Marburg orientiert sich bei dieser Frage an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Demnach kann ein Patient in folgenden Fällen aus der Isolierung entlassen werden: 

  • Bei leichtem Verlauf: Wenn frühestens zehn Tage nach Symptombeginn für mindestens 48 Stunden nach ärztlicher Beurteilung keine Symptome mehr vorliegen.
  • Bei positivem Befund ohne Symptome: Frühestens zehn Tage nach Erstnachweis des Erregers.
  • Bei schwerem Verlauf: Wenn frühestens zehn Tage nach Symptombeginn für mindestens 48 Stunden nach ärztlicher Beurteilung keine Symptome mehr vorliegen und ein negativer Test vorliegt.

Warum hat monatelang niemand verraten, wo die Infizierten wohnen?

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf hielt die Information bis Anfang November unter Verschluss, wie sich die Fallzahlen auf die Städte und Gemeinden im Kreis verteilen. Und das aus folgenden Gründen: 

  • In unserem und anderen Landkreisen kam es aufgrund solcher Zahlen zu Vorverurteilungen und Stigmatisierungen von Menschen. 
  • Niedrigen Fallzahlen könnten Einzelne in falsche Sicherheit wiegen. Dann bestehe die Gefahr, dass Hygiene- und Abstandsregeln vernachlässigt werden.
  • Das Risiko, sich anzustecken, besteht nach Einschätzung des Landkreises grundsätzlich überall. Infektionsfälle seien - zumindest noch bis Ende Oktober - über den gesamten Landkreis verteilt gewesen. 

Dass der Kreis nun doch die lokalen Zahlen verrät, begründet er damit, den Ernst der Lage verdeutlichen zu wollen. Die lokalen Zahlen zeigten, dass es im Landkreis keine sicheren Orte gebe –  und dass man dem Virus im Kreisgebiet nicht ausweichen könne. 

von Friederike Heitz

Ihr habt weitere Fragen zu Corona-Zahlen? Schreibt uns an online@op-marburg.de

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