Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Forst-Nachwuchs erstellt Eiben-Kataster
Marburg Forst-Nachwuchs erstellt Eiben-Kataster
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 10.04.2021
Lennart Mitze (links) und Paul Lemmer pflegen, zählen und dokumentieren in den Revieren des Forstamts Kirchhain die Eibenbäume.
Lennart Mitze (links) und Paul Lemmer pflegen, zählen und dokumentieren in den Revieren des Forstamts Kirchhain die Eibenbäume. Quelle: Foto: Ina Tannert
Anzeige
Roßberg

Der Klimawandel hinterlässt wohl nirgends so deutliche Spuren wie in den Wäldern, die sichtbar unter heißen Sommern und regenarmen Wintern der letzten Jahre gelitten haben. Trockenheit, Waldsterben, Käfer- und Pilzbefall führen zum Umdenken, der Wandel zum „Wald der Zukunft“ ist in aller Munde.

Neue Pflanzprojekte für mehr Vielfalt in deutschen Wäldern gibt es überall, allerdings nicht erst seit drei trockenen Jahren, sondern Jahrzehnte vorher. Im Forstamt Kirchhain wird eins davon nun wiederbelebt, das zur Bereicherung der Wälder auf die Eibe setzt. Und von dieser Nadelbaumart gibt es so einige im Forstamtsbezirk – wie viele genau, ist aber in Vergessenheit geraten. Deswegen haben es sich Paul Lemmer und Lennart Mitze zur Aufgabe gemacht, die Bäume zu zählen und zu dokumentieren. Die beiden 19 und 20 Jahre alten Männer absolvieren seit August ein Freiwilliges Ökologisches Jahr beim Forstamt Kirchhain.

Jeden Tag sind sie in den Revieren unterwegs und befassen sich mit verschiedenen Naturschutzmaßnahmen zum Schutz des Waldes: Sie bauen einen Amphibienteich wieder auf, kontrollieren Mäuseschäden auf den Aufforstungsflächen oder sammeln Eicheln. „Jeder von uns hat bestimmt schon so 1 500 Bäume gepflanzt“, erzählt Lennart lachend.

Aktuell fängt wieder die Saison der Borkenkäfer an, die Sorge vor neuen Käfer-Plagen sei groß, auch wenn der teils strenge Winter ein wenig Hoffnung gibt, dass es dieses Jahr weniger schlimm für die angeschlagen Bäume werden könnte.

Und natürlich legen sie weite Strecken für ihre Eiben zurück, zählen alle jungen und alten Bäume in rund zehn Revieren, vermerken Ort, Zustand und Pflegebedarf. Die meisten Eiben wachsen in Eibengattern, eingezäunten Bereichen verteilt im Wald. Die wurden vor allem in den 1990er-Jahren eingerichtet. Eine weitere Generation kam zuletzt 2016 hinzu, doch wo genau die alten und neuen Pflanzungen zu finden sind, das wurde nicht notiert.

Das holen die beiden nun nach und erstellen quasi ein Eiben-Kataster samt Grafik, um den Bestand zu dokumentieren und Rückschlüsse auf die Baumart und deren Entwicklung ziehen zu können. So stehen etwa im Wald bei Roßberg zehn Eiben, die vor etwa 30 Jahren gepflanzt wurden und heute gut gedeihen. Direkt daneben eine Gruppe noch junger Exemplare, etwa fünf Jahre alt. Manches Pflänzchen sieht etwas braun aus, viele haben die ersten Jahre aber anscheinend überstanden.

Beide vermuten, dass es an die 300 Eiben im Bezirk gibt, noch sind sie aber nicht fertig mit der Bestandsaufnahme. An der haben sie sichtlich Freude, können sich auch nach dem Freiwilligenjahr eine berufliche Zukunft im Forst vorstellen. „Ich auf jeden Fall, ich will Forstwirtschaft studieren und das ganze Gebiet kennen lernen“, erzählt Lennart.

Eiben als Wald-Puffer

Warum machen sie sich die ganze Mühe? Ihnen ist der Wald wichtig, ebenso ihre Arbeit, die dabei mithilft, diesen langfristig ein Stück weit robuster werden zu lassen. In den letzten Monaten haben sie die Anzeichen von Klimaschäden direkt miterlebt: „Man sieht die Schäden überall, vor allem durch die Borkenkäfer“, sagt Lennart. Es brauche daher mehr Abwechslung im Wald, „die Artenvielfalt ist ganz wichtig“.

Die robuste und klimastabile Eibe gilt da als geeigneter Kandidat, um quasi als Puffer im Wald magere Zeiten durchzustehen. „Eiben sind selten, kommen aber mit Wettereinflüssen super klar“, erklärt Paul. Somit könnten sie auch Trockenperioden, Pilz- oder Käferbefall besser widerstehen als andere Arten.

Die Eibe ist übrigens giftig, in Samen, Nadeln und Holz findet sich das Gift Taxin. Eine Gefahr bestehe aber nur dann, wenn man die Nadeln oder Beeren in den Mund nimmt. Als Formgehölze findet sich die Art dennoch in heimischen Gärten, etwa als Hecke. Die Art ist seit Jahrhunderten beliebt und schon zu begehrt: Ihr Holz war beliebter Baustoff für Bögen, ein Grund, weshalb die Eibe – früher auch Bogenbaum genannt – im Mittelalter fast ausgerottet wurde. In Deutschland steht die Europäische Eibe daher auf der roten Liste der gefährdeten Arten.

Es ist ein langfristiges Naturschutzprojekt, wie alles im Wald dauert es seine Zeit. Forstwirtschaftlich ist die Eibe eher uninteressant, darf nicht gefällt werden und gilt somit nicht als Spitzenreiter, was den Wald der Zukunft angeht. „Aber jede zusätzliche Art ist von Nutzen, je mehr Vielfalt, desto schöner, artenreicher und stärker ist der Wald“, erklärt Förster und Waldpädagoge Florian Zilm, der die Freiwilligen betreut. Die Eibe könne dabei eine Facette von vielen sein, um das gesamte Ökosystem Wald anzureichern.

Von Ina Tannert

Die Europäische Eibe

Die Eibe (Taxus baccata) war der Baum des Jahres 1994 und kommt als Baum oder Strauch in nahezu ganz Europa sowie Teilen Nordafrikas und Westasiens vor. Ihr Verbreitungsgebiet ist durch die Übernutzung der Bestände jedoch stark zerrissen, in Deutschland steht sie unter Naturschutz. Die Eibe kann bis zu 3 000 Jahre alt werden und gilt als die langlebigste Nadelbaumart Europas.

Diese Art bevorzugt aufgrund ihrer geringen Frosthärte wintermilde Standorte, verträgt trockene Bereiche besser als die meisten anderen heimischen Baumarten, kann aber auch in Flussauen vorkommen. Bevorzugt besiedelt sie feuchte, nährstoffreiche Böden, die nicht zu sauer sind.

Diese Art wächst in ihrer Jugend sehr langsam, wird zwei bis 15 Meter hoch, in seltenen Fällen bis zu 20 Meter. Auffallend sind die weichen, immergrünen Nadeln mit linealischer Form, 1,5 bis 3,5 Zentimeter lang und zwei bis drei Millimeter breit.

Die rötlichbraune, glatte Rinde junger Bäume wird später zu einer graubraunen, sich in Schuppen ablösenden Borke. Die Blütezeit ist von Februar bis Mai. Die reifen Samen werden von einem roten, fleischigen Samenmantel umhüllt, der entgegen der weitläufigen Meinung nicht giftig ist. Die bläulich-braunen Samen im Inneren sind jedoch wie andere Teile der Eibe giftig.

Das schwere, wertvolle Holz wird heutzutage für Furnierarbeiten, Holzschnitzereien oder den Bau von Musikinstrumenten verwendet.

10.04.2021
10.04.2021