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Marburg Dieses Mal geht es um die Frauen
Marburg Dieses Mal geht es um die Frauen
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14:59 18.10.2020
Hilde Rektorschek (von links), Tanja Pusch, Mandy Lauer und Professorin Susanne Gerner mit dem Forschungsbericht. Quelle: Katja Peters
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Marburg

160 Seiten dick ist der Forschungsbericht über die Teilhabe von Frauen und Mädchen in Marburg. Professorin Susanne Gerner und die beiden Masterstudentinnen Mandy Lauer sowie Johanna Zühlke von der evangelischen Hochschule Darmstadt, Fachbereich Soziale Arbeit, haben ihn verfasst und dafür zwei Jahre lang geforscht.

30 Frauen und Mädchen mit Lernschwierigkeiten sowie Gehörlose sind dafür in mehreren Gesprächen befragt worden. „Und da standen wir schon vor der ersten Herausforderung“, erinnert sich Susanne Geller. „Wie erreichen wir die Mädchen und Frauen? Wir wollten schließlich mit ihnen persönlich sprechen und nicht mit Betreuern oder Assistenten“, betont sie.

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Schon allein bei den Terminabsprachen stellten sie fest, dass die wenigsten Frauen und Mädchen selbst über ihre Zeit bestimmen dürfen. In einem Fall bedurfte es fünf Anrufe der Forscherin bei Mitarbeitern der Wohngruppe, der Gruppenleitung und dem gesetzlichen Betreuer, bis der Termin endlich fest stand.

Die zu Befragende hat die Forscherin aber nie ans Telefon bekommen. Dabei hatte diese auf einer Informationsveranstaltung ihr Einverständnis persönlich gegeben.

Übergriffigkeit bremst Selbstbestimmung

In anderen Fällen entschieden einfach Dritte, dass die Frauen nicht an der Befragung teilnehmen dürfen. Genau dieses Phänomen, nämlich dass sie nicht selbst bestimmen können, wen sie wann treffen, genau das monierte ein Großteil der Befragten über alle Altersgruppen hinweg.

Die offenen Interviews, die in einfacher Sprache und auch mit Gebärden-Dolmetschern geführt wurden, drehten sich um die Themen Wohnen, Arbeit, Freundschaft, Mobilität, Freizeit und Information. Nachdem nun also die Zielgruppe über Sportgruppen, Träger, Beiräte und Vereine gefunden war, startete die Befragung sowohl in der Gruppe, als auch in Einzelgesprächen.

Die drei Forscherinnen haben gleich gemerkt, dass die Befragten sich freuten, auch endlich etwas sagen zu dürfen. „Am Anfang mussten wir direkt auf sie zugehen, dann sind sie ganz von selbst auf uns zugekommen und haben uns ihre Anliegen erzählt“, berichtet Mandy Lauer, eine der Interviewerinnen.

Mehr Peer-Beratung für Lebensplanung

Tanja Pusch vom Handicap-Team des BC Pharmaserv hat auch mitgemacht. „Wir hatten gleich das Gefühl, die nehmen uns ernst. Die haben Interesse an uns und sie haben auch langsam gesprochen“, erinnert sich die Basketballerin, die immer sehr zurückhaltend ist, wenn sie mit fremden Menschen ins Gespräch kommt. „Ich habe mich schnell getraut, auch Fragen zu stellen“, sagt sie ganz stolz.

Eindrücklich blieb bei den Forscherinnen in Erinnerung, als die Frauen über die spärliche Selbstbestimmung in den Wohngruppen und Werkstätten sprachen. Zum einen liege das an den starren und eingefahrenen Strukturen, aber auch an der Übergriffigkeit der Bezugspersonen oder gesetzlichen Betreuer. „Ich kann nie alleine in die Stadt. Immer kommt jemand mit und passt auf“, wird in dem Forschungsbericht eine Befragte mit Lernschwierigkeiten zitiert. Bei den gehörlosen Frauen ist es etwas anders. Sie könnten alleine in die Stadt, tun es aber nicht.

Gebärdensprache war früher verboten

Denn nur wenige Gehörlose haben hörende Freundinnen, mit denen sie sich treffen oder unterhalten können. Gerade bei privaten vertraulichen Gesprächen ist das schwierig, selbst wenn ein Dolmetscher dabei ist. Das baut emotionale Mauern auf und die meisten Frauen ziehen sich in ihre Familien zurück. Denn oft entscheiden auch die Hörenden einfach für die Gehörlosen. Die wiederum fühlen sich dann bevormundet.

Viele gehörlose Frauen haben auch schlechte Erfahrungen in den Spezialschulen gesammelt, die früher sehr streng und sehr darauf fixiert waren, dass die Kinder die Lautsprache lernten. „Es wurde einem auf den Brustkorb geschlagen, damit man die richtigen Laute sagte. Es wurde wirklich mit den Händen am Hals und im Mund rumgequetscht und gedrückt“, berichtete eine der Befragten. Gebärdensprache war damals verboten. Heute ist es selbstverständlich, Gebärden zu lernen.

Viele Projekte drohen zu versanden

Gerade deswegen wünschten sich viele Befragte, dass gehörlose Kinder inklusiv beschult werden sollten, damit sie nicht ausgeschlossen werden. Eine Frau sagte bei der Befragung: „Eine Brücke zwischen der hörenden Gesellschaft und uns wäre wichtig. Das wäre schon ein Wunsch, dass wir mehr von der Gesellschaft eingeladen werden.“

Genau das ist auch das Fazit des Berichtes: mehr Räume, wo sich Frauen treffen können, die Lernschwierigkeiten haben und die keine Lernschwierigkeiten haben, die hören können und die gehörlos sind. Dass mehr Informationen auch in Leichter Sprache verfügbar sind und dass es auch Peer-Berater beispielsweise für die Lebensplanung gibt.

Sichtbarer müssen die Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigungen werden, nicht nur als Einwohner der Stadt Marburg, sondern ihre Bedürfnisse müssen sichtbarer werden. So werden sie beispielsweise im aktuellen Jugendbericht der Stadt Marburg gar nicht berücksichtigt. „Es gibt schon viele Projekte, die drohen aber zu versanden. Und genau dem muss entgegengewirkt werden“, sagt Susanne Geller zum Abschluss.

Der Forschungsbericht „Wie ist Dein Leben in und um Marburg?“ ist in Leichter Sprache beim Büchner-Verlag erschienen und kann dort für 25 Euro erworben werden.

Von Katja Peters

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