Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Neue Wege im Kampf gegen Krebs
Marburg Neue Wege im Kampf gegen Krebs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:58 14.09.2019
Die Ärztliche Direktorin Prof. Rita Engenhart-Cabillic (rechts) erläutert im Behandlungsraum, wie Patienten mit der Ionenstrahl-Therapie geheilt werden. Quelle: Stefan Dietrich
Marburg

Beim Zahnarzt fiel es auf: Der Patient hatte eine Veränderung am Gaumen. Ein bösartiger Tumor, wie sich herausstellte. Die übliche Behandlung in solchen Fällen sei eine Operation mit zusätzlicher Strahlentherapie, erläutert Prof. Rita Engenhart-Cabillic, Ärztliche Direktorin am Standort Marburg des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) und am Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum (MIT). Doch Behandlungen am Gaumen sind heikel, weil dieser Bereich für das Schlucken verantwortlich ist. Deshalb entschieden die Ärzte, den Patienten ohne Operation am MIT bestrahlen zu lassen – mit Kohlenstoff-Ionen. Inzwischen sind drei Jahre vergangen, und es sei „alles in Ordnung“, berichtet Engenhart-Cabillic: „Die Ionenstrahl-Therapie trägt nicht nur zur besseren Heilung bei, sondern auch zum Funktionserhalt.“

Das MIT auf den Lahnbergen ist ein Beispiel dafür, wie Ärzte, Hochschulen und Unternehmen in Mittelhessen daran arbeiten, Krankheiten in Zukunft besser behandeln zu können. „Ernst Leitz, Conrad Röntgen und Emil von Behring sind unser Leitbild“, sagt Jens Ihle vom Regionalmanagement Mittelhessen, das die Stärke der Region in der Gesundheitswirtschaft in den Fokus rücken will. Immerhin ist das UKGM mit 9 600 Mitarbeitern das drittgrößte Universitätsklinikum Deutschlands, die Philipps-Universität hat den größten Pharmazie-Fachbereich, und es gibt rund 250 Pharma- und Medizintechnik-Firmen in Mittelhessen. Mit einer Presse-Tour stellte das Regionalmanagement Beispiele für Innovationen in Marburg, Gießen und Wetzlar vor.

Hintergrund

Gießen. Das Regionalmanagement Mittelhessen will die Region als Standort für Medizin- und Gesundheitswirtschaft bekannter machen. Dazu soll das neue Portal www.healthcare-mittelhessen.eu dienen, das sich an Investoren, Unternehmen, Wissenschaftler und Nachwuchskräfte richtet. Es soll für den Standort werben und den Austausch und die Bildung von Netzwerken in der Branche fördern.

In der Regionalmanagement Mittelhessen GmbH haben sich Handwerks-, Industrie- und Handelskammern, Hochschulen, Oberzentren, der Verein Mittelhessen und die fünf Landkreise des Regierungsbezirks Gießen zusammengeschlossen.

„Ein solches Zentrum gibt es in Deutschland nur zweimal – nämlich in Marburg und in Heidelberg“, sagt Dr. Gunther K. Weiß, Vorsitzender der UKGM-Geschäftsführung, über das MIT. Denn bei der üblichen Strahlentherapie werden Krebspatienten mit Photonen bestrahlt, also Licht (Gammastrahlen). Einige Zentren in Deutschland bieten Bestrahlungen mit Protonen an, positiv geladenen Bausteinen von Atomkernen. Nur in Marburg und Heidelberg ist daneben auch die Bestrahlung mit Kohlenstoff-Ionen möglich, also mit elektrisch geladenen Kohlenstoff-Kernen. Dazu werden im MIT kleine Teilchen aus Gasflaschen in einem Kreisbeschleuniger auf 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt.

Der Vorteil von Protonen- und Kohlenstoff-Ionen-Bestrahlungen: Die Strahlung gibt ihre Energie erst tief im Gewebe ab, wo sie Krebszellen zerstören soll, während Photonen schon nach wenigen Zentimetern die höchste Intensität erreichen. „Bei gleicher Dosis ist im Tumor die Wirkung um das dreifache höher“, sagt Engenhart-Cabillic. „Das gesunde umliegende Gewebe wird geschont.“
Die Technologie am MIT kann heute für viele Krebsarten eingesetzt werden, beispielsweise für Tumore im Kopf, bei kindlichen Tumoren oder bei Prostatakrebs. Aber das Zentrum könnte noch mehr Patienten aufnehmen: „Das Potenzial ist noch nicht ausgereizt“, sagt Dr. Sylvia Heinis, Kaufmännische Geschäftsführerin am Marburger UKGM-Standort. Potenzial gibt es auch aus Sicht der medizinischen Forschung noch: „Es gibt viele Tumorarten, wo noch unklar ist, wie groß der Vorteil ist“, sagt Engenhart-Cabillic.

Wenn sich Tumore stark bewegen, etwa in der Lunge beim Atmen, schwindet bislang der Vorteil der präzisen Bestrahlung mit Kohlenstoff-Ionen. „Man könnte zwar nur dann bestrahlen, wenn der Tumor richtig liegt“, sagt Prof. Klemens Zink, leitender Medizinphysiker am UKGM. „Aber so lange kann kein Patient ruhig liegen.“

„Nicht nur ein Bild, sondern Erkenntnisse generieren“

An einer Lösung arbeitet Zink mit Forschern an der Technischen Hochschule Mittelhessen im Projekt „3-D-Druck in der individualisierten Medizin“. Ein kleines Stück Plastik könnte in Zukunft die Behandlung von Lungenkrebs revolutionieren. Der „Reichweitenmodulator“ besteht aus dünnen Plastikspitzen und ist so geformt wie der Tumor eines bestimmten Patienten. Möglich machen das 3-D-Drucker, die Schicht für Schicht Material auftragen und mit UV-Licht aushärten. Auch Organe einzelner Patienten lassen sich mit den Druckern dreidimensional nachbilden, so dass ein Chirurg sich das Abbild eines Herzens anschauen könnte, ehe er zum Skalpell greift. Das Gießener Projekt soll unter anderem erforschen, welche Materialien sich dafür eignen.

Wird die Strahlung durch den Modulator geleitet, verlieren die Ionen unterschiedlich viel Energie – je nachdem, ob sie durch die Spitzen oder durch die Luft fliegen. Dadurch kommen sie im gesamten Tumor an – während bislang Tumore schichtweise mit Ionen verschiedener Energie beschossen werden müssen. „Der Tumor könnte mit nur einer Dosis bestrahlt werden“, erklärt Zink. Und zwar nicht in 40 bis 50 Minuten, sondern in wenigen Sekunden. So kurz, dass der Patient die Luft anhalten könnte und sich der Tumor nicht bewegen würde. „Wir arbeiten sehr eng mit Frau Engenhart-Cabillic zusammen für die nächste Generation der Krebstherapie“, sagt Zink.

Neue Wege im Kampf gegen Krebs beschreitet auch Leica Microsystems in Wetzlar. Das auf Mikroskopie spezialisierte Unternehmen setzt voll auf Digitalisierung. „Historisch haben wir ein Bild generiert“, sagt Geschäftsführer Markus Lusser. „Nun wollen wir Erkenntnisse generieren.“ So produziert das Unternehmen Mikroskope, die mit einer Laser-Schere kombiniert sind, erläutert Produktmanagement-Leiter Werner Wittke. „Ein Pathologe kann damit zum Beispiel Krebszellen ausschneiden und sammeln, um die Erbsubstanz zu untersuchen.“ Andere Mikroskope kommen bei der künstlichen Befruchtung von Eizellen zum Einsatz. Und auch im Operationssaal soll moderne opto-digitale Technik helfen. So können etwa Tumore oder Blutgefäße, die man sonst nur mit Kontrastmittel im Dunkeln sehen würde, auf einem Monitor sichtbar gemacht werden. „Der Chirurg weiß dann, hier muss ich schneiden“, erläutert Lusser.

„Ohne medizinischen Fortschritt wird ein Drittel der heutigen Kinder an Krebs sterben“, sagt Lusser. Er hofft, dass dieser Anteil durch Innovationen sinkt. An diesem Ziel arbeiten auch die Professoren Zink und Engenhart-Cabillic. Gerade bei Lungenkrebs seien die Heilungschancen in den vergangen Jahren nicht gestiegen, sagt Zink. Aber vielleicht wird sich das durch die Kombination von Drei-D-Druck und Ionen-Bestrahlung ändern.

von Stefan Dietrich