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Marburg Nachmittags digital: Wie hilft die Schule?
Marburg Nachmittags digital: Wie hilft die Schule?
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19:00 27.10.2019
Unterricht an Tablets: Die digitalen Medien in der Ganztagsschule sind Thema eines Forschungsprojektes. Quelle: Grimme-Institut
Marburg

Dass Jugendliche heutzutage nahezu rund um die Uhr digital unterwegs sind, ist eines der Kennzeichen des digitalen Zeitalters. Doch wie und wo erwerben sie sich die „digitale Medienkompetenz“, also die Fähigkeit, sich die im weltweiten Netz kursierenden Inhalte sinnvoll und nachhaltig anzueignen? Diese Frage beherrscht seit einigen Jahren die Agenda von Bildungs- und Medienforschern.

Einig sind sie sich dabei, dass die Potenziale digitaler Medien bisher im Bildungskontext Schule noch viel zu wenig ausgeschöpft sind. Gilt dies auch für die Ganztagsschule? Diese Frage stellt erstmals umfassend das Verbundprojekt „Ganztag digital: Digitale Medien und Medienbildung in der sozialen Welt der Ganztagsschule“ in den Mittelpunkt, in dem der Marburger Erziehungswissenschaftler Professor Ivo Züchner und seine Mitarbeiterin Hannah Jäkel mit Medienpädagogen und Medienpsychologen aus Köln kooperieren.

Das Forschungsprojekt bewegt sich im Schnittfeld zwischen Bildungsforschung, Kindheits- und Jugendforschung sowie der Erforschung der Mediensozialisation. Bisher gab es noch wenig Forschungsarbeiten über die Rolle der Ganztagsschule in der Digitalisierungs-Debatte, was die Forscher auch als einen „blinden Fleck“ in der Forschung bezeichnen.

"Medienscouts" an Schulen

Das soll sich nun durch das gemeinsame Projekt der Forscher aus Marburg und Köln ändern. Jenseits der mit einem klar vorgeschriebenen Lehrplan eingegrenzten Schulstunden am Vormittag bietet der Nachmittag in der Ganztagsschule ein vielfältiges Experimentierfeld für den Umgang mit der digitalen Welt.

Aus Sicht der Forscher könnten sich hier neue Potenziale für die Medienbildung von Kindern und Jugendlichen ergeben, und zwar durch ein Mehr an Zeit sowie durch das Zusammenspiel von klassischen Unterrichtsformen der Schule mitzusätzlichen Angeboten von Sportvereinen oder der kulturellen Jugendbildung sowie Einflüssen von Mitschülern. So kommen an einigen Schulen die „Medien­scouts“ ins Spiel.

Das sind Schüler, die in Sachen ­„Hate Speech“ oder „Cyber Mobbing“ als speziell ausgebildete Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Ein anderer Ansatz in der Ganztagsschule sind zum Beispiel kulturelle Projekte wie das gemeinsame Drehen von Videos. Aber auch der Bau von Rechnern oder die politische Medienarbeit sind weitere mögliche Bausteine einer Annäherung an die Digitalisierung.

Die Forscher wollen in ihrer Studie analysieren, wie verschiedene Bildungsorte, -settings und -prozesse im Kontext der Ganztagsschule zusammenspielen und sich verzahnen lassen, um eine noch effektivere Medienbildung zu ermöglichen. Berücksichtigt werden dabei vor allem die Perspektive der Kinder und Jugendlichen. So sollen die Schüler bei den Befragungen für die Studie als Experten angesehen werden und so für die Teilnahme begeistert werden (siehe Artikel unten).

Vieles passiert auf informeller Ebene

„Unsere Ausgangsthese lautet, dass die Schule bisher nicht der zentrale Ort der Wissensvermittlung in Sachen digitaler Kompetenz ist“, macht Züchner deutlich. Vieles passiere eher auf informeller Ebene wie beim Austausch mit Freunden oder in der Familie. Zudem seien besonders Kinder und Jugendliche als „Digital Natives“ beispielsweise als Youtuber schon sowieso ein aktiver Teil der Mediengeneration.

Die Forscher wollen herausfinden, inwieweit die schon vorhandenen Angebote in Sachen digitaler Kompetenz von den Schülern wirklich als sinnvoll und weiterbringend empfunden werden oder ob und inwieweit sie noch verbessert werden können.

Das Thema Digitalisierung hat derzeit in der Bildungspolitik eine hohe Priorität, was zum Beispiel der Digitalpakt der Bundesregierung zeigt. „Die digitale Lehre muss nicht unbedingt die bessere Lehre sein“, stellt Professor Züchner fest. Es sollte aus seiner Sicht in jedem Einzelfall in den Schulen ausgewählt werden, ob ein Lehrangebot digital oder analog mehr Sinn mache.

Digitalisierung ist ein dynamisches Feld

Ob jedoch die Digitalisierung nun als Chance oder Risiko angesehen werde: Klar müsse sein, dass der Prozess der Digitalisierung nicht mehr aufgehalten werden könne, ergänzt Hannah Jäkel. „Wir müssen nachfolgende Generationen darauf vorbereiten, dass sie damit umgehen können“, sagt die Wissenschaftlerin.

Die Forscher sind sich bewusst darüber, dass die Digitalisierung ein extrem dynamisches Feld ist. Im Vordergrund der Bemühungen von Lehrern oder Medienpädagogen müsse stehen, den Schülern die Medienkompetenz zum Umgang mit den „neuen Medien“ zu geben.

Bisher habe zwar vor allem die Frage der mangelnden technischen Ausstattung von Schulen im Mittelpunkt der Debatte gestanden. Doch es sei ein Trugschluss zu glauben, dass man in der Schule auf die neuen Entwicklungen der Digitalisierung ausreichend gut vorbereitet werde,, wenn man einen Laptop, ein Smartphone oder ein Whiteboard bedienen könne, sagt Professor Züchner.

von Manfred Hitzeroth