Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Forscher auf der Spur der Vampire
Marburg Forscher auf der Spur der Vampire
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 12.12.2017
Das College-Vampirpaar Edward (Robert Pattinson) und Bella (Kristen Stewart) in einer Szene des Kinofilms „New Moon: Biss zur Mittagsstunde“. Foto: Concorde Filmverleih
Das College-Vampirpaar Edward (Robert Pattinson) und Bella (Kristen Stewart) in einer Szene des Kinofilms „New Moon: Biss zur Mittagsstunde“. Quelle: Concorde Filmverleih
Anzeige
Marburg

Von Bram Stokers Romanfigur Graf Dracula bis zu den College-Vampiren Edward und Bella aus den erfolgreichen Hollywood-Saga „Twilight“ spannt sich ein breiter kultureller Bogen, in dem die Figur des Vampirs für den Mensch stets schillernd, aber auch mit Geheimnissen  behaftet ist. Grund genug für die beiden Kulturwissenschaftlerinnen Dr. Marion Näser-Lather und Dr. Marguerite Rumpf von der Uni Marburg ein zweisemestriges Forschungsseminar anzubieten, in dem sich seit Anfang des Wintersemester 15 Studierende den historischen Quellen für den Vampirmythos und dessen Aufarbeitung in Romanen und Filmen nähern wollen.

Eine der Teilnehmerinnen des Seminars ist Alina Januscheck. Das Thema Vampire hat die Studentin schon als Kind fasziniert, berichtet sie im Gespräch mit der OP. Ausgehend von der Fernsehserie „Der kleine Vampir“ schaute sie später gerne die „Twilight“-Filme nach den ­Romanen von Stephenie Meyer, aber auch die TV-Serie „Vampire Diaries“ an.

Jetzt will sie sich, wie ihre Kommilitonen auch, wissenschaftlich näher mit dem Thema beschäftigen.

Und zwar will sie vor allem ins Gespräch kommen mit Menschen, die sich selbst als „reale Vampire“ betrachten.

Szene ist bisher wenig erforscht

Dies sind Menschen aller ­Altersschichten, die den von ­ihnen so vermuteten Lebensstil eines Vampirs pflegen. Dies äußerst sich  zumeist in puncto Kleidung und Habitus oder der Verwendung von falschen „Vampirzähnen“ bis hin zu ­extremerem Verhalten wie dem Trinken von Blut.

Diese Szene, die  unter anderem in „Online“-Communities miteinander kommuniziert, ist bisher nur wenig wissenschaftlich erforscht. Beispielsweise­ hat aber der Biologe Mark ­Benecke dazu zwei Publikationen mit dem Titel „Vampire unter uns“ vorgelegt. Worum geht es nun in diesem realen Vampirismus? „Die betreffenden Menschen denken, ihnen fehlt ­Energie.

Sie empfinden sich selbst als Vampire“, erläutert Seminarleiterin Marion Näser-Lather. Vielleicht auch beeinflusst von aktuellen Filmen oder Romanen empfänden diese „realen Vampire“ sich aber nicht als Monster oder Dämonen, sondern teilweise als eine besondere Elite.
Aufgeteilt seien diese „realen Vampire“ prinzipiell in zwei Fraktionen: die Energievampire oder psychischen Vampire und die bluttrinkenden Vampire. Beiden sei es aber gemeinsam, dass sie das Gefühl hätten, ihnen würde Energie fehlen.

Energie- und Blutsauger

Die Energievampire würden versuchen, die Energie von anderen Menschen zu erlangen. Dabei spielten auch esoterische Theorien von Energieströmen wie Reiki eine gewisse Rolle.

Die zweite Gruppe der „realen Vampire“ seien diejenigen, die die ihnen fehlende Energie in Form von fremdem Blut aufnehmen und damit gewissermaßen die Tradition des bluttrinkenden Vampirs aufnehmen. Diese sind es auch, für deren Denken und Handeln sich Alina Januscheck besonders interessiert und das sie erforschen will.

„Sie trinken geringe Mengen von menschlichem Blut“, erklärt Näser-Lather. Nach den bisherigen wissenschaftlichen Recherchen zu dieser Szene der „realen Vampire“ werde dieses Fremdblut meistens von Bekannten oder Partnern und immer mit deren Einverständnis zur Verfügung gestellt, so dass es sich  dabei um keine strafrechtlich relevanten Aktionen handele.Dass es sich bei den Forschungen zu den „realen Vampiren“ dennoch um ein Grenzgebiet  der Forschung handelt, bestätigt auch Näser-Lather.

Dennoch gehe es auch hier wie bei anderen kulturwissenschaftlichen Erkundungen vor allem darum, wissenschaftlich eine besondere Lebenswelt und die damit verbundenen „kulturellen Lebensäußerungen“ zu erfassen und zu  analysieren.

Im Volksglauben und in der Mythologie war der Vampir  immer eine­ blutsaugende­ Nachtgestalt. Dabei handelte es sich meist um ­einen wiederbelebten menschlichen Leichnam, der sich von menschlichem oder tierischem Blut ernährt und – je nach Kultur und Mythos – mit verschiedenen übernatürlichen Kräften ausgestattet ist. Mit den Vampiren sind auch typische Objekte wie Kreuze, Knoblauch, Spiegel oder Fledermäuse verbunden.

Die Vampire seien aber in der Geschichte unter anderem Ventile für gesellschaftliche Probleme gewesen. Am Beispiel der Vampirfigur lasse sich auch die Wandelbarkeit gesellschaftlicher Normen zeigen. So sei die mythische, sagenumwobene Figur des blutsaugenden Vampirs aus den transsylvanischen Wäldern als Symbolfigur für das  Exotische und Barbarische verstanden worden, und auch in antisemitischen Diskursen seien teilweise die Juden mit den Vampiren gleichgesetzt worden, erläutert Marion Näser-Lather.

Jenseits der gesellschaftlichen Analyse der Vampirfigur soll aber auch die Rezeption des Vampirthemas in der populären Kultur – also in Büchern, Filmen, Musik und Computerspielen – im Forschungsseminar untersucht werden. Auch Spieler, die in Live-Rollenspielen Vampire darstellen, sollen im Fokus der Studierenden stehen.

Jeder Seminarteilnehmer greift sich ein Spe­zialthema heraus. Die bei den Nachforschungen entstehenden Ergebnisse sollen am Ende des zweisemestrigen Seminars in allgemeinverständlichen Aufsätzen und möglichst einer gemeinsamen Publikation in einem Buchverlag münden. 

  • Auf nähere Hinweise, möglichst aus dem Innenleben der Szene der „realen Vampire“, hofft die Studentin Alina Januscheck für ihre Arbeit in dem Uni-Forschungsseminar. Dabei sichert sie möglichen Informanten zu, dass sie die Gesprächsergebnisse in ihrem Forschungsbericht in anonymisierter Form publiziert. Kontakt: Alina Januscheck, a.januscheck@gmx.de

von Manfred Hitzeroth