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Marburg Forscher: Die Wenigsten sind Verschwörungs-Theoretiker
Marburg Forscher: Die Wenigsten sind Verschwörungs-Theoretiker
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07:58 02.06.2020
Am Samstag fand eine Demo gegen die Corona-Maßnahmen vor dem Erwin-Piscator-Haus in Marburg statt. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Verschwörungstheorie-Vorwürfe, Aluhut-Anschuldigungen, Solidaritätsverweigerer-Spott: Die Teilnehmer der auch in Marburg regelmäßig veranstalteten Grundrecht- und Hygiene-Demos, die sich gegen Corona-Lockdown und dessen sozio-ökonomische Folgen richten, sehen sich immer mehr Kritik ausgesetzt. Im OP-Interview spricht der renommierte Friedens- und Konfliktforscher PD Dr. Johannes Becker darüber, wieso der Umgang mit den Demonstranten falsch ist, die Gesellschaft so eher weiter auseinander driftet.

Kurz auf den Punkt gebracht, was macht gesellschaftliche Konflikte aus?

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Es ist das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen. Dabei gibt es stabil unterschiedliche, die im demokratischen Prozess fortlaufend ausgetragen und ausgeglichen werden, und solche, die – wie seit drei Monaten in einem uns bisher unbekannten Ausmaß – sehr dynamisch und daher schwer zu regulieren sind.

Spott, Häme, Aus- und Abgrenzung, überhebliches Draufschauen – es ist rund fünf Jahre her, dass so pauschal mit Pegida umgegangen wurde. Das wiederholt sich gerade. Haben wir als Gesellschaft den Dialog verlernt?

Die Marginalisierung der Leute war ein Problem, ist ein Fehler gewesen, aus dem die Gesellschaft eigentlich hätte lernen müssen und den sie jetzt nicht nochmal machen darf. Die Menschen, die in Corona-Zeiten demonstrieren oder diese Demos ideell unterstützen, haben ebenso reale wie berechtigte Ängste. Es ist keine diffuse Angst und auch keine Verschwörungs-Theorie, wenn jemand aus Stadtallendorf um seinen Arbeitsplatz fürchtet oder jemand aus Cölbe um die Zukunft seiner Familie bangt. Diese Menschen fühlen sich nicht nur alleine gelassen, sie sind es auch. Wenn Eltern zuhause im Home-Office sitzen und von morgens bis nachts ihre Kinder betreuen, beschulen und noch ihrem Job nachgehen müssen, sind sie ganz objektiv alleine gelassen. Man macht es sich daher zu leicht, wenn man wegen einiger möglicherweise irregeleiteter Protest-Wortführer alle anderen zu Anhängern simplifizierender Verschwörungstheorien erklärt. Auch die meisten Kritiker werden nicht daran zweifeln, dass es das Virus und – das sieht man ja an Opferzahlen in unserer Marburger Partnerstadt Sibiu – die Folgen gibt. Den Protestierenden geht es um die Reaktion auf Covid-19, dann vielleicht Covid-20, -21 und alles folgende. Eine rechte Unterwanderung der Proteste ist zwar eine echte Gefahr, aber auf politische Lager lässt sich das Ganze nicht reduzieren. Da sind Allianzen entstanden, die man auch klug analysieren sollte. Viele Corona-Maßnahmen waren und sind einfach nicht verständlich, sind optimierbar, und man hätte speziell mit Alten und mit Kindern – Stichwort Spielplatz-Schließungen – anders umgehen müssen.

Wie ist der Corona-Konflikt überhaupt entstanden?

Die Corona-Kurs-Kritiker führen nicht zu unrecht an, dass die Regierung verkürzt gesagt nur zwei Ärzten folgt: Drosten und Wieler. Dem hätte man entgegengewirkt, indem man schon in den ersten Wochen der Krise mehr Expertinnen und Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachdisziplinen gehört, ihre Expertise in die Entscheidungs-Findung einbezogen hätte. Nur eine Perspektive auf das Virus und dessen Bekämpfung zuzulassen, nur eine bestimmte Denkrichtung und Schule zuzulassen, sorgt für die nun immer sichtbarer werdenden gesellschaftlichen Probleme samt der Vermutung, dass da möglicherweise andere Interessen dahinter stecken. Leute wie der Lungenarzt Wolfgang Wodarg oder andere, die sich auch von Medizinerseite aus kritisch äußern, sind ja aber keine Vollidioten, das sind Leute mit bestimmten Erfahrungen, Wissen und Lösungsansätzen. Ich klage darüber hinaus Multidisziplinarität ein.

Es ist ja auch ein Missverständnis, dass man seitens der Regierung nichts wusste. Über das Virus ist das sicher so, aber die entscheidende Frage ist doch: Wie geht man mit dem Virus um? Jeder Sozialwissenschaftler, jeder Psychologe kann zumindest abschätzen, was mit Menschen oder Gruppen passiert, wenn man diesen oder jenen Schritt geht, einen Lockdown macht. Doch nun läuft ein unkalkulierbares Sozialexperiment.

In der Friedens- und Konfliktforschung versuchen wir zu lehren, dass wir nur eine Chance haben, Konflikte zu lösen oder zu regulieren, wenn wir verschiedene Perspektiven einnehmen, zulassen, Schlüsse daraus ziehen. Denn – und das ist der tatsächlich begangene Fehler – es geht nicht nur um das Virus im medizinischen Kontext, sondern um den Umgang des Menschen mit der Krankheit in den sozialen Prozessen. Das hätte man mit einem multi-disziplinären Ansatz erreicht. Es können, es müssen mehr Experten etwas zu Krisen und deren Bewältigung sagen; und nicht erst nach zehn, elf Wochen. Doch so ist ein Preis, dass eine Tendenz entsteht, die wir gar nicht gebrauchen können: Nationalismen und staatliche Egoismen sind zurück, wofür die Grenzschließungen das Symbol sind. Neben der Re-Nationalisierung gibt es eine Re-Individualisierung und eine Verstärkung der Egoismen, da sich jeder für sich selbst und mit seinem engsten Umfeld – Stichwort Kinderbetreuung oder Einkommensverluste – organisieren muss, um irgendwie durchzukommen. Uns geraten dabei die schwächeren Teile der Gesellschaft, die Alleinerziehenden, Migranten, Obdachlosen, aus dem Auge. Es entsteht so eher weniger als mehr Solidarität.

Wie lässt sich die Polarisierung mildern?

Ein zweiter Lockdown wäre eine Katastrophe, er würde vermutlich auch nicht mehr ertragen werden, der gesellschaftliche Zusammenhalt würde nicht mehr funktionieren. Ich glaube aber nicht, dass es so kommt. Die Zahlen geben anhaltende Verbote nicht mehr her – und die Zahlen sind ja kein Zufall. Für die gibt es systemische Erklärungen wie eine im Gegensatz zu Italien oder Spanien noch recht intakte medizinische Infrastruktur. Und gerade im Vergleich zu den angeblich starken Anführern wie Trump, Johnson oder Bolsonaro sehen wir, dass wir unserer Regierung trotz aller Fehler viel mehr vertrauen können als solchen erratischen Politikern. Trotzdem: Ich wünsche mir, dass diese Krise genutzt wird zu einem Überdenken von Form und Inhalt unserer Arbeit, unseres Konsums und unseres Verkehrsverhaltens, und dass neu gewonnene solidarische Strukturen gestärkt erhalten bleiben.

Von Björn Wisker

01.06.2020
01.06.2020
01.06.2020
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