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Marburg Mehr Planungssicherheit für die Kultur
Marburg Mehr Planungssicherheit für die Kultur
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16:00 02.03.2021
Von vollen Häusern wie hier bei einem Konzert von Robert Oberbeck in der Waggonhalle träumt die Marburger Kulturszene. Doch solche Veranstaltungen sind in der Corona-Pandemie noch Zukunftsmusik.
Von vollen Häusern wie hier bei einem Konzert von Robert Oberbeck in der Waggonhalle träumt die Marburger Kulturszene. Doch solche Veranstaltungen sind in der Corona-Pandemie noch Zukunftsmusik. Quelle: FotO: Thorsten Richter
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Marburg

Die Kulturszene leidet wie kaum eine zweite Branche unter den Corona-Lockdowns. Und doch richtet sie den Blick nach vorn, denn am 14. März sind Kommunalwahlen. In Marburg wird zudem eine neue Oberbürgermeisterin oder ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Die OP hat bei Marburger Kulturschaffenden nachfragt: Was erwarten sie von den Parteien und dem künftigen Oberbürgermeister oder der künftigen Oberbürgermeisterin?

Wünsche an das Oberhaupt der Stadt

„Wir wünschen uns eine*n Oberbürgermeister*in, der mit der Stadt im Diskurs bleibt und erkennt, welch einen wichtigen Stellenwert Kultur in diesem Diskurs hat, der die Menschen und im speziellen die Theaterschaffenden im Blick behält, der das Hessische Landestheater Marburg (HLTM) darin unterstützt, sehr gute Bedingungen für gutes Theater und die Menschen zu schaffen, die es produzieren, der/die progressiv und weitsichtig gemeinsam mit seinem/ ihrem HLTM Wege geht, Rahmen zu schaffen und zu bewahren, die nachhaltig und zukunftweisend sind. Eine*r, die/der zu uns steht, für uns einsteht und unsere Bedeutung für ein gutes Miteinander erkennt und dementsprechend agiert“, teilten die Intendantinnen Eva Lange und Carola Unser mit. Gleiches gelte für die Parteien.

Das Marburger KFZ, das größte freie Kulturzentrum der Stadt, fordert mehr Mittel für die freie Szene: „Der städtische Gesamthaushalt stieg in der letzten Legislaturperiode um 18,74 Prozent von rund 233 Millionen Euro in 2017 auf geplante 276,6 Millionen Euro in 2021.

In dieser Zeit wurde im Kulturbereich strukturell hauptsächlich das Hessische Landestheater mit einer erheblich verbesserten Förderung seitens der Stadt Marburg bedacht. Hier wurde eine Steigerung von 1.43 auf 1.955 Millionen Euro umgesetzt, also in Höhe von 36,3 Prozent was wahrlich beachtlich ist“, meint KFZ-Geschäftsführer Gero Braach. „In der freien, nicht städtischen Kulturszene träumt man von solchen strukturellen Erhöhungen. Für das KFZ wurde in der strukturellen Förderung seit 2016 noch nicht einmal ein Inflationsausgleich realisiert. Es wird also Zeit, dass die Kulturförderung auch in diesen zivilgesellschaftlichen Bereichen verbessert wird und strukturelle Erfordernisse nicht an Projektmittel gebunden sind.“

Gerade nach Corona werde es wichtig sein, den freien Trägern Zukunftsperspektiven zu bieten, so Braach: „Das KFZ wünscht sich eine/n Oberbürgermeister/in, und Parteien die/der versteht(en), welche Bedeutung für das gesamte städtische und gesellschaftliche Leben, auch überregional, in einer gut aufgestellten Kultur einer Universitätsstadt liegt und die/der das Engagement und die Kraft besitzt, diese entsprechend stärker zu fördern. Nach der letzten Legislaturperiode haben das KFZ und die meisten freien Träger eindeutig Nachholbedarf!“

Auch die Waggonhalle, das zweite große freie Kulturzentrum, wünscht sich „weiterhin einen wertschätzenden und positiven Umgang der Parteien und des oder der künftigen Oberbürgermeister*in mit der Marburger Kulturszene und deren Arbeit“. Dies teilte Matze Schmidt von der Waggonhallen-Geschäftsführung mit.

Waggonhalle hat räumliche Schwierigkeiten

„Für die Waggonhalle wünschen wir uns perspektivisch für die nächsten Jahre eine Veränderung dahingehend, dass unser Projekt zukunftssicher aufgestellt wird und im Zuge dessen sukzessive der dann anstehende Generationswechsel eingeleitet werden kann. Im Bezug auf bauliche Veränderungen steht bei uns der Aus- und Umbau der Remisengebäude auf der Agenda, der unsere räumlichen Schwierigkeiten weitestgehend lösen kann. Hier wünschen wir uns, dass dieses bauliche Vorhaben in der nächsten Zeit umgesetzt werden kann.“

Der Marburger Kunstverein erklärt: „Eine vielfältige Kunst- und Kulturszene prägt die Universitätsstadt Marburg seit langem. Das Hessische Landestheater, die soziokulturellen Einrichtungen, Kunstverein, Konzertverein, Musikschule etc. werden seit vielen Jahren von der Stadt, dem Land Hessen und privaten Initiativen gefördert und all diese Einrichtungen werden von hoch qualifizierten und engagierten ehrenamtlichen Mitarbeitern mitgetragen. Wir erwarten von den Parteien, die nach der Kommunalwahl die Verantwortung für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Kulturszene übernehmen müssen, dass wir durch eine großzügige Unterstützung unsere Planungssicherheit auch für die Zukunft sichern können“, so der neue Vorsitzende Dr. Michael Herrmann.

Er betont: „Wir, der Marburger Kunstverein, wünschen uns von dem Marburger Oberbürgermeister oder der Oberbürgermeisterin und den Parteien die Erkenntnis, dass wir das wichtigste und aktivste Organ der Stadt Marburg sind, welches sich ausschließlich der Vermittlung zeitgenössischer Strömungen in der bildenden Kunst widmet. Wir sind durch unsere Programmgestaltung weit über Marburgs Grenzen bekannt geworden und stellen mittlerweile einen attraktiven Ausstellungsort für Künstler aus dem gesamten Bundesgebiet dar.“ Das Vereinsgeschehen werde von einem hochqualifizierten Vorstand, bestehend aus Kunsthistorikern, Künstlern, Finanzfachleuten und anderen qualifizierten Personen, verwaltet und von einem hochkompetenten Mitarbeiterteam unterstützt.

„Um unsere aufwendige Planung weiterhin garantieren zu können, brauchen wir eine finanzielle Sicherheit, über deren Zusagen seitens der Stadt wir sehr erfreut wären. Wichtig ist auch eine ideelle Unterstützung und Anerkennung der Leistung des Kunstvereins durch die Verantwortungsträger der Stadt.“

Seit den 1970er-Jahren gibt es in Marburg auch das freie Theater neben dem Turm (TnT). Es ist beheimatet auf dem Afföller-Gelände. „Grundsätzlich ist es uns wichtig zu sagen, dass wir uns von den Kulturverantwortlichen der Stadt wertgeschätzt fühlen. Diese Wertschätzung erhoffen wir uns auch von denen, die nach der Wahl für das Wohl von Kunst und Kultur verantwortlich sind“, erklärt das TnT und ergänzt: „Mehr Geld ist natürlich eine stinklangweilige, erwartbare Forderung und ist überhaupt nicht sexy. Sagen wir so: Wir wünschen uns von den zukünftigen Verantwortlichen, dass sie sich heftigst dafür einsetzen, den Kulturetat so anzuheben, dass für die in Marburg arbeitenden Kunst- und Kulturschaffenden ein Auskommen jenseits der Armutsgrenze möglich wird und dass es dadurch die Chance gibt, kreative Menschen in Marburg zu halten oder gar dazu zu bewegen, nach Marburg zu ziehen. Wir wünschen uns ein Nachdenken darüber, ob und wie für Marburger Kulturinstitutionen eine größere Planungssicherheit erreicht werden kann, sei es durch eine Art Konzeptionsförderung über mindestens drei Jahre oder durch andere haushaltsrechtlich machbare Vereinbarungen.“

Café Trauma distanziert sich von der AfD

Ebenfalls auf dem Afföller-Gelände beheimatet ist das Café Trauma – das dritte Marburger soziokulturelle Zentrum. Das Trauma fordert ebenfalls „mehr Planungssicherheit für Kulturbetriebe durch die Anerkennung von Kultur als Verfassungsziel und nicht als ,freiwillige Leistung’ und dementsprechend eine gleichberechtigte Abbildung mit anderen Haushaltsposten“.

Das Team erwartet „von allen Parteien, sich von den Forderungen der AfD, dass Kultur wirtschaftlich sein muss und Verwendungscontrollings notwendig seien, sofort und eindeutig zu distanzieren“. Die AfD versuche, „unseren Kulturbetrieb zu verunmöglichen, da wir nicht in ihr Weltbild passen“, teilt Maie Berg für das Café Trauma mit. Zudem fordert das Café Trauma „mehr Zukunftssicherheit für Angestellte im Kulturbereich sowie den Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen“. Essenziell sei für das Café Trauma auch, „dass der oder die zukünftige Oberbürgermeister*in vom Verkauf des Afföller-Geländes an Privatbesitzer*innen oder Investor*innen absieht“. Sollte die Stadt das Gelände verkaufen, würde dies langfristig wahrscheinlich dafür sorgen, „dass wir im Café Trauma keine Kulturveranstaltungen mehr durchführen könnten“

Von Uwe Badouin