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Marburg Droht dem Wasserband in der Ketzerbach das Aus?
Marburg Droht dem Wasserband in der Ketzerbach das Aus?
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12:00 24.05.2022
Das Wasserband in der Mitte der Ketzerbach in Marburg ersetzte einst viele alte Bäume – nun verdunstet auch wegen mangelnden Schattens viel Wasser, kommt also ein Comeback der Bäume?
Das Wasserband in der Mitte der Ketzerbach in Marburg ersetzte einst viele alte Bäume – nun verdunstet auch wegen mangelnden Schattens viel Wasser, kommt also ein Comeback der Bäume? Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

In der Mitte der Ketzerbach ist das Wasserband wieder in Betrieb – was perspektivisch hektoliterweise Wasser verdunsten lassen dürfte. Während in Marburg also wieder Wasser durch die Kunstinstallation läuft, ächzen hessische Städte wie Königstein im Taunus schon jetzt vor Beginn des Sommers unter Wasserknappheit, fordern Anwohner auf, Trinkwasser zu sparen, es nicht für Gärten oder Pools zu nutzen.

Durchschnittlich liegt der Verbrauch an dem Brunnen für das Marburger Wasserband bei etwa 500 Kubikmeter pro Jahr; also 500.000 Litern. Die Verdunstung beträgt pro Tag – bei 20 Grad Celsius Außentemperatur zwischen Frühjahr und Herbst – etwa 1,5 Kubikmeter Wasser, teilte die Stadtverwaltung jüngst auf OP-Anfrage mit. Vor wenigen Monaten wurde bekannt, dass Schäden an der Installation einen „enorm gestiegenen“ Wasserverbrauch verursachten – fast 20 Millionen Liter Wasser versickerten unbemerkt ins Erdreich. Heißt: Pro Tag ging 60 Mal so viel Wasser verloren wie üblich.

Engmaschige Kontrollen geplant

Nach der Reparatur der Schäden sei ein monatliches Ablesen der Zähler, eine „deutlich engmaschigere Kontrolle“ geplant, hieß es jüngst von der Stadtverwaltung. Aber reicht das? Schon im Frühling lag die Außentemperatur oft deutlich über 20 Grad, vermutlich dürften damit täglich mehr als 1.500 Liter Wasser verdunsten. Dabei war Marburg 2018 eine der ersten deutschen Städte, die zur „Blue Community“ wurden. Kernpunkte dabei sind der Bau von Trinkwasserbrunnen, von denen es in der Stadt 16 gibt – und der achtsame Umgang mit der Ressource Wasser.

Aus der Kommunalpolitik gibt es daher nun Forderungen, das Wasserband abzuschalten. „Durch Verdunstung massenweise Liter Wasser zu verschwenden, passt nicht zum ökologischen Anspruch einer nachhaltigen, klimaneutralen Kommune“, sagt Michael Selinka, FDP-CDU-Stadtverordneter. Das Kunstwerk gehöre „stillgelegt“ – auch, um durch das Abschalten der Pumpen Energie zu sparen.

Die Klimaliste als Teil der Stadtregierung fordert auf OP-Anfrage ebenfalls eine „kritische Prüfung“ des Wasserbands. Gerade, weil dieses mit Trinkwasser befüllt werde und man „schonend“ mit diesem umgehen müsse, wie Oliver Kienberg sagt. Die Verdunstung sei wohl auch wegen fehlenden Schattens – etwa durch Bäume – hoch und auch der Stromverbrauch müsse „hinterfragt“ werden. Es gelte also, eine „Abwägung zu treffen, ob die Anlage nicht anders gestaltet werden könnte und genauso viele Vorteile bringt.“ Konkret: ein „Bepflanzen oder Wiederbegrünen der Ketzerbach“.

Rückkehr des „Wasserpfennig“?

Doch angesichts des Klimawandels und zunehmender Trockenheit entbrennt über Marburg hinaus eine Diskussion um die Wiedereinführung einer Sonderabgabe für Wasserverbrauch. Das Hessische Umweltministerium startete nach eigenen Angaben eine Studie, in der es auch um „mögliche Optionen für ein Wasserentnahmeentgelt in Hessen“ gehen soll. Klimaliste, SPD und Grüne laut Koalitionsvertrag eine „Anhebung des Wasserpreises“ oder die Einführung eines Wassercents prüfen, um zur „Schonung der Ressource und damit zu einer essenziellen Form der Daseinsvorsorge beizutragen“. Die Stadt Marburg – angesichts hoher Gewerbesteuereinnahmen nicht auf zusätzliche Einnahmen angewiesen – äußerte sich auf OP-Anfrage nicht zu einer möglichen Wassercent-Einführung.

Wie teuer wäre eine Einführung für Marburger? Beispiel Baden-Württemberg: Pro Kubikmeter zwischen 0,10 bis 5,1 Cent, je nachdem, ob es aus Seen, Flüssen oder Grundwasser entnommen wird. Rheinland-Pfalz gibt für Privathaushalte die finanzielle Mehrbelastung mit 3 Euro pro Person und Jahr an.

Laut Land Hessen würde das so eingenommene Geld etwa für die Errichtung zusätzlicher Wasserspeicher oder die Förderung sparsamer Installationen, etwa im Sanitärbereich ausgegeben werden.  

Wasserverbrauch in Marburg

Rund fünf Millionen Kubikmeter Wasser liefern die Stadtwerke pro Jahr an die Kunden in der Universitätsstadt. Rund 40 Prozent davon stammen aus eigenen Brunnen und Quellen, den Rest liefert der Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) aus verschiedenen Quellen des Verbundsystems. Vor mehr als einem Jahr gab es rund um den geplanten Ausbau des Pharmastandorts Behringwerke eine Debatte um die langfristige Wasserversorgung des Gebiets, letztlich der ganzen Stadt. Ziel: langfristiges Sicherstellen der Trinkwasserversorgung. Die Sorgen gibt es vor allem, weil der Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke im Osten des Landkreises, rund um den Burgwald immer mehr Grundwasser entnehme, um das boomende Rhein-Main-Gebiet zu versorgen.

  • Das Wasser gehört uns allen. Wie wir den Schutz des Wassers in öffentliche Hand nehmen können“ – den Vortrag hält Dr. Maude Barlow, Trägerin des Alternativen Nobelpreises am Dienstag, 24. Mai, um 16 Uhr im TTZ (Softwarecenter 3) in Marburg.

Von Björn Wisker

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