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Marburg Folie soll Leerstand "positiv präsentieren"
Marburg Folie soll Leerstand "positiv präsentieren"
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20:00 09.03.2019
Wie in dieser Fotomontage könnten die Schaufenster vakanter Geschäfte beklebt werden – dort sollen sich dann Kontaktdaten und Quadrat­meterzahl ebenso finden wie „Gucklöcher“, um barrierefrei in den Laden schauen zu können. Montage: Stadtmarketing Marburg
Wie in dieser Fotomontage könnten die Schaufenster vakanter Geschäfte beklebt werden – dort sollen sich dann Kontaktdaten und Quadrat­meterzahl ebenso finden wie „Gucklöcher“, um barrierefrei in den Laden schauen zu können. Quelle: Montage: Stadtmarketing Marburg
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Marburg

Vor einem guten Jahr berichtete die OP über Leerstand in der Oberstadt: Damals waren 13 Läden vakant. Betroffene berichteten nicht nur von hohen Mieten, sondern auch von strukturellen Problemen. So beklagten sich Geschäftsleute, dass die an sie vermieteten Räume nur einfach verglaste Fenster hätten – „im Sommer wissen wir nicht, wohin vor Hitze – und im Winter bekommen wir den Laden nicht warm“, hieß es etwa.

Andere Händler – und auch die Stadt – spiegelten der OP jedoch, dass es sich „um Einzelfälle“ handele, dass es sich „um normale Fluktuation“ und „eine Momentaufnahme“ gehandelt habe. Das stimmt. Denn: Anfang des Jahres standen 18 Läden
leer – diesmal nicht gezählt von der OP, sondern sowohl vom Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) als auch von Stadtmarketing-Geschäftsführer Jan Röllmann. „Es ist uns unabhängig voneinander aufgefallen, dass nach dem Weihnachtsgeschäft verhältnismäßig viele Geschäfte nicht vermietet waren“, so der OB im Gespräch mit der OP.

Röllmann und seine Stellvertreterin Daniela Maurer erarbeiteten ein Konzept mit dem Namen „Marburger Freiraum“ – in anderen Städten heiße so etwas „Leerstandsmanagement, aber der Begriff hört sich zu ­negativ an“, so Röllmann. „Die Situation hat sich ­mittlerweile sogar schon wieder ­gebessert“, sagt er – derzeit stünden zwölf Geschäfte leer, drei würden ­zumindest renoviert. ­Dennoch versteht er „Freiraum“ zunächst als erste Hilfe und dann als Konzept, das langfristig zu einer Verbesserung der Situation beitragen solle.

Der Oberbürgermeister sieht die Situation als „noch nicht dramatisch“. Doch habe der Einzelhandel insgesamt zu leiden. Die Oberstadt besteche durch ihr Flair und dadurch, dass sie eben keine „plastikhafte Mall“ sei, sondern „dass die Qualität auch darin besteht, dass es viele verschiedene Häuschen sind, die ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt haben“.

"Freiraum" soll schöneres Erscheinungsbild schaffen

Doch genau das mache es auch kompliziert – denn man müsse mit einer Vielzahl von Hausbesitzern reden. „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, gemeinsam über Rahmenbedingungen zu reden und zu schauen, wie wir den Einzelhandel der Oberstadt unterstützend erhalten können“, so der OB. Denn: Der Handel mache eine Stadt und ein Quartier attraktiv, es gehe „um die Erscheinung der Stadt und die Lebensqualität – dafür ist eine lebendige Innenstadt wichtig“.

Nun gebe es jedoch eine Situation, auf die man reagieren müsse, denn es ständen nicht nur recht große Läden leer, deren Schaufenster und auch Innenräume „nicht unbedingt schön aussehen“. Und das könne dazu führen, dass dies „einen selbstverstärkenden Effekt“ haben könne, und sich auch auf das Umfeld der Läden auswirken. „Deswegen müssen wir jetzt ­etwas tun – bevor die Situation eine Eigendynamik bekommt“, verdeutlicht Spies. Der Teufelskreis könne wie folgt aussehen: Geschäft steht leer – Attraktivität des Umfelds sinkt – Situation wird für Händler, die vor Ort sind, schwieriger. „Die Brückensperrung ist ja schon nicht spurlos am Handel vorübergegangen“, so Spies.

"Leerstand soll nicht versteckt werden"

Die Idee: Jeder, der Interesse an einem leerstehenden Laden in der Oberstadt hat, soll zeitnah, ohne Umschweife, Verbindung herstellen können. Und: Durch „Freiraum“ werde ein schöneres Erscheinungsbild geschaffen, „der Leerstand soll nicht versteckt, sondern positiv präsentiert werden“, verdeutlicht Jan Röllmann.

Er verdeutlicht in der Projektskizze, dass eine schnelle und hochwertige Wiedervermietung und somit die Sicherung des Quartiers das Hauptziel ist. „Insbesondere für länger leerstehende Flächen ist eine attraktive Gestaltung wichtig, die sich harmonisch ins Quartier einfügt.“ Dazu hat das Stadtmarketing von einer durch einen Ausschreibungsprozess ausgewählten Agentur verschiedene Designs entwickeln lassen, die alle eines gemeinsam haben: Das Wortspiel „Freiraum“ findet sich ebenso wie Kontaktdaten des Vermieters und Größe der Fläche.

Ziel: Kreativen Konzepten eine Heimat bieten

Die Daten wolle man auch online veröffentlichen – man dürfe die Leerstände nicht „als strukturelles Problem betrauern“, sondern diese als „Raum für Möglichkeiten“ vermarkten. Die Hausbesitzer wurden schon kontaktiert, die ersten Zusagen liegen bereits vor. „Der Titel ,Freiraum‘ bedeutet auch, dass es Raum für neue, kreative Konzepte in der Oberstadt bietet“, sagt Röllmann. Denn das sei langfristig die Zukunft. Diese müssten jedoch auch überlebensfähig sein. Als ­Beispiele nennt er die beiden Unverpackt-Läden, von denen einer sich im Steinweg ansiedeln wird (die OP berichtete).

Sind die Mieten in der Oberstadt einfach zu teuer? „In vergleichbaren Städten liegen sie in den Einkaufsstraßen auf ­einem höheren Niveau“, sagt Röllmann – doch stellenweise seien sie in der Oberstadt „für Quartier und Infrastruktur nicht mehr angemessen“. Auch darüber müsse während des Projekts mit Vermietern gesprochen werden. „Letztlich muss es ein Zusammenspiel sein – jeder Hausbesitzer muss wissen, dass eine leerstehende Immobilie den Wert beeinträchtigt. Angebot und Nachfrage müssen dazu führen, dass es ein Preisniveau gibt, das den Erfordernissen der Oberstadt entspricht.“

Für Röllmann ist klar: „Wenn wir frühzeitig agieren, haben wir die Chance, Einfluss zu nehmen. Wir haben mit der Oberstadt ein tolles Quartier – jetzt müssen wir schauen, wie wir es weiterentwickeln.“ Die Beklebung soll für die Hausbesitzer kostenlos sein, insgesamt liegen die Kosten „unter 10.000 Euro“, sagt der Oberbürgermeister.

von Andreas Schmidt