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Marburg Folgt auf die Adoption die Abschiebung?
Marburg Folgt auf die Adoption die Abschiebung?
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15:58 14.02.2021
Dr. Anna Radke im Januar 2019 mit Fatima Abidi und Tarek Ramdani sowie den damals noch zwei statt mittlerweile drei Kindern. Vor wenigen Wochen bestätigte das Oberlandesgericht den Adoptions-Antrag Radkes für Abidi.
Dr. Anna Radke im Januar 2019 mit Fatima Abidi und Tarek Ramdani sowie den damals noch zwei statt mittlerweile drei Kindern. Vor wenigen Wochen bestätigte das Oberlandesgericht den Adoptions-Antrag Radkes für Abidi. Quelle: Archivfoto: Björn Wisker
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Marburg

Auf die Freude folgt der Schrecken: Die Marburger Flüchtlingshelferin Anna Radke hat vor wenigen Wochen die seit zwei Jahren bei ihr lebende Fatima Abidi adoptiert – nur um nun Post vom Hessischen Petitionsausschuss zu bekommen, worin steht, dass die Mehrheit der Landespolitiker ein Bleiberecht für die mehrfache Mutter abgelehnt habe. Heißt: Wie schon Mitte Januar 2019 droht Fatima Radke und ihrem Mann Tarek Ramdani sowie deren drei in Marburg geborenen und in Kindergärten gehenden Kleinkindern eine Abschiebung nach Algerien.

„Fatima ist meine Tochter, Tarek mein Schwiegersohn und ihre Kinder meine Enkel“, sagt Radke, die bereits leibliche Kinder und acht Enkel hat. Seit Mitte Januar 2019 wohnt die damals vier-, mittlerweile fünfköpfige Familie bei Radke. Die kulturellen, religiösen, anfangs auch sprachlichen Unterschiede hätten im Umgang miteinander – auch nicht auf den wenigen Quadratmetern der Innenstadt-Wohnung – nie ein Problem bedeutet. Vielmehr spüre sie „eine große Bereicherung durch tolle Menschen“, etwas, das viele aus dem Marburger Helferkreis bestätigen. Wie ernst es der Familie mit der Integration sei, belege neben dem Arbeitswillen – Ramdani hat seit Jahren eine Zusage eines Handwerksbetriebs – auch die Namenswahl des jüngsten Kindes: nicht Mohammed, sondern Gabriel – ein auch in christlichen Ländern geschichtsträchtiger wie geläufiger Name. „Doch mein Urteil, meine Erfahrung interessiert nur offenbar niemanden“, sagt Radke. Es sei in Deutschland „leichter, einem bulgarischen Hund zu helfen, als ausländischen Menschen“.

„Schlag gegen alle, die sich für die Familie einsetzen“

In Deutschland gebe es ihrer Erfahrung nach eine Asyl-Praxis, die im Gegensatz zum Rechtsverständnis stehe: „Es gilt: Im Zweifel gegen den Angeklagten.“ Gerade jetzt, da Fatima nicht mehr nur gefühlt, sondern offiziell Teil ihrer Familie sei, „kränkt es mich, dass sie von oben herab wie eine ungebildete, schmarotzende Afrikanerin behandelt wird“. Ende 2020 erhielt die Familie einen Nazi-Drohbrief, wurde als „Dreck“ beschimpft, was Protest auch von Oberbürgermeister und Landrätin nach sich zog (OP berichtete).

Die Entscheidung des Petitionsausschusses stößt nicht nur im Unterstützerkreis der Familie, sondern auch bei heimischen Politikern auf Unverständnis. „Das ist ein Schlag gegen alle, die sich in Marburg für diese Menschen einsetzen und sie sozial und familiär einweben“, sagt Jan Schalauske, Linken-Landtagsabgeordneter. Das Ehepaar lebe seit fast zehn Jahren in Deutschland, sei in Marburg sozialisiert und habe eine „breite Unterstützerschaft, die eine Bindung herstellt“, was aber für Behörden wie Regierungspolitiker in ihrer Entscheidung offenbar keine Rolle spiele.

Die Härtefall-Kommission als eine Hoffnung

Der SPD-Stadtverordnete Steffen Rink fordert deshalb eine Neuaufnahme des Asylverfahrens. „Bei dem Fall muss die Reset-Taste gedrückt, der Fall neu aufgerollt werden“, sagt er im Hinblick auf mehrere Widersprüche und Identitäts-Ungereimtheiten etwa in Polizeiakten (OP berichtete). „Wenn das kein Härtefall ist, was denn dann?“ Angesichts der in Marburg von Anna Radke und vielen Bekannten geschaffenen gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Familie dürfe ein Aufenthaltstitel, ein Bleiberecht samt langfristiger Perspektive nicht an einer zentral-behördlichen Entscheidung scheitern. Das sieht Grünen-Magistratsmitglied Alev Laßmann ähnlich: „Was tatsächlich vor Ort geschieht, muss eine wesentliche Rolle spielen.“ Der CDU-Landtagsabgeordnete Dirk Bamberger wollte sich in Wiesbaden im Sinne der Familie, vor allem wegen der in Marburg geborenen Kinder, einsetzen (OP berichtete).

Anna Hartnagel vom Hessischen Flüchtlingsrat zeigt sich allerdings „nicht überrascht“ von dem Votum im Petitionsausschuss. Aber so sei der Weg für einen Härtefallantrag frei – und in der Kommission beraten nicht nur Politiker, sondern etwa auch Sozialverbände. Und genau den Weg will Familie Radke gemeinsam mit Dr. Kurt Bunke vom Cölber Arbeitskreis für Flüchtlinge gehen: die Härtefallkommission anrufen. Außerdem gebe es mittlerweile neue, auch wissenschaftlich untermauerte Beweislagen zur Lebenssituation Abidis und auch Ramdanis in Algerien – speziell die Bedrohung durch Salafisten –, um einen Asyl-Folgeantrag stellen zu können. „Der Kampf ist nicht vorbei, er geht weiter“, sagt Bunke.

Von Björn Wisker

14.02.2021
14.02.2021