Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Förster sorgen sich um den Wald
Marburg Förster sorgen sich um den Wald
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 26.04.2019
Marburgs Revierförster Jürgen Reibert  betrachtet eine tote Fichte. Der Baum ist dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die Rinde ist abgeplatzt. Der Stamm ausgedorrt, durchzogen von dunklen Furchen. Der Baum ist tot. Jürgen Reibert schüttelt den Kopf. „Das ist schon schlimm, wenn man so was sieht“, sagt Marburgs Revierförster und bricht von der Fichte ein Stück Rinde ab. Mit dem Fingernagel geht er die Furchen entlang und zeigt auf einen kleinen schwarzen Käfer, der für die Schäden am Baum verantwortlich ist: der Borkenkäfer. „Eine echte Plage“, sagt Reibert. Der 57-Jährige hat so etwas noch nie erlebt. Etliche der Fichtenbestände in seinem 2 000 Hektar großen Waldgebiet rund um Marburg sind von der Borkenkäferplage betroffen. Wie überall in Hessen, Deutschland und Europa.

Verantwortlich dafür macht Reibert den Klimawandel. Der Jahrhundertsommer 2018 war viel zu heiß und trocken für die Bäume. Vor allem die Fichten seien enormem Trockenstress ausgesetzt gewesen. Die Folge: Die Bäume sind durch den chronischen Wassermangel so geschwächt, dass sie sich nicht mehr gegen Sekundärschädlinge wie den Borkenkäfer wehren können. Und der vermehrt sich durch die warmen Temperaturen so rasant, dass Experten mittlerweile schon von einer nie dagewesenen Borkenkäfer-­Invasion sprechen.

Gefahren

Ahorn: Gefahr durch Trockenheit. Folge u.a.: Rußrindenkrankheit.
Buche: Gefahr durch Trockenheit und Wärme. Folge u.a.: Buchenborkenkäfer und Schleimfluss.
Esche: Gefahr durch Trockenheit. Folge u.a.: Pilzbefall und Einschleppung fremder Schädlinge (Globalisierung).
Fichte: Gefahr durch Trockenheit. Folge u.a.: Borkenkäfer.
Lärche: Gefahr durch Trockenheit. Folge u.a.: Borkenkäfer.

Jürgen Reibert ist alarmiert. Sein Blick wandert von einem Stamm zum nächsten. Alle kaputt. „Den hier musst du auch ummachen“, ruft er seinem Mitarbeiter Hans Dörr zu. Der Forstarbeiter stapft mit der Motorsäge in der Hand durchs Unterholz bei Hermershausen. Zig Fichten hat er an diesem Tag bereits gefällt, aber es werden wohl noch mehr werden. Überall wo man hin schaut, kranke, zerfressen Bäume. Es hat fast dystopische Ausmaße.

Jürgen Reibert macht mit seiner Erkundungstour weiter, fährt mit dem Auto Richtung Stadtwald. An einer Anhöhe stoppt er, steigt aus. Sein Blick schweift in die Ferne. „Da hinten kann man gut sehen, wie kaputt die Bestände sind“, sagt er und zeigt auf ein Wäldchen, in dem nur wenige grüne Bäume in die Höhe ragen. Der Rest rundherum ist rötlich-braun. „Das sind auch alles abgestorbene Fichten, die sich nicht mehr erholen werden“, sagt Reibert und betont: „Die Lage ist dramatisch. Der Klimawandel verändert das Gesicht unseres Waldes“. Die Fichte habe einen sehr hohen Flächenanteil und dieser gerate zunehmend in Gefahr durch den Klimawandel. Reibert glaubt, dass die Fichte in Zukunft nur noch dort existieren kann, wo es schattig ist und es genügend Wasserreservoirs gibt. „Wir müssen uns jetzt Gedanken machen, ob wir weg von einem Teil unserer heimischen Baumarten müssen und hin zu anderen Arten, die mit den neuen Bedingungen besser zurechtkommen“, so der Förster.

Denn nicht nur die heimische Fichte leidet unter dem Klimawandel. Auch Laubbäume sind betroffen. Wenige Kilometer vor Marburg zeigt Reibert einen ­kaputten Eschenbestand. „Während die Hainbuche da hinten gesund und vital ist mit einer durch viele Feinäste durchzogenen Krone, sieht das bei der Esche hier ganz anders aus“, erklärt er und zeigt auf ein krankes Exemplar der Baumart, die bis zu 40 Meter hoch werden kann und damit zu den größten Laubbäumen Europas zählt. „Wir haben hier den Fall des sogenannten Eschentriebsterbens, einer­ Pilzerkrankung, die schnell zum Absterben ganzer Bestände führt“, so Reibert. Durch die Trockenheit und Hitze habe der Laubbaum keine Abwehrkräfte gegen den Pilz. Der Förster schlägt Alarm: Das Eschentriebsterben habe im heimischen Wald schon weit um sich gegriffen. „Aus meiner persönlichen Sicht gibt es in den gesamten Waldungen nur noch einzelne Exemplare, die noch nicht die Schadsymptome zeigen“, so der Marburger. Auch andere Laubbäume wie der Ahorn haben vermehrt mit Pilzbefall zu kämpfen.

In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Durchschnittstemperatur in Hessen um 1,5 Grad erhöht. „Das ist unglaublich viel in einem rasantem Tempo“, sagt Reibert. Er macht sich große Sorgen um die Zukunft seines Waldes. „Wir im Wald versuchen, durch die Wahl der Baumarten auf den Klimawandel zu reagieren“, erklärt er und zeigt in einem kleinen Naturschutzgebiet auf eine junge Eichen-Kolonie. Hinter einem Drahtzaun, der Wildschweine, Rehe und andere gefräßige Waldbewohner draußen halten soll, sprießen auf einer 1,1 Hektar großen Fläche junge Eichen aus dem Boden. Im Gegensatz zur Fichte ist die Eiche viel trockenresistenter.

Deshalb setzt Reibert darauf, dass die Eichen die wärmeren und trockenerern Perioden besser überstehen. Aus wirtschaftlichen Gründen will Hessen Forst aber auch nicht ganz auf Nadelholz verzichten. Deshalb sollen in Zukunft vermehrt Douglasien und Weißtannen gepflanzt werden.

Mischwald minimiert Krankheitsrisiken

„Zusätzlich versuchen wir vermehrt auf Mischwälder zu setzen“, sagt Reibert. In einem Mischwald werde das Risiko minimiert, dass große Bestände durch Krankheit ausfallen. Zusätzlich erhöhe Mischwald die Stabilität des Waldes vor Sturmschäden und fördere das Wachstum einzelner Baumarten.

Reibert ist sich sicher, dass sich etwas ändern muss, will man dem Klimawandel noch Einhalt gebieten und den Wald in seiner jetzigen Form noch retten. „Wir alle sollten unsere Ansprüche und unseren Konsum zurückschrauben, sodass wir alle­ weniger Energie verbrauchen und weniger Schäden an unserer Natur anrichten“, betont der 57-Jährige. Er selbst versucht, dies zu tun – und achtet zum Beispiel auf seinen CO2-Ausstoß.

Wie dringend notwendig ein Umdenken ist, zeigt das aktuelle Wetter. Denn auch dieser Frühling ist schon viel zu heiß und trocken. Schon mehrmals in diesem Monat kam es im Landkreis Marburg-Biedenkopf zu Waldbränden. Kein gutes Zeichen.

von Nadine Weigel