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Marburg Wenn das Kind nur eine Hose hat
Marburg Wenn das Kind nur eine Hose hat
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13:59 15.12.2020
Junge Menschen, die in die Psychiatrie kommen, brauchen besondere Zuwendung.
Junge Menschen, die in die Psychiatrie kommen, brauchen besondere Zuwendung. Quelle: Thorsten Richter/Themenfoto
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Marburg

„Bekleidung, Hygieneartikel, Taschengeldvorschüsse oder Kuscheltiere lassen sich nicht über die Krankenkasse abrechnen“, weiß Hildegard Kirwel. Sie ist Vorsitzende vom Förderkreis der Kinder- und Jugendpsychiatrie Lahnhöhe.

Der hilft, wenn die jungen Patienten sozusagen mit nichts eingeliefert werden außer der Kleidung, die sie am Leib tragen. Vorstandsmitglied und Kassiererin Christin Meissner erinnert sich an eine jugendliche Patientin und erzählt ein rührendes Erlebnis: „Sie kam mit einer Hose, zwei T-Shirts und einer Jacke zu uns.

Der Verein hat Geld gegeben und ich bin mit ihr einkaufen gegangen. Wieder zurück auf ihrem Zimmer hat sie die Teile auf ihr Bett gelegt und stand ganz entzückt davor, war voller Freude, konnte gar nicht glauben, dass diese Sachen nur für sie gekauft wurden. Das hat ihr so viel Selbstvertrauen und Kraft gegeben, sich auf die Therapie einzulassen.“

Verweildauer der Patienten wird immer kürzer

Genau diese Erlebnisse sind es, die dem Verein immer wieder bestätigen, dass die Spendengelder und Mitgliedsbeiträge gut angelegt sind. 1984 von zehn Mitarbeitern der Vitos-Klinik gegründet, zählt er heute 76 Mitglieder. Heidrun Teichmann, die zweite Vorsitzende des Förderkreises, berichtet von einem jungen Schulverweigerer. Der Zehnjährige hatte eine richtige Schulphobie entwickelt.

„Als ich dann sah, dass er seine Hefte und Bücher in einem Beutel verstauen musste und nicht mal ein Mäppchen für seine Stifte hatte, kaufte der Verein einen Schulranzen und weiteres Zubehör. Das war ein wichtiger erster Schritt, um für den Jungen einen Anfang zu schaffen, seine Phobie zu überwinden“, berichtet sie.

Jede Station der Klinik erhält bis zu 1.000 Euro im Jahr. „Das hört sich erst einmal viel an“, weiß Hildegard Kirwel und stellt klar: „Aber es gibt eine hohe Patienten-Fluktuation. Die Verweildauer wird immer kürzer.“ Denn der medizinische Dienst würde die Notwendigkeit von langen Aufenthalten in aller Regelmäßigkeit in Frage stellen. Waren früher drei bis sechs Monate normal, steht jetzt meist nach zwei Monaten schon die Entlassung an.

Die Vorstandsmitglieder des Förderkreises der Vitosklinik: Hildegard Kirwel (von links), Heidrun Teichmann und Christin Meissner (vorn) auf dem Spielplatz, den der Verein mit finanziert hat. Quelle: Katja Peters

Neben der Soforthilfe für mittellose Kinder und Jugendliche besorgt der Förderverein auch Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke für die Patienten, die beispielsweise keine Angehörigen mehr haben oder bei denen der Kontakt zur Familie abgebrochen ist.

In diesem Jahr kommt erschwerend hinzu, dass auch alle anderen jungen Patienten nicht zu ihren Familien oder in die Einrichtung, in der sie leben, fahren können – wegen der Corona-Pandemie. „Heiligabend unter dem Tannenbaum wird also bei uns auf den Stationen stattfinden“, berichtet Hildegard Kirwel. Natürlich mit Baum, schöner Deko, besonderem Essen, Gesellschaftsspielen in einer möglichst heimeligen Atmosphäre. Und natürlich bekommt jeder ein kleines Geschenk.

Unterstützung auch für Eltern

„Für viele unserer Patienten ist Weihnachten leider nicht besonders positiv besetzt, da es mit unschönen Erinnerungen verknüpft ist. Andere leiden ganz extrem an Heimweh und müssen deshalb getröstet werden. Ein buntes Konglomerat aus Schicksalen, welches irgendwie aufgefangen werden will und auch wird“, sagt sie. Denn den Satz: „Das war das schönste Weihnachten meines Lebens“, den hat die Ergotherapeutin in ihren 30 Jahren in der Klinik durchaus schon öfter gehört.

Gerade für diese Situationen stellt der Förderkreis auch finanzielle Mittel zu Verfügung, wie auch für den großen Spielplatz oder Sonderaktionen wie eine Paddeltour oder einen Kinobesuch. Neuerdings übernimmt der Verein auch die Fahrtkosten für Eltern, die sich die Anreise zu ihren Kindern sowie zu den Gesprächen mit den Ärzten und Therapeuten nicht leisten können. „Damit erfahren auch sie eine Wertschätzung und fühlen sich mit einbezogen“, sagt Christin Meissner. Das wiederum kann sich positiv auf die Therapie der Kinder auswirken.

Verein muss kleinere Brötchen backen

In diesem Jahr hat der Verein allerdings mit enormen Einnahme-Einbußen zu kämpfen. „So gut wie alle Spenden sind weggebrochen“, konstatiert die Vorsitzende. Auch das Sommerfest mit dem Flohmarkt konnte nicht stattfinden, ebenso die Chorauftritte, deren Eintrittsgelder die Musiker dem Verein spenden.

„Mit dem Geld der Mitgliedsbeiträge können wir zumindest die Stationen im kommenden Jahr weiter ausstatten. Mit Projekten wird es allerdings schwierig“, befürchtet Kassenwartin Christin Meissner. Deswegen sucht der Verein weitere Unterstützer, die beispielsweise auch mit ihrer Arbeitsleistung helfen können – bei den Fahrrad- oder Kettcar-Reparaturen beispielsweise. Oder die die Kosten für ein Zeitungs- beziehungsweise Zeitschriftenabo übernehmen würden.

Kontakt: Förderkreis Kinder- und Jugendpsychiatrie Lahnhöhe, 1. Vorsitzende Hildegard Kirwel, E-Mail: hildegard.kirwel@vitos-giessen-marburg.de , Internet: www.vitos.de/kjp-marburg

Von Katja Peters

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