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Marburg Positive Fünf-Jahres-Bilanz
Marburg Positive Fünf-Jahres-Bilanz
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17:21 19.03.2020
Alle für ein Ziel – das demonstriert ein Teil des Koordinierungsteams für die Flüchtlingsinitiativen: Dr. Franziska Engelhardt (von links), Andrea Fritzsch, Dr. Kurt Bunke, Helga Sitt, Meryem Esmer, Doris Heineck, Nurgül Santur und Miriam Leiberich. Quelle: Ina Tannert
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Landkreis

Hunderte Menschen arbeiten seit Jahren an einem immer dicker geknüpften Netz der Zusammenarbeit. Das Ziel: Kurze Wege, schnelle Unterstützung für Geflüchtete, aber auch Hilfen für Helfer. Und das in Form eines koordinierten gemeinsamen Vorgehens. Davon gab es 2015/16 zur Zeit der aufkommenden Flüchtlingskrise im bundesweiten Chaos noch nicht viel zu spüren. Im ganzen Land, auch im Kreis verstreute Vereine, Organisationen, Behörden und Einzelpersonen hatten ein Ziel – nur fehlte die Dachorganisation, um das zu bündeln. Ehrenamtliche fanden wenig Gehör bei der Politik, die doch auf die Helfer angewiesen war, um die Krise zu bewältigen. Zwist, Frust, ineffiziente Strukturen waren die Folge.

Als Plattform, Ansprechpartner und Berater rund um die Flüchtlingsarbeit wurde schließlich die Koordinierungsstelle für Flüchtlingsinitiativen des Kreises geschaffen, angesiedelt bei Intergal. Die Idee dazu kam schon 2014 auf, „als immer mehr klar wurde, wie groß der Bedarf nach Koordinierung wurde“, erklärt Leiterin Nurgül Santur. Heute werden die Ehrenamtlichen von hauptamtlicher Seite unterstützt, es geht um Organisation, Förderung, aber auch um die Wertschätzung für den ehrenamtlichen Einsatz. Von der schnellen Vermittlung von Dolmetschern, dem Aufbau von Frauencafés, Ausbildungshilfen bis zur finanziellen Entlastung der Freiwilligen. Heute normal, früher eine Seltenheit: „In den 1990-er Jahren war man noch auf sich alleine gestellt, heute ist das durch hauptamtliche Hilfe ganz anders, so können wir viel mehr erreichen“, lobt Helga Sitt vom Arbeitskreis Flüchtlingshilfe Kirchhain.

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Harmonie am Tisch

Mit im Boot sind heute neben den Helfern und privat organisierten Initiativen wie die Asylbegleitung Mittelhessen und die Freiwilligenagentur auch verschiedene kommunale Behörden, wie der Fachbereich Integration und Arbeit des Landkreises oder der Fachdienst Migrations- und Flüchtlingshilfe der Stadt Marburg. Die behördliche Stütze helfe auch bei Anfeindungen anderer Menschen, bei Ablehnung der Flüchtlingsarbeit, was die Ehrenamtlichen durchaus erfahren mussten. Offenen Hass gebe es dabei weniger, „es gibt aber Momente, wo man sich rechtfertigen muss für das, was man tut – die Haltung ‚von oben‘ hilft dabei“, sagt Santur.

Ein gemeinsam auf den Weg gebrachtes Projekt sei unter anderem das „Miteinanderticket“ des Kreises, durch das gezielt alle Benachteiligte – Flüchtlinge wie Einheimische – einen Zuschuss für den ÖPNV erhalten. Eine „Verbesserung für die gesamte Bevölkerung“, betont Sitt. Es sei eine von vielen Erfolgen der Netzwerkarbeit.

Heute herrscht Harmonie am Tisch des Koordinierungsteams, was nicht bedeute, dass es keine Reibungspunkte mehr gibt: Wo die Hauptamtlichen eher noch an Strukturen und feste Abläufe gebunden sind, arbeiten die Ehrenamtlichen meist näher an den Menschen, sind vor Ort, legen die akuten Probleme offen: „Die Ehrenamtlichen legen den Finger in die Wunde, trotzdem gibt es ein gutes Miteinander“, sagt Dr. Kurt Bunke vom Cölber Arbeitskreis Flüchtlinge (CAF). Das kreisweite Netzwerk sei heute eine „solidarische Nachbarschaftshilfe“. Wie andere Vertreter im Team zieht er eine „ganz überwiegend positive Bilanz“ der letzten Jahre: Viele Menschen, deren erste Fluchtstation etwa Cölbe war, seien inzwischen „in Brot und Arbeit – vom Schuster, Koch, Industriearbeiter, Pflegekraft, Reinigungskraft. In der Regel arbeiten sie unterhalb der Qualifikation, die sie in der Heimat erworben hatten, aber sie wollen eben den Lebensunterhalt ihrer Familien gewährleiste.“

Startschwierigkeiten unter den Helfern sind heute ausgeräumt, eine transparente Zusammenarbeit funktioniere immer besser, zumindest auf kommunaler Ebene, Regierungspräsidium und Land hielten sich dabei noch zurück, „das Land bleibt da hinter seinen Kommunen zurück“, moniert Bunke. Auch die Betriebe im Kreis seien noch kein Teil des Netzwerkes. Das möchten die Mitglieder in Zukunft ändern, mehr Austausch mit der Wirtschaft, mit Personalräten, Gewerkschaften schaffen, in die festen Unternehmensstrukturen reinkommen. Arbeitgeber und Geflüchtete als künftige Arbeitnehmer zueinander bringen. Und das langfristig, nicht nur als befristete Mitarbeiter, „Integration in die Stammbelegschaften“ sei ein Ziel, betont Bunke.

Weitere Informationen und Kontakt zur Koordinierungsstelle unter www.integral-online.de/index.php/koordinierungsstelle-flüchtlingsinitiativen.

Von Ina Tannert

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