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Marburg Schon 150 Wohnungen sind vermittelt
Marburg Schon 150 Wohnungen sind vermittelt
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09:00 05.04.2022
Andrea Martin (von links), Bettina Hartmann, Linneth Battenfeld und Marian Zachow in einem der beheizten Zelte, die vor dem KreisJobCenter errichtet wurden. Für Kinder von Flüchtlingen gibt es dort auch Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten.
Andrea Martin (von links), Bettina Hartmann, Linneth Battenfeld und Marian Zachow in einem der beheizten Zelte, die vor dem KreisJobCenter errichtet wurden. Für Kinder von Flüchtlingen gibt es dort auch Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Quelle: Götz Schaub
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Marburg

Keine zwei Tage nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war, herrschte im Fachbereich Integration und Arbeit beim Landkreis Marburg-Biedenkopf schon Ausnahmezustand. Unter dem Eindruck der Flüchtlingswelle von 2015 wollte man vorbereitet sein, denn es war schnell klar, dass Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine kommen würden. Nun, Stand Montag (4. April), meldet der Kreis – ohne die Zahl aus Marburg – 1 111 aufgenommene Personen aus der Ukraine.

500 Menschen haben schon eine Wohnung gefunden

Rund 500 Personen haben dazu in den Landkreis-Kommunen über den Landkreis vermittelt eine Wohnung beziehen können. „Diese Menschen leben in 150 Wohnungen“, sagt Andrea Martin, Leiterin des Fachbereichs Integration und Arbeit. Das Arbeiten hat sich seit der oben genannten Zeit im Gebäude des KreisJobCenters in der Raiffeisenstraße in Marburg drastisch verändert. Die Arbeitsprozesse wurden strukturiert und der jeweiligen Situation angepasst. Für alle Bereiche von der Hotline über den Kundenzugang, der Leistungssachbearbeitung bist hin zur Wohnraumbesichtigung und Wohnraummatching wurden hierarchieübergreifend Verantwortliche benannt. Zudem gibt es jeden Morgen um 8 Uhr eine Video-Konferenz, während der alle Erfahrungen, Stärken und Schwächen angesprochen werden, mit dem Ziel, die Arbeit weiter zu optimieren.

Statistik

Stand 4. April wurden im Landkreis Marburg-Biedenkopf offiziell 1 111 Personen aus der Ukraine aufgenommen. 98 Prozent haben auch die ukrainische Staatsangehörigkeit. Zwei Drittel sind weiblich, ein Drittel männlich. 52 Prozent sind unter 25 Jahren, davon 85 Prozent Kinder. Nur neun Prozent sind älter als 55 Jahre.

Vor dem Haupteingang des KreisJobCenters stehen drei beheizbare Zelte, in denen die ersten Kontakte zu ankommenden Ukrainern geknüpft werden, die ersten bürokratischen Hürden gemeistert werden. Zum Teil hatten wir 60 Personen gleichzeitig dort“, sagt Martin. Dass nicht einfach alle in das Gebäude gehen konnten, hat auch damit zu tun, dass es ja noch Corona gibt und selbst Geimpfte hier nicht unbedingt einen anerkannten Impfstatus genießen, etwa wenn sie mit Sputnik und Sinovac geimpft wurden. Beide Impfstoffe sind in Deutschland nicht anerkannt.

Jeden Montag gibt es zudem aus Gießen Kunde, mit wie vielen Menschen der Landkreis am darauf folgenden Mittwoch zu rechen hat, die nach dem Durchlaufen der Erstaufnahmeeinrichtung konkret zugeteilt wurden.

Erste Station ist die Jugendherberge

Nach der ersten Erfahrung mit dem Bus aus Gießen, fährt dieser nicht mehr Marburg an, sondern die Jugendherberge in Biedenkopf. Dort erhalten alle Ankömmlinge Essen und die, die nicht mehr am Mittwoch selbst vermittelt werden, können dort schlafen. Bis spätestens Freitagmittag sind dann alle vermittelt. Warum das so lange dauern kann? Linneth Battenfeld, die für das Wohnraummatching zuständig ist, sagt, dass Familienverbände oftmals erst bei der Ankunft ersichtlich werden, und darauf reagiert werden müsse. Es könne auch ein Haustier dabei sein, von dem vorher nie jemand sprach. Und je nachdem wie eng Mieter und Vermieter miteinander leben, muss es dann auch menschlich gut passen, denn für die Flüchtlinge soll so viel Normalität geschaffen werden wie möglich. Dazu gehört als Keimzelle der Normalität eben auch ein gutes Wohnen.

Nähe zu Verwandten und Freunden ist wichtig

Bei der Vermittlung in den Landkreis geht es nicht nur darum, dass die Familienmitglieder zusammenbleiben können, sondern auch darum, möglichst in der Nähe von Verwandten und Freunden unterzukommen, um das Sozialleben zu unterstützen. Wenn Menschen aus der Ukraine in den Sporthallen in Dautphe, Cölbe und Marburg zunächst ihren ersten Stopp machen, heißt das noch lange nicht, dass sie ihre Bleibe auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf finden werden. Diese Sporthallen dienen praktisch nur als Außenstellen der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Gießen.

Nach dem Gesundheitsamt wegen Corona ist nun also dieser Fachbereich Integration und Arbeit seither im ständigen Ausnahmezustand. Andrea Martin, Linneth Battenfeld und Bettina Hartmann, Leiterin des Fachdienstes Sozialdienst, Zuwendung und Asylangelegenheiten freuen sich sehr, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trotz der Arbeitsbelastung sehr motiviert sind, helfen zu wollen, die Herausforderungen zu stemmen. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow ist voll des Lobes für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, „die ein hohes Maß an Flexibilität besitzen, und auch Mut zum Improvisieren“. Zudem freut er sich, dass der Landkreis die ab 2015 geschaffenen Netzwerke zur Flüchtlingshilfe und Integration nie eingestellt hat, sodass man jetzt mit wenigen Anrufen wieder auf viele ehrenamtliche Helfer zurückgreifen könne. Zur Integration würden auch viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigt. Auch Richtung Personal der Jugendherberge in Biedenkopf sendet Zachow Dankbarkeit für hohe Flexibilität und sehr freundliches Entgegenkommen.

Hintergrund

Die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung ist sehr groß. Dem Landkreis wurden bisher 555 Wohnungen für Geflüchtete angeboten. 361 Wohnungen wurden bereits besichtigt. Zur Besichtigung terminiert sind weitere 111. „Manche Leute denken, dass wir keine Wohnungen mehr brauchen, weil es ihnen so lange erscheint, bis wir uns melden. Aber das Gegenteil ist der Fall“, sagt Andrea Martin und erläutert den Grund für das für manche als zu langsame empfundene Vorgehen. Jede Wohnung wird vor Anmietung von einem Zweier-Team besucht, bestehend aus einem Mitarbeiter des Fachdienstes und einer ehrenamtlich tätigen Person. Nicht immer kommt es zum erwünschten Ergebnis. Bisher wurden 24 Angebote durch die Anbieter zurückgezogen. Zum einen war ihnen die Miete zu gering oder sie entschieden sich doch für den freien Wohnungsmarkt. 28 Mal sagten die Besucher aus unterschiedlichen Gründen nein zur Wohnung. Entweder waren die Mietvorstellungen zu hoch, die Wohnung renovierungsbedürftig oder die Erwartungshaltung der Vermieter zu spezifisch bis durchaus kritisch anzusehen. Es benötigt nun mal Zeit, alle Wohnungen zu besuchen, aber der Bedarf bleibe bestehen, so Andrea Martin. Wenn die Wohnungen dann klar sind, geht es um eine passgenaue Zuteilung.

Von Götz Schaub

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