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Marburg „Ich bin stolz, hier zu arbeiten“
Marburg „Ich bin stolz, hier zu arbeiten“
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18:00 02.08.2021
Hamond Ibrahim absolvierte erfolgreich seine Ausbildung als Verkäufer im Einzelhandel im Juweliergeschäft Semler in Marburg. Nach den Sommerferien drückt er weiter die Schulbank: Er strebt den Abschluss als Einzelhandelskaufmann an. 
Hamond Ibrahim absolvierte erfolgreich seine Ausbildung als Verkäufer im Einzelhandel im Juweliergeschäft Semler in Marburg. Nach den Sommerferien drückt er weiter die Schulbank: Er strebt den Abschluss als Einzelhandelskaufmann an.  Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
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Marburg

Nach seinem erfolgreichen Abschluss als Verkäufer im Einzelhandel bei dem Juwelier Semler in der Bahnhofstraße sagt Katrin Semler über Hamond Ibrahim (33): „Ich geb dich nicht mehr her“. Sie scherzt, meint aber ernst, dass sie den in Neustadt lebenden zweifachen Familienvater nach der Ausbildung übernehmen will. Allerdings hängt Hamond Ibrahim erstmal ein weiteres Ausbildungsjahr dran. Er strebt den Abschluss Einzelhandelskaufmann an.

Der aus Syrien Geflohene kam vor fünf Jahren mit seiner Ehefrau nach Deutschland. Ihr Weg führte sie aus Nordsyrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Bulgarien, bis sie schließlich 2016 ihr eigentliches Ziel erreichten. Dazwischen lag noch ein anstrengender Fußmarsch von Serbien nach Bulgarien. „Wir sind um 17 Uhr aufgebrochen und waren am nächsten Tag um 10 Uhr in Bulgarien – komplett durchnässt. Es hat viel geregnet.

32-Jähriger ist wissbegierig, ehrgeizig und höflich

Ursprünglich kommt Hamond aus Aleppo. Vor dem Ausbruch des Krieges war er als Handelsvertreter unterwegs und hat Hosen verkauft. 2011, als der Krieg ausbrach, konnte er nicht mehr in umliegende Städte fahren und floh mit den Eltern nach Afrin, wo die Familie etwas Landwirtschaft besaß. Es waren schwierige Zeiten für ihn und seine Familie. Sein Bruder sei eines Tages vom IS verschleppt worden – seitdem wird er vermisst. Die Ungewissheit quält.

Im Juli 2018 begann er im Alter von 30 Jahren ein Praktikum im Marburger Traditionsgeschäft Semler. Katrin Semler war auf der Suche nach einem Praktikanten oder Umschüler. Über das Kreisjobcenter kam Ibrahim in die nähere Auswahl.

Weil seine Deutschkenntnisse bis dahin eher mittelmäßig waren, er aber mit seinem Engagement und seiner freundlichen Ausstrahlung begeisterte, erhielt der Syrer die Möglichkeit einer einjährigen Einstiegsqualifizierung und nahm am Berufsschulunterricht teil.

Zudem verbesserte er seine Kenntnisse durch Teilnahme an einem Vhs-Deutschkurs. „So erhielt er Sprach- und Schriftpraxis“, sagt Katrin Semler.

Als das Jahr rum war, war klar, dass Ibrahim genau der Richtige für eine Ausbildung ist. „Hamond ist extrem wissbegierig, aufmerksam, ehrgeizig und höflich. Mein Uhrmacher hat mal gesagt: ,Wenn einem was runterfällt, hebt es Hamond auf, noch bevor es den Boden erreicht.‘“

Suche nach Wohnung in Marburg

Anfangs war Katrin Semler skeptisch. Ibrahims am häufigsten gebrauchten Worte waren „Ja“ und „Kein Problem“. Heute scherzt sie mit ihm darüber, wenn sie zusammen Zeit im Aufenthaltsraum verbringen. Sie sagt mit dem Brustton der Überzeugung, dass sie Hamond Ibrahim auch dann übernommen hätte, wenn er die Ausbildung nicht erfolgreich abgeschlossen hätte. Sie schätzt den guten Draht zu ihren Mitarbeitern – und Hamond Ibrahim ist einer von ihnen.

Er nimmt täglich viel auf sich, um zur Arbeit zu kommen. Von Neustadt fährt er mit dem Bus nach Stadtallendorf, steigt in die Bahn und steigt dann am Hauptbahnhof in Marburg aus. Oft verspätet sich der Zug, oder er fällt aus. Es wäre einfacher für den zweifachen Vater, wenn er eine bezahlbare Wohnung in Marburg finden würde.

Für ihn als Migranten, der mit Frau, Kindern und seinem jüngeren Bruder, der derzeit die Abendschule besucht, Wohnraum zu finden, sei fast unmöglich. Immer wieder stoße er auf Vorurteile, sagt Katrin Semler enttäuscht. Für sie ist es egal, welcher Ethnie man angehöre und wo jemand herkommt. „Man merkt, ob es passt“. Bei Ibrahim passt alles und er gibt Katrin Semler mehr als nur Wertschätzung zurück: „Ich bin stolz, hier zu arbeiten“, sagt er.

Von Silke Pfeifer-Sternke