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Marburg Geschickte und soziale Tiere
Marburg Geschickte und soziale Tiere
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09:21 07.07.2021
Janna Smit-Viergutz und Sabine Schade sind Fledermaus-Expertinnen.
Janna Smit-Viergutz und Sabine Schade sind Fledermaus-Expertinnen. Quelle: Lucas Heinisch
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Marburg

Sie gleiten ab der Abenddämmerung lautlos durch die Luft. Man sieht ihre aufgespannten Flügel am Himmel und ihre schnellen, huschenden Bewegungen. Sie sind auf der Jagd nach Futter. Bei diesen kleinen und flinken Tierchen handelt es sich um Fledermäuse. In Marburg und Umgebung gibt es viele von ihnen. Vor allem die Zwergfledermaus hat hier ihr Zuhause.

Bei abendlichen Exkursionen können sich Interessierte vieles über die Fledermäuse in Marburg und deren Lebensweise erzählen lassen. Die Exkursionen werden von der Stadt Marburg und von Expertinnen und Experten organisiert und geleitet. Zu diesen Expertinnen gehören Sabine Schade und Janna Smit-Viergutz. Sie arbeiten bei einem Büro für Landschaftsökologie. „Die Fledermausexkursionen haben bereits eine lange Tradition hier in Marburg, so gibt es diese seit circa 25 Jahren“, sagt Sabine Schade.

Besonderes Erlebnis bleibt in Erinnerung

Doch wie kommt man dazu, sich mit den kleinen fliegenden Säugetieren zu beschäftigen? „Direkt nach meinem Abschluss habe ich bei einem Projekt mit Fledermäusen gearbeitet. Seit 25 Jahren arbeite ich nun ununterbrochen mit Fledermäusen. Bei Fledermäusen ist es so, dass man immer etwas Neues findet“, erzählt Janna Smit-Viergutz. Es gebe immer neue Erkenntnisse. Ihre Kollegin Sabine Schade, die sich seit zwölf Jahren mit Fledermäusen beschäftigt, sieht es ähnlich: „Es wird nie langweilig. Es ist immer anders.“

Ein Erlebnis, bei dem sie etwas Neues entdeckt hat, ist der Diplom-Biologin Smit-Viergutz im Gedächtnis geblieben. „Ich habe einen Anruf von einem Hotel bekommen, dass dort sehr viele Fledermäuse in einem Zimmer seien“. Daraufhin ist sie zum Hotel gefahren und hat sich die Situation angeschaut. Tatsächlich fand sie dort Fledermäuse. „Insgesamt haben wir 50 bis 60 Fledermäuse aus den Gardinen geborgen“, erzählt sie.

Der Grund dafür war klar. „Die Fledermäuse haben die Umgebung erkundet und das Fenster war auf kipp“. Aufgrund der Rufe einer Fledermaus, die durch den Fensterspalt in das Zimmer flog, kamen weitere Artgenossen zu ihr.

Sozialverhalten und gutes Gedächtnis

Viele Menschen denken bei Fledermäusen vielleicht an Gruselgeschichten über Vampire. Aber sie sind alles andere als furchterregend. Sie haben ein „ausgeprägtes Sozialverhalten“, wie Schade sagt. „Sie kennen sich untereinander und zeigen den Jungtieren die Winterquartiere“, erläutert sie. Zudem finde eine Wissensweitergabe zwischen den Weibchen und den Jungtieren statt. Ebenfalls faszinierend findet Schade das Erinnerungsvermögen der Tiere. Sie „haben ein super Gedächtnis. Es gibt Arten, die 1000 Kilometer zu ihren Winterquartieren fliegen“.

Der seltene Kleine Abendsegler kommt auch in Marburg vor. Quelle: Privatfoto

Der Normalsterbliche kommt eher selten mit Fledermäusen in Kontakt, auch wenn sie sehr sozial sind. „Fledermäuse interessieren sich nicht für Menschen“, erklärt Smit-Viergutz. „Alle Arten bei uns sind Insektenfresser“. Die Art und Weise, wie eine Fledermaus jagt, findet Janna Smit-Viergutz ebenfalls sehr interessant. Sie benutze eine Echoortung beim Mückenfangen und habe eine „durchgängige Nachtaktivität“. „Die Zwergfledermaus fliegt die ganze Nacht und frisst“, erläutert Smit-Viergutz. In Marburg sei beispielsweise die Lahn ein Jagdgebiet.

Und falls es einmal zum Kontakt kommt, hilft Aufklärung über die Tiere. „Je mehr sich die Leute damit beschäftigen, desto höher ist die Sensibilität“, erklärt Smit-Viergutz. „Die Leute verlieren Ängste“, fügt sie hinzu. Bei Sanierungen von Gebäuden müsse man auch immer die Fledermäuse und ihre Quartiere beachten. „Alle Fledermausarten in Deutschland sind streng geschützt“, sagt Schade.

Auch wenn die Fledermausexkursionen, die die Stadt anbietet, derzeit weitestgehend ausgebucht sind, gibt es Alternativen, um Fledermäuse zu beobachten. In einer lauen Sommernacht im August könne man zum Schloss gehen. Dort gebe es viele Schwärme und die Fledermäuse fliegen ein und aus, erzählt Smit-Viergutz.

Von Lucas Heinisch