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Marburg Fitnessstudio trotz Corona? Läuft bei mir!
Marburg Fitnessstudio trotz Corona? Läuft bei mir!
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16:00 19.05.2020
Freut sich, wieder etwas für seine Fitness tun zu können: OP-Redakteur Florian Lerchbacher. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Taining im Fitnessstudio in Corona-Zeiten? Ich weiß ja nicht ... Auf der einen Seite klingen die Sicherheitsvorkehrungen, die die Studios treffen, eigentlich ganz vernünftig. Andererseits ist ein leicht ungutes Gefühl seit Wochen ein ständiger Begleiter. Bei allem, was man macht: Einkaufen mit Maske und desinfizierten Wagen gut und schön, aber fühle ich mich dabei wirklich sicher? Nicht immer, auch wenn sich dieses Gefühl nicht rational erklären und dann natürlich nicht abstellen lässt.

Vielleicht ist es daher also sinnvoll, einfach mal ins kalte Wasser zu springen und den Selbsttest zu machen. Daher: Aufgerafft und Sachen für das Training gepackt, um sie gleich wieder aus der Tasche rauszuholen. Es gilt dieser Tage, bereits in Sportklamotten ins Studio zu kommen: Die Umkleiden sind geschlossen, was selbstverständlich auch für die Duschen gilt. Die Kollegen wird’s während des Rests Arbeitstags freuen – aber vielleicht ist der Mief bei Einhaltung des angemessenen Abstandes ja zu ertragen.

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Das Handtuch bleibt weg

Das Studio, das ich sonst besuche, hat auch nichts gegen einen Selbsttest und Berichterstattung einzuwenden – zur Veröffentlichung dürfte der Artikel aber nur kommen nach Freigabe durch das Unternehmen. Es könnte ja schließlich Kritik enthalten sein. Das kommt natürlich bei einer unabhängigen Presse nicht in Frage. Also muss eine Alternative her, die im Vita Fitness schnell gefunden ist. Die einzige Bedingung: Sollte es etwas zu beanstanden oder Verbesserungsvorschläge geben, will Geschäftsführerin Lena Happel-Ellerich das dann auch erfahren, um entsprechende Veränderungen vornehmen zu können. Es betreten schließlich alle Neuland. Aber eigentlich glaubt sie, gut gerüstet zu sein.

Training unter besonderen Bedingungen: Florian Lerchbacher beim Selbstversuch. Foto: Nadine Weigel

An den Geräten wartet dann auch schon Trainerin Anna-Lena Schinköthe und erklärt, was anders und zu beachten sei: Auf das sonst obligatorische Handtuch zum Unterlegen muss verzichtet werden. Stattdessen gilt es, nach jeder Übung das entsprechende Gerät mit bereitgestellten Desinfektionsmitteln zu reinigen. Und logo: Abstand halten ist oberstes Gebot. Entsprechende Hinweise sind überall zu finden. Besonders amüsant und durchaus passend ist der Aufkleber: „Du bist mit Abstand am stärksten.“ Endlich sagt es mal jemand.

Nun, die Stärke hat in den vergangenen Wochen jedoch ein wenig gelitten. Das ist schon bei den ersten Übungen zu spüren. Im Cardio-Bereich ist übrigens jedes zweite Gerät gesperrt, damit die Trainierenden den Sicherheitsabstand wahren können. Und richtig schweißtreibendes Cardio-Training soll derzeit eigentlich auch nicht stattfinden. Aber ein paar Minuten zum Aufwärmen seien durchaus okay, meint die Trainerin. Darum komme ich zum Glück herum, denn OP-Fotografin Nadine Weigel hat’s eilig und will lieber Bilder beim Pumpen schießen – und faucht mich gleich gepflegt an, denn alle Sportler halten brav Abstand zueinander, bis auf ... mich, der ihr zweimal neugierig über die Schulter blickt und dafür einen verbalen Einlauf kassiert. Ist halt immer noch ungewohnt, neuerdings bei jemandem, der zum Freundeskreis gehört und bei der Begrüßung auch gerne mal umarmt wird, nicht näher als anderthalb Meter zu kommen. Aber gut: Recht hat sie. Also Disziplin.

Sportler sind voll fokussiert

Auffallend ist, dass alle Kunden konzentriert zu Werke gehen. Sie haben allerdings auch nur 60 bis 90 Minuten für das Training Zeit. Dann ist die nächste Schicht an der Reihe. Wer trainieren will, muss sich im Vorfeld anmelden und einen bestimmten „Zeitslot“ buchen. So wird dafür gesorgt, dass maximal 30 Menschen gleichzeitig aktiv sind, um ausreichend Abstand halten zu können. Und außerdem ist die Verlockung, zwischen den Übungen zu schwätzen, relativ gering. Man soll schließlich zum einen alleine trainieren – und zum anderen sind noch längst nicht alle wieder zu den alten Gewohnheiten und einem regelmäßigen Training zurückgekehrt. Will heißen: Noch sind die Sportler sehr zurückhaltend, und nur ein Bruchteil ist wieder in den Fitnessstudios zu finden.

Die Altersspanne auf der Trainingsfläche ist jedenfalls breit. Mit dabei ist Hans Weimer, seit der Eröffnung Kunde der Einrichtung und normalerweise bei zwei Einheiten jeweils drei Stunden am Trainieren. Skeptisch sei er nicht gewesen, berichtet der 70-Jährige, der aufgrund seines Alters zu den Risikogruppen gehört – viel eher habe er sich darauf gefreut, wieder etwas für seine Fitness tun zu können: „Man muss ja was unternehmen gegen die Einschläge.“ Und angesichts der getroffenen Sicherheitsvorkehrungen fühle er sich beim Training auch nicht gefährdet.

Kleinteiliges fällt weg

Eine Lehre aus dem ersten Training für mich: Bei den Übungen werde ich künftig wohl nicht mehr ganz so stark beim Gewicht differenzieren. Jedes einzelne Gewicht muss schließlich nach Nutzung gereinigt werden. Die 1,25-Kilo-Scheiben werden nun erstmal Pause haben – stattdessen gibt es künftig halt mehr Wiederholungen. Oder eben weniger. Ach, und beim Ausruhen zwischen den einzelnen Sätzen ist auch Vorsicht geboten: Erschöpftes Abstützen am Gerät hat schließlich zur Folge, dass man weitere Stellen reinigen muss. Irgendwann wird’s umständlich.

Kritikpunkte habe ich nach etwas über einer Stunde Workout nicht gefunden. Ich werde daher also hellhörig, als eine Frau sagt, dass sie das Training nicht so prickelnd findet. Ich frage also nach und erfahre, dass Iris von Pflug-Wyniger „einfach kein Gerätetyp“ ist, sondern lieber Kurse belegt. Davon finden zwar einige statt, aber nicht die stark schweißtreibenden wie das von ihr geliebte Spinning. „Das sind tolle Trainingseinheiten, die ein tolles Team leitet – da bin ich viel motivierter als an den Geräten“, erklärt sie voller Bedauern – aber eben auch Verständnis. Es sei einleuchtend, dass die intensiven Kurse dieser Tage nicht stattfänden.

Beim Training heißt es: Sicherheitsabstand wahren. Foto: Nadine Weigel

„Mit Einschränkungen müssen wir eben überall leben“, sagt auch Happel-Ellerich und betont, dass es aber besser sei, mit Abstand und unter Einhaltung von Hygienevorschriften trainieren zu können, als gar nichts für die Gesundheit zu tun. Etwas traurig sei, dass derzeit keine Aqua-Kurse angeboten werden dürften: „Gerade ältere Menschen brauchen das schwerelose Training. Ich hoffe, da werden die Vorschriften schnell etwas gelockert“, resümiert sie.

Eins steht jedenfalls fest: Wenn die Sicherheitsvorkehrungen so durchdacht sind wie im Vita Fitness und die Sportler diese dann wie dort auch einhalten, spricht selbst für einen Skeptiker wie mich nichts gegen regelmäßiges Training im Studio. Und abends schmeckt dann auch die Schokolade wieder besser.

von Florian Lerchbacher

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