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Marburg Firmenflucht betrifft auch Marburg
Marburg Firmenflucht betrifft auch Marburg
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21:00 19.08.2019
Steigende Mieten und Immobilienpreise machen zunehmend dem Handwerk in Großstädten zu schaffen. In gentrifizierten Quartieren verschwinden Bäcker, Fleischer, Schuster oder Änderungsschneider aus den Straßen, weil sie sich die Miete der Geschäftsräume nicht mehr leisten können. Quelle: Martin Schutt
Marburg

„Die Gewerbemieten in gefragten Städten gehen durch die Decke und treffen vor allem inhabergeführte Händler“, teilte der Deutsche Städte- und Gemeindebund am Freitag mit. Bernd Düsterdiek, Referatsleiter für Stadtentwicklung bei dem Verband, warnte: „Alteingesessene Spiel- oder Haushaltswarenläden sind oft schon weg.“ Selbst umsatzstarke Filialisten seien teils nicht mehr ­bereit, die hohen Mieten in Top-Lagen der Innenstädte zu bezahlen. Auch dort komme es daher schon zu Leerstand.

Die steigenden Mieten in vielen Städten träfen auch das Handwerk, klagte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). „In gentrifizierten Quartieren verschwinden Bäcker, Fleischer, Schuster oder Änderungsschneider aus den Straßen, weil sie sich die Miete der Geschäftsräume nicht mehr leisten können“, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. „Vielerorts erleben wir einen Rückzug von Handwerkern aus den Innenstädten und Wohnvierteln an die Ränder der Stadt, da spielt sich ein echter Verdrängungswettbewerb ab“, sagte Schwannecke. Er nannte Kfz-Betriebe oder Tischlerwerkstätten, die dem Wohnungsbau weichen müssten. Auch Konflikte mit Nachbarn etwa wegen Lärm nähmen zu. Expansionsmöglichkeiten gebe es vielerorts nur noch am Stadtrand.

Der ZDH stützt sich auf eine Umfrage unter 5.000 Firmen, wonach knapp jeder zehnte Betrieb in den kommenden beiden Jahren den Standort wechseln will. In Innenstädten sei es fast jeder fünfte (17 Prozent). Gründe seien steigende Mieten, Kündigungen durch den Eigentümer und Streitigkeiten mit Nachbarn. Denn mit dem Wachstum der Ballungsräume rücken Wohnungen näher an Gewerbegebiete. Firmen verließen aber nicht nur wegen der Mieten die Zentren, so der ZDH. Viele bräuchten auch mehr Platz für Wachstum.
Um weiter kletternde Mieten zu begrenzen, macht sich nun Berlin für eine ­bundesweite Mietpreisbremse im ­Gewerbe stark. Der rot-rot-grüne Senat beschloss am Dienstag eine entsprechende Bundesratsinitiative. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund lehnt den Vorstoß als „zu wenig zielführend und zu bürokratisch“ ab. Auch da es laut Verband Probleme mit steigenden Mieten nur in gefragten Städten gebe, es andernorts eher Leerstand gebe.

Mietspirale ist in Marburg „weniger dramatisch“

Wie sieht die Lage im Marburger Zentrum aus? Auch dort würden Betriebe kaum mehr Fuß fassen, „in der Innenstadt gibt es nur noch eine Handvoll Betriebe, viele haben ihren Sitz längst aus der Innenstadt in die Außenbezirke verlagert“, sagt Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher auf Nachfrage.

Handwerksunternehmen, die sich noch in der Innenstadt halten können, seien entweder in der eigenen Immobilie angesiedelt oder aber haben einen Teil des Betriebs längst ausgelagert, nur noch den Sitz in der Stadt.

Doch das sei nicht eben neu in der Universitätsstadt, diese Situation gebe es bereits seit Jahren und Jahrzehnten: „Diese Flucht der Firmen hat bei uns schon stattgefunden“, sagt Limbacher. Einige Betriebe seien schon früher in die Außenbezirke, etwa von Marburg aus nach Wehrda, ausgewichen, mittlerweile auch dort stellenweise wieder verschwunden.

Auch durch eine Flächenkonkurrenz mit dem Einzelhandel. Ebenfalls
spielten hohe Mieten für Wohnungen wie Gewerberäume eine Rolle, auch wenn die Lage in Marburg „weniger dramatisch“ sei als etwa in Großstädten. Ein „Verdrängungskampf“ sei dennoch spürbar. Der betrifft vor allem Branchen, die auf eine gute Erreichbarkeit angewiesen sind, etwa Friseure, Bäcker, Metzgereien. „Eine Friseurin oder eine Handwerkerfamilie wird sich in der Marburger Innenstadt kaum eine Wohnung leisten können“, sagt Limbacher.

Mangelnde Erreichbarkeit ist größter Kundenschreck

Ein Hauptproblem sieht der Chef der Kreishandwerker jedoch in der Infrastruktur: Schlechte Erreichbarkeit, fehlender Parkraum oder hohe Parkkosten. Hinzu käme der Verkehrsfluss, der Betriebe wie Kunden abschrecke. „Wenn der Handwerker zum Kunden will, aber nur im Stau steht, verdient er nichts“, sagt Limbacher. Die Lage wirke sich auch auf die Nachwuchssuche aus, „Fachkräfte können sich aussuchen, wo sie arbeiten – die Verkehrslage spielt da schon eine Rolle“. Vorhandener Leerstand, verfügbare Geschäfte wie in der Oberstadt, stellten kaum Alternativen für Handwerker dar. Gerade wegen der städtischen Lage: Fehlende Transportwege, kaum Parkplätze und zu wenig Fläche. „Es bringt nichts, wenn der Schreiner etwa in die Wettergasse zieht, dort aber keine Anlieferung möglich ist“, gibt Limbacher ein Beispiel.

Darüber hinaus sei auch die Größe vieler leerstehender Geschäfte nicht ausreichend, etwa für die Produktion der Betriebe. Die Folge: Viele Firmen verlegten die Produktion nach außen, unterhalten in der Stadt höchstens noch einen Showroom. „In vielen Fällen, ist es nicht sinnvoll, sich in Marburg anzusiedeln“, sagt Limbacher. Ein Nebeneffekt: Mit schwindender Präsenz schwindet zugleich das Handwerk aus dem Stadtbild, vielleicht auch aus den Köpfen. „Die Betriebe sind weniger sichtbar, da geht dann der Blick für das Handwerk mit der Zeit verloren“.

von Ina Tannert und Alexander Sturm