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Marburg Der stille Tod der Fichten
Marburg Der stille Tod der Fichten
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16:52 08.08.2020
Quelle: Tote Fichten im Herrenwald bei Stadtallendorf Tobias Hirsch
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Marburg

Die Deutschen lieben ihren Wald, sagt man. Doch dem Wald geht es derzeit gar nicht gut. Schon von der Straße aus sehen aufmerksame Autofahrer jede Menge toter Bäume.

Ihre kahlen, braunen Äste fallen im Grün ihrer Umgebung auf. Spaziergänger im Wald nehmen die massiven Schäden noch deutlicher wahr. Ganze Bestände sind abgestorben.

Vor gut 20 Jahren wurde das Wort Waldsterben in Deutschland erstmals geprägt. Auslöser damals waren der saure Regen, verursacht durch Schwefeldioxid-Abgase aus der Industrie und Kohlekraftwerken sowie den Stickoxiden aus dem Autoverkehr. Das Waldsterben 2.0 hat andere Ursachen: Trockenheit, Hitze, Klimawandel.

„Die Fichte hat keine Chance mehr“

Betroffen sind aktuell vor allem Fichten, in geringerem Umfang auch Lärchen. Die Fichte ist der sogenannte Brot- und Butterbaum der deutschen Waldwirtschaft. Er machte bis 2018 oft in Monokulturen rund 25 Prozent aller Baumbestände in Hessen aus, erklärt Bernd Wegener, Leiter des Forstamts Kirchhain. Dass es in Deutschland so viele Fichten gibt – oder besser: gab, hat viele Gründe: Der Baum wächst vergleichsweise schnell und die Fichte hat begehrte Eigenschaften.

Der Borkenkäfer macht vielen Bäumen zu schaffen. Quelle: Tobias Hirsch

Aber ihre Zeit scheint vorbei zu sein. „Die Fichte hat keine Chance mehr“, meint Wegener. Vor allem die extremen Trockenjahre 2018 und 2019 haben den Beständen massiv zugesetzt. Regnet es genug, setzen sich Fichten mit ihrem Harz gegen Borkenkäfer zur Wehr. In Trockenjahren geht dies nicht.

Der Regen im Frühjahr kam zu spät. Fichten können dem Schädling nichts mehr entgegensetzen und sterben ab. Zu Tausenden, zu Hunderttausenden. „Wir haben die Borkenkäfer nicht mehr im Griff“, sagt der Experte.

Aber auch andere Bäume sind betroffen. Die majestätischen Buchen etwa leiden unter Hitzestress. Bis 25 Grad ist bei ihnen alles in Ordnung, ab 30 Grad brauchen sie extrem viel Wasser, das sie derzeit nicht haben.

Der Holzmarkt liegt am Boden

Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg mit seinem naturnahen Mischwald kämpfen 80 Prozent der Eichen und 50 Prozent der Buchen ums Überleben. Und selbst im thüringischen Nationalpark Hainich mit seinen alten Buchenbeständen sind laut einer ZDF-Reportage rund 300 Hektar nachhaltig geschädigt.

Die Folge des Fichtensterbens: Der Holzmarkt in Deutschland liegt am Boden. „Er ist fast komplett zusammengebrochen, der Markt ist gesättigt“, meint Forstamtsleiter Wegener. Was bleibt, ist der Export, etwa nach China – aber auch der bringt keine Gewinne, man wird das viele Holz aber wenigstens los. Kostete ein Festmeter Holz vor 2018 noch rund 100 Euro, so sind es derzeit 25 bis maximal 30 Euro.

Was sich für Menschen, die mit Holz heizen auf den ersten Blick toll anhört, ist eigentlich eine Katastrophe für die Waldwirtschaft. Denn das Aufarbeiten eines Festmeters Holz – also das Fällen, zerteilen und der Transport an den Waldrand – kostet ebenfalls rund 25 Euro.

Forstämter setzen auf verschiedene Bäume

So fehlt letztlich Geld für Renaturierungsmaßnahmen, für das neue Aufforsten. Dies trifft insbesondere private Waldbesitzer, aber auch Kommunen und den Staat. Doch auf welche Bäume setzt man in Zeiten des Klimawandels? „Wir setzen auf mindestens vier Baumarten“, sagt Wegener. „Wer streut, fällt nicht.“

Es ist fast wie an der Börse. Wer seine Investitionen auf viele Aktien verteilt, vermeidet eventuell einen Totalverlust. In deutschen Forstämtern setzt man zunehmend auf Eichen, Kiefern, Douglasien, Esskastanien und auch Lärchen, die mit dem sich wandelnden Klima und mit Trockenheit besser zurechtkommen.

Auch Robinien und die spätblühende Traubenkirsche werden angepflanzt – dies aber vorsichtig und unter wissenschaftlicher Aufsicht, denn es bestehe sowohl bei der Robinie, vor allem aber bei der in Nordamerika heimischen „spätblühenden Traubenkirsche“ die Gefahr, dass sie sich als invasive Art entpuppe, die heimische Arten verdränge, so Wegener. Weil sie so anpassungsfähig ist und sich so rasant verbreitet, wird sie von Kritikern bereits als „Waldpest“ bezeichnet.

Das Hoffen auf das „Mastjahr“

Wie sieht der Wald der Zukunft aus? „Da müsste ich in eine Glaskugel schauen“, meint Wegener. Niemand wisse, wie das Klima im Jahr 2050 aussieht, welche Gegebenheiten dann vorherrschen. Sicher ist nur: Förster brauchen einen langen Atem. Eine Eiche etwa, die heute gepflanzt wird, ist in 200 bis 250 Jahren „erntereif“.

Hessen ist neben Rheinland-Pfalz derzeit das waldreichste Bundesland. Und es soll es bleiben auch für künftige Generationen. „Den Wald werden wir nicht verlieren, aber er wird sich verändern“, sagt Bernd Wegener. Denn er hat viele Funktionen. Er ist wichtig für den Klimaschutz, er bindet Kohlendioxid, er ist wichtig für das Grundwasser und als Naherholungsraum.

Wegeners Forstamt tut viel für die Erhaltung des Waldes, aber es ist ein mühsames Unterfangen: Rund 250 000 Bäume haben sie im Gebiet des Forstamtes Kirchhain im vergangenen und in diesem Jahr neu gepflanzt. Viele davon sind schon vertrocknet.

Wegener und seine Kollegen hoffen daher auch auf das „Mastjahr“. Die Bäume haben in diesem Jahr ungewöhnliche viele Früchte angesetzt. Vielleicht hilft die Natur bei der Wiederaufforstung der zerstörten Bestände mit.

Waldbrandgefahr am Wochenende

Durch die anhaltende Trockenheitsteigt die statistische Waldbrandgefahr in Hessen stellenweise an. Diese wird durch den täglich aktualisierten Waldbrandgefahrenindex (WBI) des Deutschen Wetterdienstes bestimmt. Dieser zeigt bundesweit das meteorologische Potenzial für die Gefährdung durch Waldbrand und bezieht Daten wie die gemessene Lufttemperatur, relative Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit und Niederschlagsrate ein: Er zeigt die Waldbrandgefahr in 5 Gefahrenstufen an: 1 bedeutet dabei eine sehr geringe Gefahr (grün) – die Stufe 5 eine sehr hohe Gefahr (lila) für Waldbrände. Anhand der Farben ist erkennbar, wie sich die Gefahrenstufe aktuell und in den nächsten vier Folgetagen entwickeln soll.

Seit Dienstag wandelte sich die Gefahrenvorhersage in Hessen sichtbar von Stufe 2 (gelb) und Stufe 3 (orange) und krabbelt weiter nach oben. Für heute kommen mehrere rot eingefärbte Gebiete (Stufe 4) dazu. Am Samstag ist Hessen zum großen Teil rot eingefärbt und die Waldbrandgefahr damit fast landesweit auf der zweithöchsten Stufe. Auch im Kreis gilt seit heute bis Samstag Stufe 4. So zumindest die Prognose. Die Berechnungen dienen den Landesbehörden zur Einschätzung der Waldbrandgefahr. Auf Grundlage dieser und weiterer Prognosen wird gegebenenfalls eine der beiden Alarmstufen ausgelöst: Alarmstufe A wäre eine hohe, Stufe B eine sehr hohe Waldbrandwahrscheinlichkeit.

Die zweithöchste Alarmstufe A wurde in den vergangenen beiden Jahren mehrfach ausgerufen, ebenso am 22. April dieses Jahres. Wie das Ministerium auf OP-Anfrage mitteilt, werde aktuell geprüft, ab wann erneut eine Waldbrandgefahrenstufe ausgerufen wird.

Von Uwe Badouin