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Marburg Feuerwehrmann kämpft um Schmerzensgeld
Marburg Feuerwehrmann kämpft um Schmerzensgeld
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08:00 03.09.2021
Feuerwehrmann Jörg Henseling (Mitte) wurde bei einem Einsatz schwer verletzt. Seine Kameraden und Bürgermeister Michael Emmerich kamen gestern zur Unterstützung mit zum Prozess.
Feuerwehrmann Jörg Henseling (Mitte) wurde bei einem Einsatz schwer verletzt. Seine Kameraden und Bürgermeister Michael Emmerich kamen gestern zur Unterstützung mit zum Prozess. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Seit 25 Jahren ist Jörg Henseling aktiver Feuerwehrmann. Er hat bei unzähligen Einsätzen geholfen, Menschenleben zu retten. Mit der Freiwilligen Feuerwehr Bracht rückt der 44-jährige Familienvater regelmäßig zu Verkehrsunfällen und Bränden aus. Tag und Nacht. Einer dieser Einsätze ereignete sich in den späten Abendstunden des 25. April 2019. Ein schweres Unwetter fegte über den Landkreis und sorgte für Verwüstung. Zwischen Bracht und Rosenthal stürzten Bäume auf die Straße. Mehrere Stunden war die Feuerwehr damit beschäftigt, die Fahrbahn von Unrat zu befreien.

Nachdem das Gröbste beseitig war, musste die Brachter Wehr noch einmal ausrücken, um die Straße zu sperren. Mit ihrem großen Löschgruppenfahrzeug parkten sie am Straßenrand, Jörg Henseling stieg aus und wurde von einem vorbeifahrenden Auto am Bein erfasst. Der Feuerwehrmann stürzte verletzt zu Boden. Schienbeinbruch. „Nach der Operation konnte ich vier Monate nur mit Krücken laufen“, erinnert sich der technische Leiter, der seit dem Unfall an einer Fehlstellung leidet und bald noch einmal operiert werden muss.

Wie genau sich der Unfall in der Sturmnacht ereignete, war gestern Thema einer Güteverhandlung vor der Zivilkammer des Landgerichts Marburg. Denn Jörg Henseling klagt auf Schmerzensgeld in Höhe von 10 000 Euro. „Ein angemessener Betrag, wenn man sich die Schwere der Verletzung anschaut“, erklärt sein Anwalt Dr. Wolfram Moersch.

Die Versicherung der beklagten Autofahrerin sieht das anders. Sie will nicht zahlen. Lediglich 650 Euro Schmerzensgeld hat Jörg Henseling bislang erhalten. „Mir geht es nicht ums Geld“, betont der 44-Jährige im Gespräch mit der OP. Ihm gehe es vor allem darum, auf ein Problem aufmerksam zu machen, mit dem viele Feuerwehren zu kämpfen haben.

„Die Menschen heutzutage sind rücksichtslos uns Einsatzkräften gegenüber“, klagt der Vater zweier Kinder. Auch die Autofahrerin der Unfallnacht ist seines Erachtens viel zu schnell und viel zu eng am Feuerwehrfahrzeug vorbeigefahren. „Ich hatte einen Schock und habe sie angeschrien: ,Wie kann man hier nur so vorbeirauschen?’“, gibt Henseling zu.

Die Autofahrerin, die an diesem Abend aus Bad Wildungen kam, sagt indes, dass sie nicht erkannt habe, dass da ein Feuerwehrfahrzeug auf der Straße gestanden habe. „Ich habe nur große Scheinwerfer wahrgenommen und dachte, es sei ein Lkw“, betont die Frau gestern vor Gericht. Blaulicht habe sie keins gesehen. „Erst als ich vorbeigefahren bin, habe ich gemerkt, dass da noch mehr Licht eingeschaltet war, habe aber nicht erkannt, um was für Licht es sich handelt.“ Dann habe sie ein „schlagendes Geräusch“ gehört und im Rückspiegel gesehen, dass jemand auf der Straße gelegen habe.

Henseling indes ist sich hundertprozentig sicher, dass das Blaulicht eingeschaltet war. „Ich habe meinem Gruppenführer, bevor ich ausgestiegen bin, ja sogar noch gesagt, dass er eine Lagemeldung abgeben soll, dass wir an der Einsatzstelle angekommen sind“, erinnert sich der Feuerwehrmann. Bevor er ausgestiegen sei, habe er zudem durch die Frontscheibe geschaut und kein Auto gesehen.

Ein Entgegenkommen um ein- bis zweitausend Euro lehnte der Anwalt der Versicherung gestern ab. Damit scheiterte eine gütliche Einigung vor der Zivilkammer unter dem vorsitzenden Richter Dr. Jan Birger Latt. Er kündigte an, dass es am 23. September einen Verkündigungstermin geben soll. Dann wird sich wohl entscheiden, wie es weitergeht. „Ich hoffe, dass durch meinen Fall die Menschen generell etwas aufmerksamer werden und mehr Rücksicht nehmen uns Feuerwehrleuten gegenüber“, betont der Freiwillige Feuerwehrmann, der trotz dieses Erlebnisses weitermacht und wieder zu Rettungseinsätzen fährt.

Von Nadine Weigel