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Marburg Störche in Schockstarre
Marburg Störche in Schockstarre
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21:03 07.06.2021
Beringer Christian Heuck wirft in gut zwölf Metern Höhe ein Tuch über Jungstörche, die regungslos im Nest liegen. „Das nennt man Akinese und ist normal.“
Beringer Christian Heuck wirft in gut zwölf Metern Höhe ein Tuch über Jungstörche, die regungslos im Nest liegen. „Das nennt man Akinese und ist normal.“ Quelle: Nadine Weigel
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Kleinseelheim

Weg ist sie, die Französin. Ihr Gatte ist mutiger und beobachtet, wie sich die Drehleiter surrend nähert. Doch irgendwann wird es auch ihm zu mulmig. Er breitet seine Flügel aus und fliegt davon. „Störche sind keine Vögel, die ihre Brut verteidigen“, erklärt Christian Heuck und schaut dem Storchenpapa hinterher. Der Biologe steht im Korb der Drehleiter der Feuerwehr Kirchhain, die ihn gerade Meter für Meter näher hoch zum Storchennest bringt. Das haben die Französin, die den Namen Axxy trägt, und ihr deutscher Storchengatte auf einen gut zehn Meter hohen Mast an der Radenhäuser Lache gebaut. Ohne feuerwehrtechnische Unterstützung wäre Christian Heuck mit seiner Mission ziemlich aufgeschmissen. Heuck ist ehrenamtlicher Beringer und will an diesem sonnigen Maitag hoch hinaus zu den Horsten auf fünf Masten in Kleinseelheim und der Radenhäuser Lache.

Eine aufwendige Sache, die aber von den Wehren aus Kirchhain und Kleinseelheim gern unterstützt wird. „Bis vor kurzem war die Ausbildung bei der Feuerwehr coronabedingt ja sehr eingeschränkt. Jetzt, da die Inzidenzen sinken und Übungen in Kleingruppen wieder möglich sind, ist so eine Hilfestellung, die wir schon seit Jahren machen, auch für unsere Drehleitermaschinisten eine gute Übung, die wir gern nutzen“, sagt Michael Scheld, stellvertretender Wehrführer der Kleinseelheimer Feuerwehr, und schaut zu, wie Christian Heuck nach oben gefahren wird.

Jedes Jahr verpasst der Nabu Marburg-Biedenkopf den neuen Jungstörchen Ringe um die Storchenbeine. Sinn und Zweck dahinter ist, dass die Vögel wiedererkannt werden, erläutert Marburg-Biedenkopfs Storchenbeauftragter Winfried Krähling. Die Rückverfolgbarkeit hat zu interessanten Erkenntnissen geführt. Zum Beispiel hat sie mit der Annahme aufgeräumt, dass Jungstörche erst mit fünf bis sieben Jahren geschlechtsreif werden. „Wir haben hier bei uns im Landkreis schon den Fall gehabt, wo das Storchenpaar erst zwei Jahre alt war und vier Jungstörche aufgezogen hat“, erklärt Kräling. Außerdem konnte so festgestellt werden, dass viele Störche zum Überwintern gar nicht mehr die gefährliche Passage nach Afrika auf sich nehmen, sondern in Spanien bleiben oder sogar in Südhessen. „Acht unserer Störche haben diesen Winter in der Nähe von Groß-Gerau verbracht“, sagt Kräling. Zudem fand er heraus, dass sich manche der beringten heimischen Störche auch wieder im Landkreis Marburg-Biedenkopf ansiedeln.

Den Störchen gefällt es eben ausgesprochen gut im Landkreis. Waren es im vergangenen Jahr noch 40 Brutpaare, zählt Kräling in diesem Jahr bereits 50. Wobei erst am Ende der Brutsaison im Juli gesagt werden könne, ob nicht vielleicht ein paar Storchenpaare nur einen Brutversuch machen, so Kräling.

96 Jungstörche gibt es derzeit im Landkreis. Zwei Drittel der Storchenpopulation im Landkreis Marburg-Biedenkopf brüten an der Radenhäuser Lache. Die offenen Wiesenlandschaften bieten optimale Bedingungen. Aber auch im Ebsdorfergrund, im südlichen Lahntal, Wetschaftstal und in Erksdorf gibt es Populationen.

Das Störche-Beringen ist ein kleines Spektakel. Gut ein Dutzend interessierter Vogelfreunde verfolgt die spannende Bering-Aktion mit Hilfe der Feuerwehr. Auch Winfried Krälings Enkelin Lea ist mit dabei. Mit ihrem Fernglas beobachtet die Elfjährige, wie sich der Drehleiterkorb dem nächsten Nest nähert.

Storchen-Beringer Christian Heuck ist mit einer Decke bewaffnet, die er über die drei Jungstörche werfen will. Aber die tun, als Heuck auf Augenhöhe bei ihnen ankommt, keinen Mucks. Sie liegen im Nest wie tot. Störche in Schockstarre? „Das nennt man Akinese und ist ein ganz normales Verhalten“, beruhigt Heuck und legt vorsichtig die Decke über die regungslosen Vögel.

Durch diesen Totstellreflex schützen sich die Jungtiere. Fliegt ein Raubvogel an einem Nest vorbei und sieht nur einen regungslosen Jungstorch, wird er denken, er sei tot, und weiterfliegen. „Wenn sie aber zu alt sind, stellen sie sich nicht tot, sondern setzen sich hin“, erklärt Heuck. Und dann könne es gefährlich werden, wenn der Jungvogel, der ja noch nicht fliegen kann, sich vor Panik aus dem Nest stürzt.

Aber die Jungstörche, die Heuck in diesem Moment in Augenschein nimmt, haben ein ganz anderes Problem. Heuck nimmt ein Lineal aus seiner Hose und misst den Schnabel eines Storches nach. „Hm, da sind wir wohl ein paar Tage zu früh dran, die sind zu klein“, sagt er und demonstriert warum. Er nimmt den zweiteiligen Plastikring und legt ihn um das Storchenbein. Es ist offensichtlich: Der Vogel ist noch zu klein, das Storchenbein zu schmal. Der Ring würde einfach übers Gelenk rutschen – und der Storch würde beim ersten Flugversuch seinen Personalausweis verlieren.

Bei den restlichen Jungstörchen an diesem Tag hat Heuck mehr Glück. Sie sind groß genug und bekommen ihren Ring verpasst. Darauf ist gut sichtbar zu lesen: DEW und eine Zahlenkombination. DE steht für Deutschland, W für Wilhelmshaven – von der dortigen Beringungszentrale. Mit ihrem Perso am Bein lassen sich die Vögel, wenn sie nach acht Wochen flügge werden und das Nest verlassen, gut beobachten.

Das ist übrigens auch der Grund, warum man weiß, dass eine der brütenden Störchinnen an der Radenhäuser Lache die gebürtige Französin namens Axxy ist. Sie wurde benannt nach ihrem Ring-Code am Storchenbein.

Von Nadine Weigel