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Marburg Schluss mit Büffeln?
Marburg Schluss mit Büffeln?
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20:04 22.07.2022
Ferienstart in Hessen. Die Schülerinnen und Schüler der 5C der Steinmühle in Marburg bei der Zeugnisvergabe mit Lehrer Bernd Schweitzer.
Ferienstart in Hessen. Die Schülerinnen und Schüler der 5C der Steinmühle in Marburg bei der Zeugnisvergabe mit Lehrer Bernd Schweitzer. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Klassenzimmer an Schulen im ganzen Landkreis sind leer, am Freitag werden zum letzten Mal die Tafeln abgewischt, Hefte und Tablets verstaut, die Zeugnisse eingesteckt. Mit denen in der Tasche rennen Hunderte Schülerinnen und Schüler jubelnd aus der Schule hinaus und hinein in die langen Sommerferien. So etwa an der Steinmühle, wo Freitag regelrecht Aufbruchstimmung herrscht.

Feucht-fröhlich geht es wiederum auf dem See in Niederweimar zu, wo eine Zeugnisübergabe der besonderen Art stattgefunden hat: Lehrer Manuel Pfeifer übergibt Schülern der Wakeboard-AG der Gesamtschule Niederwalgern die Zeugnisse „standesgemäß“ auf dem Wasser oder bei voller Fahrt auf dem Wakeboard. Ein kühler Start in die heißen Ferien, die bis zum 2. September andauern.

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Und wie sieht es bei Ihnen aus? Sollen Ihre Kinder in den Ferien lernen? Machen Sie bei unserer Umfrage mit!

Also sechs Wochen lang Schluss mit Lernen und nur noch Faulenzen? Nicht unbedingt, für manche Schüler heißt es auch in den Ferien Büffeln, Stoff nachholen oder sich anderweitig auf das neue Schuljahr vorbereiten.

Zeugnisübergabe auf dem Wakeboard. Lehrer Manuel Pfeifer übergibt seinem Schüler Nils Traiße am Freitag das Zeugnis für die Wakeboard-AG. 22 Schüler haben dieses Schuljahr an der Wakeboard-AG der Gesamtschule Niederwalgern von Manuel und Thomas Pfeifer teilgenommen. Bei 22 Grad Wassertemperatur eine gute Abkühlung und ein perfekter Start in die hessischen Ferien. Quelle: Thorsten Richter

Beim Thema Lernen in den Ferien scheiden sich die Geister: In jeder vierten Familie (25 Prozent) gibt es darum Streit – und in rund jeder zweiten Familie (53 Prozent) dürfen die Kinder selbst entscheiden, ob sie sich während der Auszeit mit Schulstoff beschäftigen. Das ergab eine Forsa-Umfrage unter 1 002 Müttern und Vätern von Schulkindern, die vom Nachhilfeanbieter Studienkreis in Auftrag gegeben wurde.

Psychologe rät: Ferien aktiv gestalten

Demnach finden 52 Prozent der Eltern, dass ihre Schulkinder in den Ferien komplett frei haben und nichts für die Schule lernen sollten. 47 Prozent sind hingegen der Ansicht, dass sich die Kinder und Jugendlichen zumindest ein wenig mit Schulstoff beschäftigen sollten.

Auch Psychologen raten Eltern dazu, den Nachwuchs nicht durchgehend gammeln zu lassen, sondern die Ferien kindgerecht anzureichern, bei Bedarf auch Lerndefizite auszugleichen – ohne dabei die nötige Erholungspause zu schmälern.

Training gegen Prüfungsangst

Unter der Leitung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Klaus Ley bietet die Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg ab dem 13. September einen Kurs gegen Prüfungsangst an.

In dem Kurs gehe es nicht darum, einer Prüfungsangst vorzubeugen, sondern darum, Kindern zu helfen, mit ihrer Prüfungsangst umzugehen, und ihnen die Angst zu nehmen. Das Gruppentraining umfasst acht Termine à 60 Minuten. Die Kinder und Jugendlichen lernen dabei, sich selbst zu beruhigen.

Auf dem Programm stehen verschiedene Entspannungstechniken wie zum Beispiel autogenes Training. Ein Thema ist auch die Bedeutung der eigenen Gedanken: Ob sich das Kind vor der Arbeit sagt „Das schaffe ich sowieso nicht“, oder „Ich bin gut vorbereitet“, mache einen großen Unterschied, erklärt der Psychologe. Zum Pflichtprogramm gehören zudem zwei Elternabende.

Der Kurs findet in der Klinik in Marburg (Cappeler Straße 98) statt. Anmeldungen sind bis spätestens 5. September unter 06421/404 404 möglich. In der Ambulanz können auch Termine für eine Diagnostik vereinbart werden. Die Kursgebühr übernehmen die Krankenkassen.

Weitere Infos gibt es hier.

Etwa über einen zwischen Eltern und Kindern vereinbarten Lern- und Freizeitplan. „Es ist wichtig, dass das Kind nicht überfordert wird – sechs Wochen in den Ferien durchzulernen ist sicher nicht vorteilhaft“, sagt Klaus Ley, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut an der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg. Es komme immer auf die individuelle Situation der Kinder und Jugendlichen an. Eine lehrreiche Ferienzeit müsse auch nicht nur mit klassischem Pauken am Schreibtisch verbracht werden, sondern kann aktiv gestaltet werden. Etwa mit Ferienspielen oder Ausflügen, „auch das hat großes Lernpotenzial und macht Spaß“. Den Stoff auf den aktuellen Stand zu bringen, sich gut vorzubereiten – das kann auch bei Prüfungsangst helfen, ein Schwerpunkt von Ley. Prüfungsangst kann verschiedene Ursachen haben, äußert sich auch in körperlichen Stress-Symptomen, etwa Schlaflosigkeit. „Prüfungsängstlichkeit ist sehr weit verbreitet, wir vermuten zudem eine hohe Dunkelziffer“, so Ley. Diese kann entstehen, weil das Kind vielleicht nie eine Strategie erlernt hat, sich auf Prüfungen vorzubereiten. Es gibt aber auch Schüler, die sich trotz Lernerfolgen vor einem Test „völlig verrückt machen – das ist auch nicht gut“. Er rät dazu, in der Familie für die Ferien einen motivierenden Kompromiss zu finden, welche Lerneinheiten wie aufgeholt werden. Generell gelte auch da: „Lernen unter Druck und Zwang bringt nichts.“

Schulamt zieht positive Bilanz

Im nun zu Ende gehenden Schuljahr waren die Schulen weiter damit beschäftigt, Lernrückstände und Nachwirkungen aus dem Lockdown 2021 aufzufangen. „Das vergangene Schuljahr war geprägt von der Rückkehr zu einem deutlichen Mehr an Normalität und Lernen im sozialen Kontakt“, freut sich Gesche Herrler-Heycke, kommissarische Leiterin des Schulamtes Marburg-Biedenkopf.

Ferienstart in Hessen. Die Schülerinnen und Schüler der Internationalen Grundschule an der Steinmühle in Marburg werfen ihre gebastelten Abschlusshüte in die Luft. Nach den Sommerferien wechseln die Kinder auf das Internationale Gymnasium. Quelle: Thorsten Richter

Schülerinnen und Schüler hätten in verschiedenen Bereichen, vom sozialen Lernen bis zum Sport, an Lerninhalte anknüpfen, in vielen Fällen entstandene Rückstände „sukzessive abbauen“ und das Schuljahr erfolgreich abschließen können. Individuelle Zusatzangebote aus dem landesweiten Maßnahmenpaket „Löwenstark“ seien auch im kommenden Schuljahr vorgesehen.

Von Ina Tannert

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