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Marburg Trübe Stimmung im Finanzamt
Marburg Trübe Stimmung im Finanzamt
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16:59 22.11.2021
Bea Mtinnen (Solveig Krebs, links) steckt in einer Art Zwangsjacke, während sie von Nele Neuer (Zenzi Huber, rechts) einmal mehr zurechtgestutzt wird. Elfi Nanzen (Sophia Vogel, Mitte) blickt ohnehin nur bei ihrer eigenen Steuererklärung durch.
Bea Mtinnen (Solveig Krebs, links) steckt in einer Art Zwangsjacke, während sie von Nele Neuer (Zenzi Huber, rechts) einmal mehr zurechtgestutzt wird. Elfi Nanzen (Sophia Vogel, Mitte) blickt ohnehin nur bei ihrer eigenen Steuererklärung durch. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Ein deutsches Finanzamt gilt landläufig nicht gerade als Hort überschäumenden Frohsinns. Es geht um Zahlen, um Belege, um Steuerquoten, um die Eintreibung von Steuern, um die Gewährung von Freibeträgen, um außergewöhnliche Belastungen – und das in einem Finanzkauderwelsch, das nur dazu existiert, das ohnehin komplizierte Verfahren für den Laien noch undurchschaubarerer zu machen. Von wegen Steuererklärung auf dem Bierdeckel.

Und darüber soll man lachen können, eine Komödie schreiben? Die deutsche Dramatikerin Felicia Zeller hat es getan. Als Auftragsarbeit für das Staatstheater Braunschweig. Kaum war die Uraufführung 2020 gespielt, stürzten sich deutschsprachige Theater auf den Stoff – immer auf der Suche nach neuen Stücken.

So darf das Marburger Publikum jetzt lachen über oder mitleiden mit Bea Mtinnen (Solveig Krebs), Elfi Nanzen (Sophia Vogel), Nele Neuer (Zenzi Huber), Reiner Lös (Ben Knop) und Angie Außen (Mechthild Grabner). Sie sind die Fünf vom Fiskus. Ach ja, es gibt noch eine einsame Topfblume in diesem unwirtlichen Finanzamt.

Bühnen- und Kostümbildnerin Cleo Niemeyer hat für die Inszenierung von Regisseur Matthias Huber eine wenig anheimelnde Bühnenlandschaft ins Theater am Schwanhof zimmern lassen. An den halb durchsichtigen Wänden aus Doppelstegplatten, mit denen man normalerweise Terrassen abdeckt, stehen hochaufgeschichtet Umzugskartons, die den Protagonisten mangels anderer Alternativen auch als Sitzmöbel dienen. Computer oder ähnlich modernes Zeug gibt es in diesem Finanzamt nicht. Die Darstellerinnen und Darsteller stecken in merkwürdig zerschnittenen oder ziemlich zerzausten weißen Kleidungsstücken, manche erinnern eher an Zwangsjacken. Am lebendigsten wirkt da im kalten Neonlicht der Deckenleuchten fast noch die Topfblume aus Plastik.

Die etwas andere Komödie

Ein Schenkelklopfer ist diese Komödie nicht, dafür ist das Thema rund um undurchsichtige Cum-Ex-Geschäfte, kalte Progression, Sonderausgaben und Ehegattensplitting einfach zu sperrig. Und doch hat das Stück einen sehr eigenen Humor. Dies liegt nicht zuletzt an Solveig Krebs, die ihre Bea Mtinnen mit trockenem Witz spielt. Bea weiß alles über das Steuerrecht, sitzt seit Jahren auf einer A13-Stelle und hofft, jetzt endlich befördert zu werden. Denkste! Die nassforsche Kollegin Nele Neuer hat sich die Abteilungsleitung geschnappt, will das Amt modernisieren – und das auf eine recht eigenwillige Art. Sie könnte sich sogar eine Partnervermittlung vorstellen: 45-jährige Finanzfachfrau sucht Millionär. Die Daten haben sie ja alle.

Mechthild Graber spielt die knallharte Betriebsprüferin Angie Außen, der man so schnell nichts vormachen kann, Zenzi Huber die Karrieristin Nele Neuer. Sophia Vogel und Ben Knob sind als Elfi Nanzen und Reiner Lös das Traumpaar aller Finanzbeamten. Sie winken zwar komplizierte Fälle im Finanzamt schnell durch, kennen sich als Paar in Sachen eigener Steuervermeidung aber bestens aus. Und das schweißt sie zusammen.

So blickt das Publikum in eine Abteilung des Finanzamts, in der Neid, Missgunst und Angst vor großen Anwaltskanzleien herrschen, die für ihre Mandanten auch noch jeden Steuertrick durchboxen. Am Ende wird Bea kaltgestellt, weil sie doch zu energisch nachforscht – so viel sei hier verraten.

Auch das kennen wir übrigens aus Hessen: 2013 wurden vier Steuerfahnder, die am Finanzplatz Frankfurt die Banken das Fürchten lehrten, von der Finanzverwaltung kurzerhand für paranoid erklärt. Nele Neuer lässt grüßen. Ganz weit weg von der Realität ist diese Groteske also nicht, die auch von Felicia Zellers Sprache lebt: Kaum ein Satz wird wirklich vollendet. Ihre atemlosen Wort-Ellipsen laufen ins Leere, müssen von Zuschauerinnen und Zuschauern beendet werden – was aber nicht sonderlich schwer ist.

Weitere Vorstellungen sind morgen Abend sowie am 4., 5., 7. und 29. Dezember jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof.

Von Uwe Badouin

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