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Marburg Scheitert Regionalität am Schlachtpreis?
Marburg Scheitert Regionalität am Schlachtpreis?
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20:47 25.09.2020
Bernd Möller, Direktvermarkter aus Kleinseelheim, betreibt auch Lohnschlachtung. Doch die sei wegen der hohen Fleischbeschaugebühren im Landkreis nicht konkurrenzfähig. Quelle: Andreas Schmidt
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Kleinseelheim

Es ist eine Erkenntnis aus der Corona-Krise: Regionale Lebensmittel stehen bei den Verbrauchern hoch im Kurs. Das trifft auch auf Fleisch und Wurst zu – dazu beigetragen hat auch der Tönnies-Skandal.

Wie Regionalität funktioniert, das hat Bernd Möller, Landwirt und Direktvermarkter aus Kleinseelheim, längst verinnerlicht: 800 Schweine hält er auf seinem Hof, „auf Stroh und mit nicht zu vielen Tieren pro Abteil, damit es den Tieren besser geht“, sagt er aus Überzeugung. Das Getreide, das er benötigt, baut Möller selbst an – nur wenig muss er zukaufen, „damit es nicht zu Monokultur kommt“. Und: Wurst und Fleisch seiner Tiere verkauft er im eigenen Hofladen und auf dem Wochenmarkt. Also alles bestens: Kurze Wege, gesicherte Herkunft – alles im Sinne der Verbraucher. Ist es auch perfekt?

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„Lippenbekenntnisse“ vonseiten der Politik

„Könnte es sein. Aber: Regionalität und Stärkung des Ländlichen Raums sind hier nur Lippenbekenntnisse“, sagt Möller. Wieso das? 50 bis 70 Schweine schlachtet Möller wöchentlich – auf dem eigenen Hof. „Ungefähr 40 sind von uns, der Rest ist Lohnschlachtung für andere heimische Metzger.“ So würden weite Wege vermieden, denn seit der Schlachthof in Wehrda geschlossen wurde, gibt es nicht mehr viele Schlachter im Kreis – auch, weil die EU-Vorgaben sehr hoch sind.

Das Problem bei der Lohnschlachtung: „Die Fleischbeschaugebühren sind viel zu hoch“, sagt Möller. Eine These, die auch Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands, schon mehrfach äußerte – so etwa im August.

Möller rechnet vor: 13 Euro muss er pro Schwein zahlen, „ab dem 36. Schwein 10,80 Euro“. Hinzu kommen 10 Euro je Schwein für den Abdecker, Mehrwertsteuer, Strom, Wasser, Maschinen- und Lohnkosten. „Bei diesen Preisen können wir mit Großbetrieben nicht konkurrieren – und dem Metzger kann es eigentlich egal sein, wer sein Schwein schlachtet. Halbe Sau ist halbe Sau – bei den Fleischpreisen zählt eigentlich jeder Cent“, weiß Möller. Und verdeutlicht: „Tönnies zahlt bei der Menge, die er verarbeitet, 26 Cent für die Fleischbeschau.“ Er hingegen müsse 50 Euro pro Schwein erzielen, „dann bleiben vielleicht 5 bis 10 Euro hängen“.

Im Nachbarkreis könnte Möller die Hälfte sparen

Möller sagt: „Würde ich meine Schweine von einem Schlachter in der Schwalm verarbeiten lassen, ginge es mir eigentlich besser – ich könnte mehrere Tausend Euro sparen.“ Dort habe er das Angebot von 25 Euro pro Schwein, „ich würde die Tiere hinbringen, eine Stunde warten und sie dann im Kühlanhänger mitnehmen und bräuchte wesentlich weniger Personal“. Doch das widerstrebt nicht nur Möllers Regionalitätsgedanken, sondern auch seiner sozialen Verantwortung. „In diesem Sinne wäre es gut, wenn die Gebühr im Landkreis wieder gesenkt werden könnte.“

Doch das sei nicht geplant, teilt der Landkreis auf OP-Anfrage mit. 2004 sei die jetzige Gebührenstruktur eingeführt worden – da die Gebühren aufgrund der gesetzlichen Vorschriften kostendeckend zu erheben seien.

Kreis: Gebühren müssen kostendeckend sein

Der Kreis unterstütze die Vermarktung handwerklich hergestellter Produkte „mit einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit, die nicht nur über die grundsätzlichen Vorteile eines nachhaltigen, regionalen und saisonalen Lebensmitteleinkaufs, sondern auch über die konkreten Bezugsstellen informiert“, heißt es. Der Fachdienst „Erzeuger-Verbraucher-Dialog“ des Kreises arbeite zudem aktuell an Möglichkeiten, etwa im Rahmen der Ökomodellregion den Verkauf entsprechender Produkte zu fördern. „Dazu gehört die Konzeption eines Verkaufsladens und die Aufstellung mehrerer Verkaufsautomaten für regionale Produkte“, heißt es. Zudem würden regionale Anbieter bei öffentlichen Veranstaltungen der Kreisverwaltung gezielt eingebunden – etwa mit Infoständen mit Verkostung.

Von Andreas Schmidt

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