Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ein Ort des Gedenkens an Sternenkinder
Marburg Ein Ort des Gedenkens an Sternenkinder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:40 24.05.2022
Pfarrerin Marion Kohl beerdigt regelmäßig Sternenkinder.
Pfarrerin Marion Kohl beerdigt regelmäßig Sternenkinder. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Vor der Kapelle ist die Hoffnung aufgebahrt. Weiße Rosen schmücken den kleinen, weißen Kindersarg. Die Sonne bricht durch die grauen Wolken. Ein frischer Wind lässt die Kerzenflammen flackern. Eine kleine Gruppe Menschen hat sich zum Abschiednehmen auf dem Friedhof in Ockershausen eingefunden. Vogelgezwitscher durchbricht die Stille.

„Wir müssen heute von Ihren Kindern Abschied nehmen. Aber wie geht das? Wie hält man das aus, als Mutter und Vater, als Familie? Wie lebt man weiter, wenn da einfach nur das Gefühl von großer Leere ist?“, fragt Marion Kohl und blickt auf den weißen Kindersarg vor ihr. Die Pfarrerin ist zusammen mit ihrer katholischen Kollegin Birgitta Marx Klinikseelsorgerin am UKGM. Heute begleiten sie Eltern auf ihrem wohl schwersten Weg.

Sternenkinder-Bestattungen gibt es seit 25 Jahren

Marion Kohl war es, die vor 25 Jahren zusammen mit einem Team aus Hebammen, dem Chefarzt der Geburtshilfe wie auch dem Chefarzt der Pathologie diese ganz besonderen Bestattungen ins Leben gerufen hat. Beerdigungen der Kinder, die am UKGM und in anderen Kliniken tot zur Welt gekommen sind – für Sternenkinder. Also all jene Kinder, die noch während der Schwangerschaft, bei oder nach der zu frühen Geburt verstorben sind und noch nicht bestattungspflichtig waren.

Bis 1997 gab es keinerlei Ruhestätte für sogenannte still geborene Kinder. Mütter berichteten mitunter, dass ihnen nach einer stillen Geburt in der jeweiligen Klinik auch gesagt wurde, dass ihr Kind wohl irgendwo in einem anonymen Gräberfeld beigesetzt werde; „oder auch auf irgendeinem Friedhof ,beigelegt’ werde“, erinnert sich Kohl. Ein Schock für die junge Pfarrerin, denn das stimmte so gar nicht. „Und ich musste dann den Eltern, die bei mir anriefen und fragten, wo ihr Kind denn sei, sagen, dass es so leider nicht stimmte und es keinen Platz für ihr verlorenes Kind in dieser Welt gab“, erinnert sich Marion Kohl. Die Trauer der Eltern damals sei vielfach zu einer Bagatelle abgetan worden, getreu dem Motto „Sie können doch noch ein Kind bekommen.“ „Es war für alle eine unerträgliche Situation.“

Gräberfeldfür Sternenkinder in Marburg. Quelle: Nadine Weigel

Dabei ist es unendlich wichtig, dass Eltern die Möglichkeit haben, von ihren still geborenen Kindern Abschied nehmen können, betont die Seelsorgerin. „Nach dem großen Schock der stillen Geburt, des Verlierens ihres Kindes, ist es ein wesentlicher Schritt auf dem Trauerweg überhaupt, um zu begreifen, was da passiert ist“, erläutert die Pfarrerin. Manchmal dauert es ein ganzes Leben. Es komme immer wieder mal vor, dass Mütter und Väter an den Trauerfeiern teilnähmen, die vor vielen Jahren ein Kind verloren haben, aber bislang nie ein richtiges Abschiedszeremoniell durchführen konnten.

Noch deutlich erinnert sich Marion Kohl an die Begegnung mit einer Frau, die vor 20 Jahren eine Fehlgeburt erlitten hatte. „Sie nahm mit ihren erwachsenen Kindern an einer Trauerfeier für Sternenkinder teil. Ein paar Tage später rief sie mich an und erzählte mir, es sei das erste Mal gewesen, dass ihre Familie begriffen habe, was die Trauer um dieses Kind für sie eigentlich bedeutet und wie schwer es sei, ohne eine Grabstätte, ohne einen Fußabdruck oder ein Bild zu trauern. Erst dann hätten ihre erwachsenen Kinder verstanden, was für einen großen Verlust ihre Mutter zu verschmerzen hatte und dass sie ein ganzes Leben damit beschäftigt war“, sagt Kohl.

Embryos liegen zusammen im weißen Kindersarg

Mindestens drei Mal im Jahr werden Sternenkinder in Marburg mit einer religionsübergreifenden Zeremonie bestattet. Die Eltern werden vorab gefragt, ob sie mit der Bestattung einverstanden sind. Auf dem Ockershäuser Friedhof gibt es dafür einen extra Platz. Umsäumt von Eichen und Birken am Rande des Friedhofs befindet sich das Gräberfeld der Sternenkinder. Die Jahreszahlen sind in graue Steine gemeißelt. Kleine Porzellanengelchen, Spielzeugautos und Kuscheltiere sind den Kindern mit auf ihre Reise gegeben. Verwittert liegen Bärchen und Plüschhasen auf den Gräbern. Namen verstorbener Kinder sind auf bunte Steine geschrieben. „Wir werden dich immer lieben.“ Kleine bunte Windräder drehen sich zum Rauschen der Bäume. „Es ist so wichtig, das Kind zu würdigen als kleinen verstorbenen Menschen, der zwar nur eine kurze Lebensspanne hatte, aber für die Eltern die ganze Welt bedeutet“, sagt die Klinikseelsorgerin und erklärt, wie behutsam die Mitarbeiter der Pathologie am UKGM mit den Sternenkinder umgehen. „Sie legen jedes einzelne Kind in eine Mullwindel und versehen diese mit dem Namen des Kindes. Dann werden die Kinder nebeneinander in den weißen Sarg gelegt.“ Manchmal komme es auch vor, dass Eltern Fotos von sich oder Geschwisterkinder selbst gemalte Bilder als Beigabe zum Sarg in der Pathologie vorbei brächten.

Sternenkinder-Beerdigung am Hauptfriedhof in Ockershausen. Quelle: Nadine Weigel

Auch Eltern, die ihre Kinder sehr früh in der Schwangerschaft verloren haben, seien herzlich eingeladen, an den Trauerfeiern für Sternenkinder teilzunehmen. „Auch die ganz Kleinen sind für Eltern immer Kind“, betont Kohl. „Wir denken ja nicht an Zellteilung, wenn wir schwanger sind, sondern wir erwarten und freuen uns auf unser Kind.“ Auch die Eltern, die an diesem Frühlingstag mit Kerzen in der Hand und Tränen in den Augen hinter dem weißen Kindersarg hergehen, haben sich auf ihre Kinder gefreut. Egal, wie alt sie waren. Ob nur wenige Wochen im Bauch der Mutter oder ein paar Stunden auf der Welt. Sie alle haben nun einen Ort, wo sie ihrer geliebten Kinder gedenken können. Wo sie trauern und Kraft tanken können.

Mehr zum Thema

Von Nadine Weigel