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Marburg Eva Zimmermann will anderen Frauen Mut machen
Marburg Eva Zimmermann will anderen Frauen Mut machen
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08:28 24.05.2022
Eva Zimmermann hatte zwei Fehlgeburten und geht an die Öffentlichkeit, um an anderen Frauen zu helfen.
Eva Zimmermann hatte zwei Fehlgeburten und geht an die Öffentlichkeit, um an anderen Frauen zu helfen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Als der Arzt ihr sagt, dass ihr Baby in ihrem Bauch nicht mehr lebt, bricht für Eva Zimmermann eine Welt zusammen. „Es war alles gut. Ich hatte alle Schwangerschaftssymptome, die man so haben kann. Ich dachte, dass es meinem Baby gut geht“, erinnert sie sich. Bis zu dem Abend, als sie plötzlich Blutungen bekommt. Es ist die zehnte Schwangerschaftswoche. In der Klinik stellen die Ärzte fest, dass ihr Kind tot ist. Bereits seit drei Wochen, eine sogenannte „missed abortion“ – eine verhaltene Fehlgeburt. Sie tritt überwiegend bis zur zwölften Schwangerschaftswoche auf und geht oft ohne Blutungen einher. Der abgestorbene Embryo bleibt in der Gebärmutter.

„Man hört, dass so etwas passieren kann, aber in dem Moment habe ich gedacht, ich bin die erste Frau, der so etwas passiert“, erinnert sich die heute 32-Jährige. Etwa jede sechste Frau verliert ihr ungeborenes Kind vor der 24. Schwangerschaftswoche. Ärzten zufolge ist die Dunkelziffer um einiges höher.

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Das Thema Fehlgeburt ist bis heute ein gesellschaftliches Tabu. Kaum jemand spricht darüber, obwohl so viele Frauen, so viele Familien davon betroffen sind. Eva Zimmermann möchte dieses Tabu brechen. Sie will ihre Geschichte öffentlich machen, um anderen betroffenen Frauen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. „Ich hätte mir damals jemanden gewünscht, der meine Gefühle versteht und mir dadurch helfen kann“, sagt sie. Denn nach der Diagnose fühlt sie sich absolut hilflos, ihr wird eine Ausschabung nahegelegt. „Ich hatte wirklich gute Ärzte, aber ich stand in dem Moment so unter Schock, dass ich gar nicht begriffen habe, dass ich zum Beispiel auch die Möglichkeit gehabt hätte, das Kind selbst zur Welt zu bringen“, erinnert sie sich.

Heimfahrt mit einem toten Baby im Bauch

Sie bekommt einen Termin für die Ausschabung am nächsten Tag. „Dann bin ich heimgefahren mit dem toten Baby in meinem Bauch“, sagt sie. Die Operation selbst erlebt sie, als stünde sie neben sich. „Das Gefühl zum eigenen Körper ist total weg. Die Leere in meinem Herzen war die Leere in meinem Bauch“, sagt sie. Sie fühlt sich alleingelassen, verzweifelt. Aber sie merkt auch, dass es ihr hilft, darüber zu reden. „Vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen hat mir Halt und Kraft gegeben“, erklärt die Frau aus Niederwald.

Sie überwindet die traumatische Erfahrung, lernt, ihren Körper wieder zu akzeptieren. Ein paar Monate später ist sie wieder schwanger. Sie ist voller Hoffnung. „Aber ich hatte auch super viel Angst“, erinnert sie sich. In der zehnten Schwangerschaftswoche bei einer Routineuntersuchung erneut die niederschmetternde Diagnose: Das Herz des Babys schlägt nicht mehr. „Man möchte schreien, weinen, alles zusammen“, erinnert sich Eva Zimmermann.

Aber auch nach der zweiten Fehlgeburt merkt sie, dass ihr der Austausch mit anderen Frauen, die das gleiche Leid erfahren haben, hilft. Deshalb hat sie sich coachen lassen. Als sogenannte emotionale Fehlgeburtsbegleiterin will sie anderen Frauen, die das Gleiche durchmachen müssen, beistehen. Die 32-Jährige hat Erfahrung im Umgang mit Trauer. Mit 19 Jahren machte sie eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin. Die gelernte Altenpflegerin und palliative Fachkraft arbeitet momentan als Dozentin für Pflegeberufe.

Kraft geben, um mit Fehlgeburten umzugehen

Eva Zimmermann hatte zwei Fehlgeburten und geht an die Öffentlichkeit, um an anderen Frauen zu helfen. Quelle: Nadine Weigel

Sie will Frauen beraten, ihnen Mut und Kraft geben, mit der Fehlgeburt umzugehen. Sie weiß: „Umso mehr du von deinen Kindern erzählst – und sie sind Bestandteil von deinem Leben – umso mehr nimmt es dir die Schwere“, sagt sie. An ihrer Halskette hängen zwei silberne Sterne. Die Erinnerung an ihre beiden Sternenkinder. „Egal, wie früh man seine Kinder verloren hat, es sind doch immer die eigenen Kinder“, sagt sie und lächelt. Eva Zimmermanns Kinder haben für immer einen Platz – an ihrer Kette und in ihrem Herzen.

Das hilft nach einer Fehlgeburt

Eva Zimmermann rät Betroffenen nach einer Fehlgeburt Folgendes: Je nach Schwangerschaftswoche hast du verschiedene Möglichkeiten, mit der Fehlgeburt umzugehen. Du kannst in den meisten Fällen selbstbestimmt entscheiden, wie dein Körper mit der Fehlgeburt umgehen darf. Dir steht nach Fehlgeburt Hebammenbegleitung zu, auch wenn du nur wenige Wochen schwanger warst. Wenn du dich nicht gut beraten fühlst, darfst du dir bei anderen Ärztinnen und Ärzten sowie Hebammen Rat holen.

Informiere dich über deine Rechte zum Thema Bestattung deines Kindes, Mutterschutz nach Fehlgeburt und Krankschreibungen. Nimm dir soviel Zeit wie du brauchst. Teile deine Geschichte. Erzähle von deinem Kind. So bekommt es den Raum, den es verdient und du musst den Schrecken des Erlebten nicht allein tragen. Umgib dich nur mit Menschen, die dir gut tun. Du musst dich niemandem stellen, der dich und deine Gefühle nicht zu hundert Prozent respektiert.

Verbinde dich mit Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Der Austausch mit Betroffenen ist so kraftvoll und heilsam. Zum Vernetzen ist Instagram und die Hashtagsuche sehr hilfreich. Suche dir professionelle Hilfe und Unterstützung. Eine Fehlgeburt erschüttert das ganze Leben. Du hast nichts falsch gemacht und darfst dich unterstützen lassen.

Führe Trauerrituale durch, die dir den Abschied von deinem Baby ermöglichen. Trauer ist nicht das Problem, Trauer ist die Lösung. Trauer ist individuell und alle Gefühle sind erlaubt und wollen wahrgenommen werden. Meditationen, positive Affirmationen und Glaubenssätze können dir helfen, wieder zurück zu deinem Vertrauen in dich und deinen Körper zu kommen.

Von Nadine Weigel

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