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Marburg Fastenbrechen nur im Familienkreis
Marburg Fastenbrechen nur im Familienkreis
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16:58 22.04.2020
Dr. Bilal Farouk El-Zayat, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Marburg. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
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Marburg

Über manche Veröffentlichungen in den sozialen Medien kann Bilal Farouk El-Zayat derzeit nur den Kopf schütteln. So soll es angeblich für den Ramadan Ausnahmen geben, damit die Muslime doch gemeinsam das Fastenbrechen begehen können, wird behauptet.

„Die Regeln der Kontaktsperre und das Versammlungsverbot gelten für alle – für Christen, Juden, Atheisten und auch für uns Muslime“, stellt der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Marburg klar. „Klar ist das auch für uns eine krasse Situation. Aber für wen nicht?“

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Am kommenden Donnerstag, 23. April, beginnt mit Sonnenuntergang der neunte Monat des islamischen Mondkalenders – der Ramadan. Er gilt als Fastenmonat, als Monat der Gemeinschaft, der Fürsorge. Unbedingt zu vermeiden sind üble Nachrede, Verleumdung, Lügen und Beleidigungen aller Art. Der innere Schweinehund kämpft vor allem in den ersten Tagen mit allen Mitteln gegen das Fasten am Tag.

Fasten geht alleine, Gemeinschaft nicht

„Das erfordert viel Selbstbeherrschung“, weiß Bilal Farouk El-Zayat. Denn: „Es gibt ja keinen der kontrolliert. Nur einen“, sagt er und zeigt nach oben. Auch das macht den Ramadan aus – die sehr enge persönliche Beziehung zwischen Mensch und Gott. „Und den kann ich nun mal nicht betrügen.“ So sagt es der Koran genauso wie die Bibel bei den Christen und der Tanach bei den Juden.

Während das Fasten am Tag auch in Zeiten von Corona weitgehend unproblematisch verlaufen kann, so ist der andere wichtige Aspekt im Ramadan so gut wie unmöglich: das gemeinschaftliche Beten und Fastenbrechen in den Abend- und Nachtstunden.

Gemeinde plant Alternativen

„Normalerweise treffen wir uns bei Sonnenuntergang alle zusammen in der Moschee zum gemeinsamen Gebet und anschließend wird gemeinsam gegessen. Reihum kocht jeden Tag eine andere Familie für die gut hundert Leute“, erklärt der Muslim, der in diesem Jahr das Fastenbrechen nur mit seiner engsten Familie begehen kann. „Dabei ist es gerade in diesem Monat so wichtig auch an die zu denken, die sich nicht jeden Tag etwas Warmes kochen können“, erinnert er an ein weiteres Gebot im Ramadan.

Genau deswegen arbeitet die islamische Gemeinde derzeit mit Hochdruck daran, Möglichkeiten zu schaffen, dass genau diese Gläubigen nicht auf die Unterstützung verzichten müssen. Es gibt die Idee der Gutscheine für ausgesuchte Geschäfte und Imbisse, die per Smartphone-App eingelöst werden können, oder ein virtuelles Ramadan-Zelt.

Normalerweise über tausend Menschen im Zelt

Auch mit der Marburger Tafel ist die Gemeinde im Gespräch, um gegebenenfalls das Zelt in Cappel zur Essensausgabe mit zu nutzen oder andere Synergien zu finden. Denn in diesem Jahr darf kein Zelt auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz aufgestellt werden. Dort treffen sich normalerweise über tausend Menschen unterschiedlichen Glaubens und begehen zusammen das Fastenbrechen.

„Diese Gemeinschaft, diesen Ramadan-Spirit in die Stadt zu bringen, war und ist uns sehr wichtig. Der Austausch mit den Anhängern anderer Religionen ist fester Bestandteil unserer Gemeindearbeit, genauso wie unsere Aufklärungsarbeit über den Islam“, sagt Bilal Farouk El-Zayat.

„Wir lernen wieder, zu verzichten“

Über 50 Nationalitäten vereint die islamische Gemeinde in Marburg. „Socialising at it’s best sozusagen“, beschreibt der Vorsitzende. Jeden Abend gibt es ein Video mit einem kurzen Koran-Vers vom Imam, das Freitagsgebet ist schon seit März digital per Videokonferenz. Der Koran-Lesezirkel liest über Messenger-Dienste, über diese werden auch kurze Theaterstücke oder Lieder versendet.

„Wir sind eine sehr dynamische Gemeinde mit vielen kreativen Köpfen. Aber nichtsdestotrotz sind wir für viele Studenten oder Flüchtlinge aus dem Ausland auch eine Ersatzfamilie. Gerade deswegen sind wir in Corona-Zeiten eine wichtige Stütze für sie.“ Auch wenn die Gemeinde gerade selbst Unterstützung bräuchte. Denn die Kassen schrumpfen durch die fehlenden gemeinsamen Gebete in der Moschee merklich.

Trotz aller Widrigkeiten kann Bilal Farouk El-Zayat den Umständen auch positives abgewinnen. „Wir lernen wieder, zu verzichten, die Ellenbogen einzufahren und lieber zu helfen. Und genau das ist auch Sinn des Ramadan: ein besserer Mensch zu werden. Sich zumindest zu bemühen.“

Lockerungen für religiöse Veranstaltungen

Diskussion über mögliche Lockerungen des Gottesdienstverbotes

Die Richter des Bundesverfassungsgericht, die das Gottesdienstverbot erst kürzlich bestätigt hatten, sehen dennoch einen „überaus schwerwiegenden Eingriff in die Glaubensfreiheit“. Das Verbot müsse bei jeder Verlängerung der befristeten Verordnung streng darauf geprüft werden, ob eine Lockerung unter Auflagen möglich sei.

Erst am Freitag, 17. April, wurde das Gottesdienstverbot in ganz Deutschland verlängert, außer in Sachsen. Dort sind nun kleinere Gottesdienste mit höchstens 15 Besuchern erlaubt. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime (ZMD), Aiman Mazyek, unterstrich dennoch, dass Schutz von Gesundheit und Menschenleben Priorität haben müsse.

„So schwer es uns fällt, unsere Moscheen im Heiligen Monat Ramadan weiter geschlossen zu halten, so ist es unsere religiöse und bürgerliche Verantwortung, in der aktuellen Phase genau das zu tun“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Diskutiert werden dennoch folgende Möglichkeiten:

Auf die Freitagsgebete soll bis auf Weiteres verzichtet werden.

Die Moscheen sollen aber für die normalen Gebete inklusive Tarawieh (islamische Gebete, die im Ramadan täglich nach dem Nachtgebet vollzogen werden) mit Auflagen geöffnet werden.

Die Besucherzahl richtet sich dabei nach der Größe der Moschee, beispielsweise je vier Quadratmeter ein Betender. So können auch die allgemeinen Abstandsregeln erfüllt werden.

Der Zugang muss kontrolliert und gezählt werden, und wenn die maximale Zahl erreicht ist, wird niemand mehr eingelassen und der Zugang geschlossen.

Es muss einen getrennten Eingang und Ausgang geben. Am besten als Einbahnstraßenregelung.

Die Toiletten und Waschräume müssen geschlossen bleiben.

Von Katja Peters

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