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Marburg Fast jeder vierte Betrieb erwägt Kurzarbeit
Marburg Fast jeder vierte Betrieb erwägt Kurzarbeit
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10:10 01.04.2020
(Symbolfoto) Jeder vierte Betrieb im Kreis erwägt Kurzarbeit. Quelle: Jens Büttner
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Marburg

Eigentlich sehen die Arbeitslosen-Zahlen für den März im Landkreis nicht dramatisch schlecht aus: Demnach waren 5 351 Personen arbeitslos gemeldet, 146 oder 2,8 Prozent mehr als vor einem Jahr. Im Vergleich zum Vormonat Februar weist die Statistik 72 oder 1,3 Prozent weniger Arbeitslose aus. Die Arbeitslosenquote blieb bei vier Prozent.

„Die Zahlen haben jedoch nur eine bedingte Aussagekraft“, sagt Agenturleiter Volker Breustedt im OP-Gespräch. „Denn es gibt ein Time-Lag – und das ist in diesem Fall entscheidend: Statistisch erfasst sind die Daten von Mitte Februar bis Mitte März – die Lage im Kontext der Corona-Entwicklung ist darin nicht erfasst.“ Die heute veröffentlichten Zahlen seien also quasi Makulatur, „es gibt noch keinen validen Wert“.

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Um jedoch ein Gefühl für die Zahlen zu bekommen, hätten die Teamleiter der Arbeitsagentur das Geschehen der vergangenen zwei Wochen zusammengefasst. „Die Arbeitslosenzahl ist demnach in dieser Zeit deutlich um 150 bis 200 Personen gestiegen“, sagt Pressesprecherin Dr. Heike Beber. Das betreffe vor allem Menschen, die in der Zeitarbeit tätig gewesen seien, in der Gastronomie oder im Handel gearbeitet hätten – „ausgenommen ist dabei aber der Lebensmitteleinzelhandel“, sagt Heike Beber.

Agenturleiter Breustedt verdeutlicht im OP-Gespräch am Dienstagmorgen (31. März) noch, dass der Arbeitgeberservice derzeit „ausschließlich in der Beratung zur Kurzarbeit“ tätig ist – „wir bekommen täglich rund 100 Abfragen. Daraus werden nicht immer Anträge. Aber: 100 Arbeitgeber informieren sich täglich darüber, was beim Thema Kurzarbeit zu beachten ist.“

Breustedt plädierte dafür, dass Unternehmen auf jeden Fall zügig die zugesagte Soforthilfe von Land und Bund beantragen sollten, denn aufgrund der immens vielen Anfragen liege man zwar trotz deutlich aufgestockten Personals bei der Abarbeitung ganz gut. „Aber dennoch wird das Geld nicht morgen bewilligt sein und fließen.“

Am Nachmittag gab es dann durch eine Sonderauswertung konkretere Zahlen: Demnach liegen im Arbeitsagenturbezirk Marburg zwischen 1.300 und 1.400 Kurzarbeit-Anzeigen vor – und das bei 5.638 Betrieben, die berechtigt wären, Kurzarbeit anzuzeigen. Heißt im Umkehrschluss: Fast jeder vierte Betrieb hat bisher Kurzarbeit angezeigt. „Das heißt nicht, dass auch aus jeder Anzeige Kurzarbeit entsteht“, so Heike Beber. Und: Da es sich um eine Sondererhebung abseits der normalen Statistik handele, sei auch nicht bekannt, wie viele Menschen gegebenenfalls von Kurzarbeit bedroht wären. Die Anzeigen kämen aus allen Branchen, auch viele kleinere Betriebe griffen auf Kurzarbeit zurück. Zum Vergleich: Hessenweit gingen binnen zwei Wochen 32.000 Anzeigen ein, bundesweit 470.000.

Auch beim KreisJobCenter (KJC) steigt die Zahl der Anrufe extrem, wie Leiterin Andrea Martin verdeutlicht – und das nicht wegen Nachfragen zur Kurzarbeit, „sondern weil sich Menschen bei uns melden, die von Kurzarbeit betroffen sind und befürchten, dass ihnen das Kurzarbeitergeld nicht ausreicht. Die werden nämlich bei uns zu Aufstockern“, so Andrea Martin. Und: Auch Selbstständige, „die sonst nichts mehr haben, rufen ebenfalls bei uns an“. Die Leiterin des KJC betont, dass man „damit rechnet, dass die Zahl der Leistungsbezieher um ein Drittel oder gar um 40 Prozent ansteigt“ – bei derzeit 6.004 Bedarfsgemeinschaften „bedeutet das, dass ungefähr 2.000 Leistungsbezieher hinzukommen“. Das Antragsverfahren sei komplett vereinfacht, die Vermögensprüfung immens reduziert worden, „es muss niemand in Existenznot geraten“, so Martin. Und: Auch die Prüfung der Angemessenheit einer Wohnung sei ausgesetzt, „niemand muss Angst haben, dass er aus seiner Wohnung muss“.

Für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow ist klar: „Selten konnte man aus Arbeitsmarktzahlen so wenig schlau werden wie im Moment.“ Man stehe am Anfang einer Entwicklung, „Das Coronavirus wird gewiss dafür sorgen, dass wir in den kommenden Monaten vor erheblichen Belastungen und Zuwächsen stehen. Wir sind aber sicher, dass wir diese Herausforderungen gut bewältigen werden“, so Zachow.

Die Zahl der arbeitslosen Personen, die Grundsicherung erhalten, sowie die Zahl der Bedarfsgemeinschaften sind im Vergleich zum Vorjahr beim KJC zurückgegangen. Demnach sind 2.910 erwerbsfähige Leistungsberechtigte als arbeitslos registriert – 38 Personen oder 1,3 Prozent mehr als im Vormonat. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Arbeitslosen beim KJC um 84 Personen oder 2,8 Prozent zurückgegangen.

Von Andreas Schmidt

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