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Marburg Familienfotobuch dokumentiert Dorf-Alltag im frühen 20. Jahrhundert
Marburg Familienfotobuch dokumentiert Dorf-Alltag im frühen 20. Jahrhundert
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10:58 14.02.2021
Das Gruppenbild zeigt die Moischter Volksschule vermutlich im Jahr 1915. Vorne sitzen die Kleinsten, ganz hinten stehen die Großen. Die Mädchen tragen Tracht. Alle schauen ernst in die Kamera.
Das Gruppenbild zeigt die Moischter Volksschule vermutlich im Jahr 1915. Vorne sitzen die Kleinsten, ganz hinten stehen die Großen. Die Mädchen tragen Tracht. Alle schauen ernst in die Kamera. Quelle: Privatfoto
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Moischt

„... ein Moischter Leben“ hat Rudolf Gerber sein Fotobuch über das Leben seines Vaters Johannes Gerber (1912 – 1959) betitelt. Es ist ein klassisches Fotobuch, wie es viele Menschen machen, um etwa Urlaubs- oder Familienerinnerungen festzuhalten. Und gleichzeitig ist es viel mehr, denn Rudolf Gerber verfügt über eine umfangreiche Sammlung mit historischen Fotos aus Moischt und von seiner Familie.

Das Fotobuch, das ursprünglich rein familiären und privaten Charakter hatte, ist dadurch eine Art Zeitdokument geworden, denn es zeigt mit Fotos und mit sorgfältig recherchierten Textbeiträgen fast nebenbei das Leben in einem hessischen Dorf vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts.

Die Fotografien aus dem Dorf sind echte Schätze

Auslöser, sich mit der Geschichte seiner Familie intensiv auseinanderzusetzen, sei seine Tochter Ines Beatrice gewesen, sagt Rudolf Gerber im Gespräch mit der OP. Sie habe ihn oft nach ihren Vorfahren gefragt und gedrängt: „Kannst du das nicht mal zusammenfassen, du hast ja Zeit, du bist ja in Rente.“

Gerber hatte alte Familienalben zur Verfügung, die in der Familie wie ein Schatz gehütet wurden. Dazu kam eine Kiste mit unsortierten alten Fotos. Vier Winter lang hat er an dem Buch gearbeitet – Fotos gesichtet, eingescannt und digital bearbeitet. Er hat Zeitzeugen aufgesucht und Quellenstudium betrieben.

Nicht um ein Sachbuch zu schreiben, sondern um die Geschichte seines Vaters und seiner Familie festzuhalten, die im Grunde die Geschichte fast jeder Familie in einem oberhessischen Dorf gewesen sein könnte. Gerbers Vorfahren waren keine wohlhabenden Bauern, sondern arme Menschen, die gerade so durchs Leben kamen, wie die meisten anderen damals auch.

Heute unvorstellbar: Wäsche waschen war sehr mühselig in Zeiten vor der Erfindung der Waschmaschine. Das Foto entstand vermutlich im Jahr 1931. Heute unvorstellbar: Wäsche waschen war sehr mühselig vor der Erfindung der Waschmaschine. Das Foto entstand vermutlich im Jahr 1931. Quelle: Privatfoto

Vielen Bildern sieht man die Armut an, die herrschte

Die Fotos sind echte Schätze. Anders als heute, wo tagtäglich Abermillionen Fotos mit dem Handy geknipst werden, die dann die sozialen Medien fluten, waren Fotografien zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Raritäten. Das blieben sie oft bis in die 50er Jahre, in denen Fotoapparate bei ärmeren Familien auf dem Land ebenfalls noch selten waren.

Viele dieser ohnehin seltenen privaten Fotos sind im Laufe der Zeit verschwunden – in diesem Fall nicht. Das macht sie umso wertvoller.

Eines der ältesten Bilder zeigt die Schülerinnen und Schüler der Volksschule in Moischt vermutlich im Jahr 1915. Alle sind nach Alter gestaffelt. Vorne sitzen die Kleinsten, hinten stehen die Ältesten. Die Mädchen tragen Tracht.

Auffallend: Es wird selten gelacht auf den alten Bildern – die Menschen, egal ob jung oder alt, blicken meist ernst in die Kamera. Zudem sind fast alle Fotos gestellt – klassische Schnappschüsse, wie man sie heute mit schnellen Kameras machen kann, gibt es nicht. Die Fotos mussten sorgfältig geplant werden, trotzdem sind Gruppenfotos oft unscharf, weil nicht alle so lange stillhalten konnten.

Das Gruppenbild zeigt die Moischter Volksschule vermutlich im Jahr 1915. Vorne sitzen die Kleinsten, ganz hinten stehen die Großen. Die Mädchen tragen Tracht. Alle schauen ernst in die Kamera Quelle: Privatfoto

Vielen Bildern sieht man auch die Armut an, die damals in den Dörfern herrschte, wenn man nicht ein großer Bauer war. Sport gab es auch: Es wurde geturnt oder Feldhandball gespielt. Fußball war bei Weitem noch nicht so verbreitet wie heute.

Gerber besitzt Sammlung mit rund 600 historischen Fotos

Unter den Fotos sind auch Arbeitsszenen oder Fotos von kleinen Ruhepausen während der Arbeit. Sie dokumentieren, wie schwer die Arbeit damals war. Maschinen sieht man nicht, fast alles war reine Handarbeit. Und es gibt Bilder, die Johannes Gerber in der Wehrmachtsuniform zeigen. Er wurde in Russland schließlich schwer verwundet in einem von den Nazis angezettelten Krieg, der weite Teile Europas verwüstete.

Es ist ein ganz normales Leben im frühen 20. Jahrhundert, das Rudolf Gerber abbildet. Rudolf Gerber studierte Sport, Geografie und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität, absolvierte das 1. und 2. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien und arbeitete in den 80er Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Marburger Universitätsmuseum.

Dort habe er unter anderem eine Schenkung mit Negativplatten des Marburger Juristen, Fotografen und Denkmalpflegers Ludwig Bickell (1838 – 1901), der früh hessische Kunst- und Kulturdenkmäler abbildete, geordnet und katalogisiert. Sein Interesse an historischen Fotografien war geweckt.

Eine große historische Sammlung an Fotos

Derzeit besitzt er eine Sammlung von rund 600 historischen Fotos aus Moischt, das von einem kleinen Bauerndorf zum Marburger Stadtteil geworden ist und sich in den letzten Jahren, wie so viele Dörfer, rasant verändert hat. Was geschieht mit der Sammlung? „Das frage ich mich auch“, sagt der 1951 geborene Rudolf Gerber. „Sie müssten eigentlich der Nachwelt erhalten bleiben.“ Er weiß aber auch: „Es ist eine Riesenarbeit, alle Bilder zu digitalisieren.“

Man schreibt das Jahr 1933: In Moischt wird die Kirmes gefeiert. Vor der Wirtschaft Lauers ("Schimmbächers") versammelt sich ein Teil des Festgemeinde zum Gruppenfoto. Man schreibt das Jahr 1933: In Moischt wird die Kirmes gefeiert. Vor der Wirtschaft Lauers ("Schimmbächers") versammelt sich ein Teil des Festgemeinde zum Gruppenfoto. Quelle: Privatfoto

Und sein Familienbuch? Darüber freuen sich begeisterte Angehörige. Und andere, die es sonst einmal in die Finger bekommen, rücken es nur ungern wieder heraus.

Von Uwe Badouin