Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Familie im Damaschkeweg attackiert
Marburg Familie im Damaschkeweg attackiert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:43 18.03.2021
Mit Axthieben hat ein Mann in einem Mehrfamilienhaus am Damaschkeweg eine Wohnungstür aufgebrochen und eine Familie mit Migrationshintergrund attackiert.
Mit Axthieben hat ein Mann in einem Mehrfamilienhaus am Damaschkeweg eine Wohnungstür aufgebrochen und eine Familie mit Migrationshintergrund attackiert. Quelle: Privatfoto
Anzeige
Marburg

Am Montag (15. März) gegen 11 Uhr hat sich ein dramatischer Überfall in einem Mehrfamilienhaus im Marburger Damaschkeweg ereignet: Ein Mann schlug mit einer Axt die Scheibe der Haustür ein, verletzte einen Bewohner im Treppenhaus mit einem Axthieb schwer und drang danach ebenfalls mit der Axt in eine weitere Wohnung im Erdgeschoss ein und attackierte die dort lebende Familie. Mohammed S. konnte ihn nach einem Kampf mit letzter Kraft abwehren und die Treppe hinunterstoßen. Der Angreifer floh. Mohammed S. wollte ihn verfolgen, war aber barfuß und verletzte sich an Glasscherben, die im Treppenhaus lagen.

Der mutmaßliche Angreifer wurde kurz darauf von einem Großaufgebot der Polizei gefasst. Dabei wurde auch ein Polizeihubschrauber eingesetzt. Im Polizeibericht vom Montag war recht neutral von einer gewalttätigen Auseinandersetzung die Rede, bei der es mehrere Verletzte gegeben habe. Unklar blieb in dieser Mitteilung, wer wen angegriffen hatte. Und warum? Aladin Atalla (30) vom Ausländerbeirat der Stadt Marburg ist darüber empört. Es sei keine Auseinandersetzung zwischen zwei Personen oder Gruppen gewesen, sondern eine Attacke mit einer Axt auf willkürlich ausgewählte Menschen mit Migrationshintergrund. Deshalb sorgten sich Muslime in Marburg, ob es ein Angriff eines Rechtsextremen gewesen sein könnte, zumal der Angreifer als glatzköpfig beschrieben wurde. Die Opfer hätten den Angreifer zuvor nie gesehen.

Beschuldigter ist polizeibekannt

Die Ermittlungsbehörden wollen sich am heutigen Donnerstag (18. März) offiziell zu der Axtattacke im Damaschkeweg äußern. Timo Ide, Sprecher der Staatsanwaltschaft Marburg, sagte am Mittwoch (17. März) auf Anfrage der OP: Der Beschuldigte sei polizeibekannt und in Untersuchungshaft. Ein zweiter Mann, der am Montag ebenfalls festgenommen wurde, sei wieder auf freiem Fuß. Er habe mit dem Angriff nichts zu tun, es sei eine Verwechslung gewesen. Den Verdacht, es handele sich um eine Tat mit rechtsextremistischem Hintergrund, wies Ide zurück. Dafür gebe es nach derzeitigem Ermittlungsstand keine Hinweise. Die Motive für den Angriff seien noch unklar.

Die OP hat am Mittwoch mit Mohammed S. (29) und seiner Frau Siham (25) gesprochen, die nach wie vor unter der lebensbedrohlichen Attacke leiden und Angst haben. „Ich lebe seit zehn Jahren in Deutschland, aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte Mohammed S. Bisher habe er sich immer sicher gefühlt in Marburg. „Aber jetzt fühlen wir uns nicht sicher hier. Wir wissen nicht, was er von uns wollte. Wir finden keine Antworten“, sagte er der OP.

War der Angreifer ein verwirrter, vielleicht psychisch kranker Einzeltäter? War es ein Hassverbrechen? Stecken mehr Menschen dahinter? Alle diese Fragen beschäftigen das junge Ehepaar, das seit November in der Wohnung lebt. Mohammed S. arbeitet in Frankfurt, bricht normalerweise früh morgens auf. Seine Frau, die in Marburg studiert, hat nach dem Angriff große Angst, möchte möglichst nicht alleine bleiben.

Ebenfalls attackierter Nachbar muss in die Klinik

Am Montag hörten beide beim Frühstück hämmernde Geräusche im Treppenhaus. Es waren wohl die Axtschläge gegen die Haustür, deren Verglasung vom Angreifer eingeschlagen wurde. Dies habe wohl auch der Nachbar gehört, der im Flur nachgesehen habe. Der Nachbar sei sofort mit Axtschlägen angegriffen und schwer verletzt worden. Er wurde in die Universitätsklinik gebracht. Danach habe der Angreifer mit der Axt auf seine, unmittelbar gegenüberliegende Wohnungstür eingeschlagen und sie aufgebrochen. Für Mohammed S. begann ein Kampf um Leben und Tod, während er im Hintergrund die Schreie seiner Frau aus dem Schlafzimmer hörte, in das sie geflüchtet war.

Der Angreifer habe kein Wort gesagt, sondern sofort mehrfach mit der Axt ausgeholt, ihn fast getroffen. Schließlich sei es ihm gelungen, den Stiel zu greifen. Der Angreifer sei zwar etwas kleiner gewesen als er, aber sehr viel schwerer. „Er war dick“, sagte Mohammed S. Es sei ihm schließlich gelungen, ihn die kleine Treppe zur Haustür hinunterzustoßen. Dann sei der Mann geflohen.

Mohammed S. und seine Frau informierten die Polizei. „Die war sehr schnell da, in fünf Minuten“, erinnert sich Mohammed S. Der Beamte sei sehr freundlich gewesen, habe sofort die Kollegen informiert, die den Angreifer kurz darauf fassten.

Von Uwe Badouin

Marburg Schule in Pandemiezeiten - Präsenztage sind vorerst vom Tisch
17.03.2021