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Marburg Falsche Mitarbeiterin vom Gesundheitsamt ruft vergeblich an
Marburg Falsche Mitarbeiterin vom Gesundheitsamt ruft vergeblich an
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07:58 06.05.2021
Wer gegen Covid,19 geimpft wird, bekommt dies imImpfbuch,eingetragen. Das wollen wohl auch Betrüger am Telefon ausnutzen.
Wer gegen Covid,19 geimpft wird, bekommt dies imImpfbuch,eingetragen. Das wollen wohl auch Betrüger am Telefon ausnutzen. Quelle: Thorsten Richter
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Rüchenbach

Es war wohl der kurioseste und zugleich ein besonders dreister Anruf, den Enno Kraul am Montag erhielt und den der Gladenbacher länger nicht vergessen dürfte. Sein Telefon klingelte an dem Vormittag ununterbrochen, „es hat sehr lange geschellt, irgendwann bin ich dann drangegangen“, berichtet der 72-Jährige von seinem merkwürdigen Erlebnis.

Schon beim ersten „Hallo“ war er misstrauisch, denn die Nummer auf dem Display war anonymisiert. Doch er hat auch eine sehr alte Tante und vermutete erst, dass etwas passiert sei, ihn vielleicht Fremde wegen eines medizinischen Notfalls anrufen. Allerdings meldete sich am Apparat eine nette Frau, gab sich als Mitarbeiterin des Kreis-Gesundheitsamtes aus und teilte ihm mit, dass die Behörde einige seiner Daten benötige.

Kontaktdaten des Hausarztes

Denn: Man wolle ihm einen neuen Impfausweis zuschicken, mit dem er sich zügig beim Hausarzt gegen das Coronavirus impfen lassen könne, so die vermeintlich gute Nachricht der Anruferin. Zu seiner Überraschung hatte sie neben Namen und Nummer samt Adresse auch schon sein Geburtsdatum parat. Nun benötige sie aber weitere Angaben, etwa seine weiteren Vornamen sowie Kontaktdaten des Hausarztes, „den wollte die Frau unbedingt haben, das kam mir schon komisch vor“, erzählt Enno Kraul.

Auch über die Art und Weise, wie die angebliche Behördenmitarbeiterin agierte, ihn ausfragte, wunderte er sich, „das war so ein seltsames Gespräch, da bin ich gar nicht drauf eingegangen“. Und über das Quasi-Impfangebot kann er im Nachhinein lachen – denn wie es der Zufall so wollte, wurde der Senior nur zwei Tage vor dem Anruf gegen Corona geimpft. Ein weiterer Hinweis, der ihn misstrauisch machte. Das lockende Versprechen eines schnellen Impftermins ging bei ihm also ins Leere, erzählt er.

Rentner vermutet Betrug

Offenbar war die Anruferin eine Betrügerin, die Daten abgreifen und ihm Geld aus der Tasche ziehen wollte, so die Vermutung des Rentners, der auf diesen dreisten Trick nicht hereinfiel. „Es ist unglaublich, auf was für Ideen die kommen. Irgendwann habe ich nur gesagt: Nein, Schluss damit!“ Er wartete gar nicht erst ab, ob die Anruferin auch noch seine Kontodaten oder Bargeld haben wollte. „Wenn ich weiter zugehört hätte, wäre das bestimmt noch gekommen“, schätzt Enno Kraul.

Er ließ sich nicht weiter auf diese anscheinend neue Masche von Telefonbetrügern ein und ging mit dem Anruf souverän um. „Ich habe genau darauf geachtet, was ich sage, und dann einfach aufgelegt“, sagt er. Direkt danach meldete er den Vorfall der Polizei und dem Gesundheitsamt.

Polizei rät bei solchen Anrufen: Sofort auflegen!

Damit hat er sich genau richtig verhalten, lobt die Polizei, bei der die Sache Aufmerksamkeit erregte und die vor möglichen weiteren Anrufen warnt. Es scheint bisher im Kreis der einzige gemeldete Betrugsversuch dieser Art mit Versprechungen zu Impfausweisen zu sein. Das ist wohl eine neue, aber bei weitem nicht die einzige Masche.

Es gebe immer wieder dreiste Betrugsversuche per Telefon in immer neuen Versionen: Die Anrufer oder auch ganze Netzwerke an Tätern versuchen „verschiedenste Begebenheiten in betrügerischer Art zu nutzen, auch in Zusammenhang mit Corona“, berichtet Martin Ahlich, Pressesprecher der Polizei Marburg. Sein eindringlicher Rat: „Am Telefon lasse ich mich auf nichts ein, wenn es um Daten, Unterlagen oder Geld geht – legen Sie einfach auf.“

Lange Folge aus Betrugsmaschen

Auch dieser Fall reihe sich leider ein in eine lange Folge aus Betrugstaktiken, vom Enkeltrick, den falschen Polizisten, die Wertsachen „sichern“ wollen, bis zum Schockanruf von einem vermeintlich verunglückten Angehörigen, „alle zielen letztlich auf Geld ab“.

Sein Tipp: Bei Betrugsverdacht am Telefon auf keinen Fall Daten herausgeben, einfach auflegen und im Zweifel den angeblichen Angehörigen, die Polizei oder Bank selbst aktiv zurückrufen – dabei aber nicht die Rückruf-Funktion nutzen, sondern eigenständig neu wählen und das Ganze aufklären.

Gesundheitsamt bietet keine Impfausweise zum Kauf an

Auch Enno Kraul ärgert sich sehr über solche Betrugsversuche. Bei ihm ging dieser ohne Schaden aus, bei zahlreichen anderen Fällen hatten die Täter mit anderen Tricks Erfolg. Er warnt vor der neuen Variante: „Gerade wenn ältere Leute auf einen Impftermin warten und es ruft das Gesundheitsamt an, dann glauben sie vielleicht, was da erzählt wird, und geben im schlimmsten Fall ihre Kontodaten heraus“, befürchtet der Senior.

Er habe im Nachgang noch einen Anruf erhalten, dieses Mal vom echten Gesundheitsamt, das ihm nochmals versicherte, nichts mit dem Anruf am Montag zu tun zu haben. Auch auf OP-Nachfrage teilt die Pressestelle des Kreises mit: „Selbstverständlich bieten Mitarbeitende des Gesundheitsamtes keine Impfausweise zum Kauf und zur Erlangung einer sofortigen Impfung an. Das ist völliger Unsinn.“ Es sei vielmehr „erschreckend, dass die Pandemie hier ausgenutzt wird, um kriminelle Geschäfte zu machen“.

  • Betroffene sollten bei einem entsprechenden Anruf nicht darauf eingehen, sofort auflegen und die Polizei informieren. Die Polizei Marburg ist unter 06421/4060 zu erreichen.

Von Ina Tannert