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Marburg „Wir schlafen neben wilden Tieren“
Marburg „Wir schlafen neben wilden Tieren“
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17:58 11.06.2020
Neugierig blickt ein Turmfalke durchs Fenster ins Haus der Schäfers in Schröck. Quelle: Heiko Schäfer
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Marburg

Ein, zwei, drei, vier, fünf Turmfalkenküken lugen aus der Nisthilfe von Familie Schäfer in Schröck. Vor acht Jahren wurde diese – übrigens Marke Eigenbau – mit der Drehleiter der Marburger Feuerwehr direkt in den Giebel gesetzt.

Die der Schröcker Wehr war zu kurz. „Ich habe dann einfach in Marburg angerufen und die haben daraus gleich eine Übung gemacht“, erinnert sich Katja Schäfer beim OP-Besuch vor ein paar Tagen.

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Die Turmfalken gehören schon richtig zur Familie. Jedes Jahr wird die Balz und später dann die Aufzucht der Küken genauestens beobachtet. Im Jahr 2016 sollte eine Kamera das Geschehen in der Nisthilfe aufzeichnen, aber die störte das Pärchen offenbar, denn sie zogen nicht so wie sonst in den weißen Kasten.

Seitdem wird die Vogelfamilie nur noch von der Straße aus beobachtet. Und das nicht nur von den Schäfers. Auch die Nachbarn schauen regelmäßig vorbei.

„Da gibt es dann richtig Theater“

„Es ist morgens der erste Blick, wenn man das Haus verlässt und abends, wenn man nach Hause kommt, auch“, gibt Heiko Schäfer zu. Schwiegervater Josef Weber beobachtet den ganzen Tag und ist wie alle total fasziniert. Während die Balz lautstark gegenüber auf dem Scheunendach stattfindet, wird es im Nest nur laut, „wenn er nicht schnell genug das Futter herbeischafft“, hat Katja Schäfer festgestellt und muss lachen, wenn sie das erzählt.

„Da gibt es dann richtig Theater.“ Die Schäfers bekommen das deswegen so genau mit, weil ihr Schlafzimmer genau unter der Nisthilfe ist. „Wir schlafen neben wilden Tieren“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Die Schröcker sind stolz auf ihren fiedrigen Nachwuchs. Bis jetzt hat das Falken-Pärchen immer alle Küken durchgebracht. „Das ist nicht selbstverständlich. 50 Prozent der Nachzucht überleben das erste Jahr nicht“, weiß Katja Schäfer.

Opa kontrolliert die Jungtiere

Auch deshalb ist sie oft aufgeregter bei den ersten Flugstunden als die Falken-Eltern selbst. Es kam schon einmal vor, dass sich einer der jungen Vögel im Vorgarten verirrte und auf dem Zaun landete oder stundenlang auf dem Weg sitzen blieb. „Sie sind dann wohl zu erschöpft und sammeln Kraft für den Weiterflug, hat uns mal ein Falkner erklärt“, so Heiko Schäfer, der dann dafür sorgt, dass Hund und Katze den Vogel-Nachwuchs in Ruhe lassen.

Nicht mal eine Woche dauern die ersten Ausflüge, dann sind die jungen Turmfalken von einem auf den anderen Tag weg. „Wir sehen sie dann oft beim Spaziergang im Feld“, ist sich Heiko Schäfer sicher, „und wenn es sehr schlechtes Wetter ist, finden sich auch alle wieder oben ein.“ Nur die Eltern kommen seit Jahren immer wieder in den Schwarzenbornweg, blieben sogar schon mal über Winter dort.

Noch kontrolliert Opa Josef Weber jeden Abend, ob die Jungtiere alle wieder nach Hause gefunden haben. In ein paar Tagen wird der Nachwuchs weg sein, die ersten Flugversuche haben schon begonnen. Dann wird ein Gerüst aufgestellt, die Nisthilfe abgebaut, saubergemacht und frisch gestrichen. „Falken sind nicht die saubersten, deswegen helfen wir ein wenig nach“, sagt Katja Schäfer lachend und freut sich schon auf den nächsten Vogel-Nachwuchs, hoffentlich im kommenden Jahr.

Von Katja Peters

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