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Marburg Biker gehen auf die Barrikaden
Marburg Biker gehen auf die Barrikaden
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21:10 26.07.2020
Motorradfahrer aus dem Landkreis sammelten sich am Sonntag in Niederweimar und fuhren dann gemeinsam zur Demo gegen Fahrverbote in Frankfurt. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

„Musste es ausgerechnet letzte Nacht regnen?“ war eine der am häufigsten gestellten Fragen am Sonntagmorgen (26. Juli) auf dem Pendlerparkplatz nahe des Kieswerks bei Niederweimar. Denn dort sammelten sich Motorradfahrer aus dem gesamten Landkreis, um gemeinsam zum Protest gegen drohende Motorrad-Fahrverbote in Frankfurt zu fahren. Vor drei Wochen, zu den Protesten in Wiesbaden, seien gut 80 Biker aus der Region gefahren. Am Sonntag waren es immerhin knapp 50 Motorradfahrer, die sich vom vorherigen Regen nicht abhalten ließen.

Die vom Bundesrat geforderten Fahrverbote auf beliebten Strecken zum Anwohnerschutz stoßen bei den Motorradfahrern auf wenig Gegenliebe. „Meine Frau ist leidenschaftliche Motorradfahrerin, wir haben uns durch das Motorrad kennengelernt“, sagt Günter Köller. „Bis vor kurzem wurde sie als Verkäuferin im Lebensmitteleinzelhandel noch als Corona-Heldin gefeiert, weil sie geholfen hat, den Laden am Laufen zu halten – und bei Sonntagsfahrverboten könnte sie ihrem Hobby an ihrem einzigen freien Tag nicht mehr nachgehen“, ärgert er sich.

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„Irgendwann muss Schluss sein mit Verboten“

Für Reiner Priemer, Gründer der „Hessenbiker“, ist klar: „Alle Motorradfahrer über einen Kamm zu scheren geht gar nicht.“ Denn nicht jeder hätte eine manipulierte – und somit zu laute – Auspuffanlage.

Rolf Schwedux findet: „Den Leuten, die mit manipulierten und somit nicht zulässigen Auspuffanlagen fahren, gehören die Maschinen stillgelegt“ – darüber müsse nicht diskutiert werden, so der Jurist. „Aber wenn es nur einige gibt, die sich nicht an die Regeln halten, darf man nicht allen anderen sagen, sie dürfen auf den Strecken nicht mehr fahren.“ Solche Fahrverbote würde auch er nicht mitmachen. Letztlich berge ein solches Verbot durchaus auch Gefahren für die Politik, es könne vermehrt zu „zivilem Ungehorsam“ kommen.

Für den Kirchhainer Dirk Wolf sind die drohenden Streckensperrungen nur ein erster Schritt, „wer sagt denn, dass in drei, vier Jahren nicht Wohnmobile verboten werden – oder irgendwann das Reiten durchs Feld“, sagt er sarkastisch. „Irgendwann muss mit den Verboten auch Schluss sein“, so Wolf.

Mehr Kontrollen gegen schwarze Schafe

Torsten „Elch“ Krämer ist ein Freund von mehr Kontrollen. „Denn so kann man die schwarzen Schafe extrahieren“, sagt er. Doch dies finde – offenbar aus Personalmangel – nicht statt. „Also geht man auf Fahrverbote, weil das die einfachere Lösung ist.“ Für ihn ist wichtig: „Ich will nur Motorrad fahren und nicht mit der Lautstärke auffallen.“ Der Industrie-Verband Motorrad Deutschland habe gesagt, dass Motorräder so laut seien, liege nicht an den Herstellern, „sondern an den Bikern“, sagt er. In den vergangenen 20 Jahren seien Motorräder jedoch immer lauter geworden – durch einen Fehler in einer europäischen Richtlinie. „Die Hersteller haben das Sounddesign geändert, der Kunde ist drauf angesprungen – und wer ist jetzt schuld, Henne oder Ei?“

Er hat durchaus Verständnis für die Anwohner. „Wenn ich an einer Bundesstraße wohne, wo am Tag 4 000 Motorradfahrer durchrauschen und darunter welche extrem laut sind, dann ist man irgendwann mit den Nerven am Ende. Es muss eine Lösung gefunden werden – aber ein generelles Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen kann nicht die Lösung sein – das ist nicht der richtige Weg.“

Bundesweit demonstrierten am Sonntag wieder Tausende Motorradfahrer – neben Frankfurt, wo für Stunden der Verkehr gestört wurde, war Dresden ein Schwerpunkt.

Von Andreas Schmidt

26.07.2020
26.07.2020