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Marburg Fahrstuhl-Türme verschwinden aus Stadtbild
Marburg Fahrstuhl-Türme verschwinden aus Stadtbild
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07:58 15.06.2021
Der Aufzug der Buchhandlung Elwert in Marburg wird abgerissen.
Der Aufzug der Buchhandlung Elwert in Marburg wird abgerissen. Quelle: fotos: Thorsten Richter
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Marburg

Eine Tür, an den Seiten zwei Holzwände, gegenüber eine bemalte Wand und ein paar Sekunden Ungewissheit. So kannten die Kunden, Studenten oder auch Touristen den kleinen Fahrstuhl, der sie über Jahrzehnte von der Buchhandlung Elwert an der Reitgasse in der Oberstadt zum Taschenbuchladen am Pilgrimstein oder umgekehrt beförderte. Als der TÜV vor achteinhalb Jahren eine erneute Ausnahmegenehmigung für den weiteren Betrieb verweigerte, legte Rudolph Braun-Elwert das 1960 gebaute Transportmittel still. Nun werden die beiden schon im Jahr 2013 von der Technik befreiten Aufzugstürme abgerissen.

Stillstand bei Überlastung

Ein bisschen Wehmut sei schon dabei, bekennt Rudolph Braun-Elwert, doch die Türme seien nutzlos, hätten keinen eigenen Charakter und sollten deshalb „aus der Innenstadt verschwinden“. Dieses Schicksal ereilt Ende dieses Monats den oberen, am Berg angelehnten Turm, nächstes Jahr wird der am Pilgrimstein stehende demontiert.

Rudolph Braun-Elwert erlebt somit Anfang und Ende der Geschichte des Liftes. Als 13-Jähriger trug er für den Bau der Türme den Speis in Eimern hoch, danach nutzte er den Lift wie viele andere Marburger. 50 Millionen seien es in den 50 Betriebsjahren gewesen, schätzt Rudolph Braun-Elwert, der mit einer Nutzung durch 30 Personen in der Stunde kalkuliert. Darunter auch viele Schüler, die „gern gesehen waren“, weil diese durch die Fahrstuhlfahrten die Schwellenangst vor dem Betreten der Buchhandlung überwanden.

Der Auslöser zum Bau des Fahrstuhls war, den Kontakt der Studenten zur Universitätsbuchhandlung zu erhalten. Dazu entschloss sich Braun-Elwerts Vater, als die Uni-Mensa aus der Oberstadt an den Erlenring umzog, die Stadt Marburg aber keinen Aufzug bauen wollte. Seitdem ratterte das Gefährt unaufhörlich auf und ab, beförderte auch Millionen Touristen oder Studenten aus dem Ausland. Ab und an trifft Rudolph Braun-Elwert bei seinen Reisen in Südost-Asien auf ehemalige Fahrgäste. „Die können mit dem Namen der Buchhandlung nichts anfangen, aber an den Fahrstuhl erinnern sie sich“, berichtet er.

Kein Wunder, waren die Fahrten doch auch abenteuerlich. Die Wände sausten an den Fahrgästen vorbei und manchmal blieb der Aufzug stehen. Wenn er als junger Mann nachts nach Hause wollte, musste er sich entscheiden: Fünf Minuten länger gehen oder zweimal 15 Sekunden Angst, stecken zu bleiben? „Aber eigentlich fuhr der Fahrstuhl sehr zuverlässig“, erinnert sich Braun-Elwert. Mechanische Ursachen waren sehr selten, Stillstand gab es nur, wenn der Lift überlastet war oder darin rumgesprungen wurde. Das löste die Notbremse aus und es ging nichts mehr.

Nothalte häuften sich

Die Aussetzer nahmen mit den zunehmenden Sicherungsmechanismen zu, die die Bauart des Liftes ohne geschlossene Kabine erforderten. Schon der Einbau einer Lichtschranke löste manchen unfreiwilligen Stopp aus, als dieser zu einem sogenannten Lichtschleier erweitert wurde, häuften sich die Nothalte, obwohl nur noch zwei statt drei Passagiere zugelassen waren. Dann stiegen Mitarbeiter der Buchhandlung in den Maschinenraum, um den Fahrstuhl wieder in Gang zu bringen, oder halt der Chef selbst. „Nicht bewegen, bleiben Sie ruhig!“, lautete dann die Devise, die für ängstliche Zeitgenossen nicht einfach zu befolgen war. Manchmal fuhr der Lift gerade wieder an, da unterbrachen die Fahrgäste durch Bewegungen in der engen Kabine wieder die Lichtschranke. Für manche war das potenzielle Steckenbleiben aber auch der Reiz der Fahrstuhlfahrt, berichtet Braun-Elwert und erinnert sich, dass der Aufzug mit der bunten Kabine auch für Pärchen „interessant“ war.

110-Meter-Kran rollt an

Die Erinnerungen an den kultigsten Fahrstuhl Marburgs bleiben, die Türme verschwinden. Bauarbeiter sind dabei, die letzten beweglichen Teile aus den Türmen zu entfernen, auch ein Schuppen, der als Lagerraum für Akten diente, ist schon verschwunden.

Der Bauschutt wird in Containern mithilfe eines kleinen Krans nach unten befördert. Am Montag, 21. Juni, rückt ein Kran an, der eine Höhe von 110 Metern erreicht, um die schweren Betonteile des oberen Turmes und des Maschinenhauses zu entfernen. Die Straße am Pilgrimstein ist dann von 22 bis 5 Uhr für den Verkehr gesperrt und das je nach Baufortschritt bis zu vier Nächte lang. Auch die Demontage bietet Rudolph Braun-Elwert einen Anknüpfungspunkt mit dem Bau der Fahrstuhltürme. „Für den Abriss zahle ich heute die gleiche Summe in Euro, wie der Bau 1960 in D-Mark kostete.“

Von Gianfranco Fain

14.06.2021
14.06.2021