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Marburg Fahrradwerkstätten werden wichtig
Marburg Fahrradwerkstätten werden wichtig
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14:00 23.03.2020
Georg Kaiser hält zwei Ersatzteile in seinen Händen, die derzeit nicht so leicht zu beschaffen sind. Das Coronavirus hat den Nachschub ausgebremst und etwa Lieferzeiten von E-Bikes verlängert, sagt der Fahrradhändler aus Cyriaxweimar. Quelle: Foto: Götz Schaub
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Marburg

Die Fahrrad-Saison fängt aufgrund des Coronavirus mit einem ordentlichen Schlag ins Kontor an. Stefan Maly von den Organisatoren der „Cyclingworld Düsseldorf", die am vergangenen Wochenende, also am 21. und 22. März, hätte stattfinden sollen, sah sich aufgrund der Vorgaben des Landes Nordrhein-Westfalen dazu gezwungen, die Messe abzusagen, bei der die Fahrradneuheiten präsentiert werden und die gerade im vergangenen Jahr einen Boom erlebte. An die Aussteller richtet er persönliche Worte: „Die Cyclingworld Düsseldorf, das sind nicht wir, sondern das seid ihr. Die Gesamtheit unserer Aussteller. Ihr seid es, die auf gut Deutsch Farbe und Leben in die Bude bringen. Das Ganze, wie wir in den vergangenen Jahren festgestellt haben, mit sehr viel Leidenschaft und Engagement.“

Marburger rechnet mit

weiteren Hiobsbotschaften

Radsporthändler Georg Kaiser aus dem Marburger Stadtteil Cyriaxweimar hatte seine fünf für die Messe erhaltenen Freikarten schon an Interessierte verteilt. Er geht davon aus, dass die Aussteller, Händler und Nutzer noch mehr Hiobsbotschaften erdulden müssen. So hat der Zweirad-Industrieverband unter seinen Mitgliedern zum Thema Coronavirus eine Umfrage zu Lieferfähigkeit und Wirtschaftstätigkeit der deutschen und internationalen Fahrradindustrie getätigt, berichtet die Fachzeitschrift „Velo Total“ in ihrer aktuellen Ausgabe. Das Ergebnis: Mehr als 80 Prozent aller Unternehmen berichten, dass die Coronavirus-Krise Auswirkungen auf Lieferfähigkeit und Wirtschaftstätigkeit haben wird. Rund 30 Prozent erwarten Verzögerungen von ein bis drei Wochen und mehr als 60 Prozent von vier bis sechs Wochen.

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Es gibt aber auch Betriebe, die mit noch längerer Verzögerung rechnen. Es geht dabei nicht nur um komplette Fahrräder – wie die stark nachgefragten E-Bikes, die in China gefertigt werden –, es geht auch um wichtige Ersatzteile, die schon jetzt nicht in der gewohnten Größenordnung an die Händler gelangen.

Kaiser sieht sich noch ganz gut aufgestellt, weil er frühzeitig reagierte, doch zuletzt wurde es auch für ihn „dünn“. „Von 20 bestellten Zwölffach-Ketten habe ich nur vier bekommen“, berichtet der Fachhändler. Verschiedene Ersatzteile sollen nur noch im Zusammenhang mit einer in Auftrag gegebenen Reparatur verkauft werden, nicht einfach nur so. „Die Vorbestellungen von Rädern reichen bereits bis in den Mai, für andere, für die schon Anzahlungen getätigt wurden, steht noch gar kein Liefertermin fest“, sagt Kaiser. Er geht davon aus, dass interessierte Kunden, die sich auf bestimmte Räder festlegen, die nicht gerade vorrätig sind, sehr viel Geduld haben müssen.

Das Branchenmagazin Radmarkt kommt deshalb zu dem Schluss: „Somit gesellt sich zu den durch den E-Bike-Boom ausgelösten letztjährigen Lieferengpässen eine weitere Komponente, die Bike-Anbieter und Bike-Fachhandel direkt betrifft und ihnen schon jetzt gehörige Kopfschmerzen bereitet.“ Entspannt bleibt Manfred König von Radsport König in Cappel. Seinen Lieferanten, die Firma Hartje, nennt er liebevoll „altmodisch“, was sich gerade jetzt auszahlen könnte. Denn Hartje hat praktisch alles, was im Hartje-Katalog angeboten wird, auch wirklich auf Lager vorrätig. Bleibt zu hoffen, dass sich die kommenden Monate besser als befürchtet darstellen. Bis zur Branche dominierenden Messe „Eurobike Friedrichshafen“ Anfang September bleibt ja auch noch etwas Zeit.

Derweil rücken die Fahrradwerkstätten immer mehr in den Fokus als systemrelevante Einrichtung, schreibt das „bike-magazin“ auf seiner Homepage. Das liegt daran, dass viele Menschen, die in der Stadt normalerweise den Bus nehmen, jetzt auf das Fahrrad umsteigen, um sich nicht unnötigen Risiken auszusetzen.

Nachdem Bike-Shops beispielsweise in Bayern einen Tag schließen mussten, sind die Läden mittlerweile wieder auf, die eine Werkstatt besitzen. Das „bike-magazin“ versteht diese Änderung nicht als Schritt zurück in die Normalität. Dort heißt es ganz klar: „Es ist im Moment sicher nicht die richtige Zeit, sich für einen Tuning-Laufradsatz für sein Bike im persönlichen Gespräch beraten zu lassen, aber die nötigsten Reparaturen können erledigt werden.“

Tobias Neudert, stellvertretender Filialleiter von b.o.c. (bike outdoor company) in Marburg-Wehrda, bleibt erst einmal gelassen. Im Laden gibt es nicht nur eine große Auswahl an Rädern, auch die Regale sind noch gut gefüllt mit Ersatzteilen. Aber auch er weiß: Wer ein bestimmtes E-Bike-Modell haben will, muss sich gedulden. Die Nachfrage sei enorm und immer wieder größer als das Angebot.

Von Götz Schaub

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